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10. Deutscher Hörfilmpreis 2012: Verena Bentele und Dieter Moor moderieren

Jubiläum und Premiere beim Deutschen Hörfilmpreis 2012 in Berlin: Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV) wird die begehrte Auszeichnung in diesem Jahr zum 10. Mal verleihen. Erstmals wird dabei eine blinde Moderatorin auftreten.

Esref Armagan mit Brille vor seinen Bildern

„Der mit den Fingern sieht“ gehört zu den nominierten Hörfilmen. Im Mittelpunkt der deutsch-spanisch-türkisch-italienischen Dokumentation steht Esref Armagan, der blind ist. Das hält ihn aber keinesfalls davon ab zu malen. In schönen Farben und mit sicherem Strich bringt er Menschen und Gegenstände zu Papier. Man hörte bereits von blinden Fotografen, auch Maler ohne Augenlicht soll es ja geben, und doch sind Armagans Fähigkeiten außergewöhnlich. Von Geburt an blind, bringt er Dinge, die er mit seinen Händen erstmal begriffen hat, nicht nur als exaktes Abbild auf die Leinwand, er vermag auch räumlich zu fühlen und stellt davon eine korrekte Perspektive dar...

Esref Armagan in seinem Atelier beim Malen

Für den Maler türkischer Abstammung eine großartige Fleißarbeit, denn seit seinem achten Lebensjahr lernt der nunmehr 52-jährige, der nie eine Schule besucht hat, Formen und auch Farben seiner Umwelt immer realistischer abzubilden. ‚Seit über 44 Jahren mache ich das nun. Immer wenn ich etwas Neues anfasse, merke ich mir: Welchen Namen hat es? Was hat es für eine Form? Welche Farben und Farbtöne könnte es haben? Diese Dinge habe ich mir eingeprägt.’ Dabei hielten Ärzte und Wissenschaftler den Mann lange Zeit für einen Scharlatan, bis sie ihn zu verschiedenen Kongressen einluden, ihn auf Herz und Nieren untersuchten und zu guter letzt malen ließen im Tomographen. Sobald seine Hände einen Gegenstand berühren, wird das Areal im Gehirn aktiv, das bei Sehenden ebenfalls in Aktion tritt. Esref Armagan sieht mit den Fingern. Im Grunde tut das jeder Blinde, aber wenn Armagans rechte Hand zeichnet und die linke schaut, ob jeder Strich richtig sitzt, dann steht der Sehende daneben und staunt mit offnem Munde.

Die Gala-Veranstaltung wird am 27. März 2012 im Atrium der Deutschen Bank, Unter den Linden, stattfinden. Schirmherrin ist zum vierten Mal die Schauspielerin Christine Neubauer.

Erstmals wird beim Deutschen Hörfilmpreis eine blinde Moderatorin auftreten. Die Paralympics-Rekordgewinnerin Verena Bentele wird gemeinsam mit Dieter Moor auf der Bühne stehen. Die ehemalige Biathletin und der TV-Moderator treten damit die Nachfolge von Mareile Höppner und Jochen Schropp an, die im Vorjahr durch die Veranstaltung führten.

Erste große Moderation für Verena Bentela

Für Verena Bentele ist es die erste Moderation einer großen Abendveranstaltung, nachdem sie 2011 bereits als Laudatorin auftrat. Nach zahlreichen sportlichen Erfolgen, für die sie unter anderem mit dem Bambi und dem Laureus Award ausgezeichnet wurde, gab die Weltbehindertensportlerin des Jahres 2011 im November das Ende ihrer sportlichen Karriere bekannt.

Dieter Moor ist seit mehr als vier Jahren Moderator des ARD-Kulturmagazins „Titel, Thesen, Temperamente“. Für 3sat berichtet er regelmäßig von der Berlinale, für den RBB ist der engagierte Ökolandwirt mit „Bauer sucht Kultur“ unterwegs und moderiert zudem den regelmäßigen Talk „Im Palais – Zu Gast bei Dieter Moor“.

Was ist ein Hörfilm?

Filme ohne Bilder sind Alltag für die rund 1,2 Millionen blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland. Die meisten unter ihnen nutzen das Fernsehen als wichtigstes Informations- und Unterhaltungsmedium, brauchen aber zusätzliche akustische Bildbeschreibungen, um die Beiträge „sehen“ zu können.

Ein Hörfilm ist ein Kino- oder Fernsehfilm mit eben solchen zusätzlichen Bildbeschreibungen. In den Dialogpausen vermitteln knappe Erläuterungen die visuellen Elemente einer Szene. Diese Technik, die blinden und sehbehinderten Menschen einen direkten Zugang zu Fernsehen, Kino und Theater eröffnet, nennt sich AUDIODESKRIPTION. Die Idee der Audiodeskription entwickelte Gregory Frazier an der Francisco State University of Creative Arts Mitte der 70er Jahre. Im Jahr 1989 wurde sie erstmalig in Europa auf den Filmfestspielen in Cannes vorgestellt.

Die Nominierten 2012

• „Bella Block – Stich ins Herz“ (2011, Regie: Stephan Wagner) eingereicht vom ZDF
• „Chandani und ihr Elefant“ (2009, Regie: Arne Birkenstock) eingereicht von RealFiction Filmverleih
• „Der mit den Fingern sieht“ (2011, Regie: Savaş Ceviz) eingereicht von MusOna Film
• „Föhnlage – ein Alpenkrimi“ (2011, Regie: Rainer Kaufmann) eingereicht vom Bayerischen Rundfunk
• „Psycho“ (1960, Regie: Alfred Hitchcock) eingereicht von ARTE
• „Tatort – Im Netz der Lügen“ (2011, Regie: Patrick Winczewski) eingereicht vom Südwestrundfunk
• „Tatort – Mauerpark“ (2011, Regie: Heiko Schier) eingereicht vom Rundfunk Berlin Brandenburg
• „The King’s Speech“ (2010, Regie: Tom Hooper) eingereicht von Senator Home Entertainment
• „Weissensee“ (2010, Regie: Friedemann Fromm) eingereicht vom Mitteldeutschen Rundfunk
• „Wer wenn nicht wir“ (2011, Regie: Andres Veiel) eingereicht von zero one film
Zudem wurden folgende Projekte nominiert:
• Hörfilme in der Caligari FilmBühne, Wiesbaden
• Audiodeskription im Erlebniszentrum Naturgewalten Sylt

Die Jury

• Dr. Dietrich Plückhahn, Jury-Vorsitzender
• Lars-Olav Beier, Filmredakteur DER SPIEGEL
• Reinhard Glawe, Bert Mettmann Stiftung
• Brigitte Grothum, Schauspielerin und Regisseurin
• Nico Hofmann, Regisseur und Produzent
• Hans-Joachim Krahl, Vorsitzender Blinden- und Sehbehinderten-Verband Sachsen-Anhalt e.V.
• Claudia Roth, Bundesvorsitzende Bündnis 90/ DIE GRÜNEN; Mitglied im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien; Copyright Bündnis 90/DIE GRÜNEN
• Thilo Graf Rothkirch, Regisseur und Produzent
• Bettina Zimmermann, Schauspielerin

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