100 Jahre Blindenführhunde in Deutschland – wie alles begann

Ein besonderes Jubiläum: Silke Rauterberg erzählt, wie ein Labrador ihr das Hardcore-Leben erleichtert. Von Ulrike von Leszczynski

Die erblindete Silke Rauterberg geht in Berlin mit ihrem Blindenführhund Zan einen Gehweg entlang. (Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

Die erblindete Silke Rauterberg geht in Berlin mit ihrem Blindenführhund Zan einen Gehweg entlang. (Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

„Nicht streicheln, ich arbeite!“. Die Botschaft prangt am Geschirr von Blindenführhund Zan und ist eindeutig: Der schwarze Labrador mit treuen braunen Augen ist im Dienst, Rumschmusen geht jetzt nicht. Er begleitet seine Halterin Silke Rauterberg in Berlin zur Arbeit, zum Einkaufen oder zu Freunden am anderen Ende der Hauptstadt. Ein Leben ohne Hund kann sich die blinde 45-jährige Verwaltungsbeamtin gar nicht mehr vorstellen. Selbstverständlich ist das nicht. Die systematische Ausbildung von Führhunden für Blinde gebe es in Deutschland erst seit 100 Jahren, sagt Volker Lenk, Sprecher des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV).

Helfer auf vier Pfoten
Er war der erste: Paul Feyen mit seinem Blindenführhund. (Foto: Privat/Familie Feyen)

Er war der erste: Paul Feyen mit seinem Blindenführhund. (Foto: Privat/Familie Feyen)

Im Oktober 1916 übergab der Deutsche Verein für Sanitätshunde den ersten systematisch ausgebildeten Blindenführhund an den im Krieg erblindeten Paul Feyen. In den folgenden Jahren wurden zunehmend auch Hunde an „Zivilblinde“ abgegeben.
Das fand auch im Ausland viel Beachtung und die Idee der systematischen und institutionellen Ausbildung von Führhunden führte zu Neugründungen von Schulen in der Schweiz, in England und den USA. Seither profitieren weltweit blinde und sehbehinderte Menschen von den Führleistungen ihrer Hunde.
Führhunde sind aber nicht nur „sehende Assistenz“. Sie sind „Hilfsmittel mit Seele“. Ein Führhund bietet Hilfe und Freundschaft und steht seinem Halter rund um die Uhr zur Verfügung – und das ein Leben lang. Das macht ihn einzigartig. Denn selbst die sich stetig weiterentwickelnden Technologien können die Leistungen eines Führhundes allenfalls ergänzen, nicht ersetzen.
Laut Wikipedia besitzen nur ein bis zwei Prozent der Blinden in Deutschland einen Führhund. Laut dem Autor Detlef Berentzen sind es noch weniger (siehe unten in unserem Bericht). Die Ausbildung zum Blindenführhund kostet im Schnitt etwa 15.000 Euro.

Wenn es mit dem Blindenstock zu langsam geht

„Such Weg“, „such Eingang“, „such Lift“ – all diese Kommandos hat das 30-Kilo-Kraftpaket Zan als junger Rüde gelernt. Er fährt Bus und Bahn, steigt mit ins Flugzeug. Anreden wie „Komm, Schatz“ hört er besonders gern. „Ich bin ein schneller Typ“, sagt Silke Rauterberg. „Allein mit dem Blindenstock geht mir alles zu langsam.“

Rauterberg hat ihre Behinderung immer als Herausforderung gesehen. Als sie noch einen winzigen Sehrest hatte, schrieb sie ihr Abitur am Regelgymnasium mit schwarzem Filzstift. Für ihre drei Kinder gab es in der Wohnung später mehr Türgitter als anderswo, Tragegurte statt Kinderwagen und bald auch Julchen: ihren ersten Führhund. Heute kann Rauterberg nur noch hell und dunkel unterscheiden. Trotzdem reitet sie Turniere. „Geht alles“ sagt sie. Wenn sie etwas vermisst, ist es Autofahren. „Dann könnte ich noch mobiler und selbstbestimmter sein.“

Wie viele blinde Menschen es in Deutschland gibt, wird statistisch nicht erfasst. Schätzungen gehen von 1,2 Millionen Blinden und Sehbehinderten aus. „Auch für die Zahlen ihrer Hunde gibt es nur Schätzungen“, sagt Sabine Häcker beim DBSV. Detlef Berentzen, der zum Jubiläum eine Kulturgeschichte der Partnerschaft zwischen Blinden und Führhunden geschrieben hat, geht von bis zu 3000 Tieren „im aktiven Dienst“ in Deutschland aus. Gern ausgebildet werden gutmütige und arbeitsfreudige Hunde ohne Aggressionspotenzial – Königspudel, Riesenschnauzer, Deutsche Schäferhunde, Labradore oder Golden Retriever.

Was wirklich nervt

Silke Rauterberg ist klein und hat eine zierliche Figur. Hund Zan bedeutet für sie auch Schutz. „Ich will nicht hilflos oder unbeholfen aussehen und vor allem kein latentes Opfer sein“, sagt sie. Besonders hasst sie es, wenn Menschen sie – und sei es aus Hilfsbereitschaft – einfach ungefragt anfassen. „Wenn Zan dabei ist, überlegen die sich das zweimal.“ Die zweite große Hilfe im Alltag ist ihr Handy. Auch das Sprachprogramm hat sie auf Tempo programmiert. Es liest ihr rasend schnell Mails und andere Nachrichten vor. Das Navi-System hilft ihr bei der Orientierung in der hektischen Hauptstadt.

„Früher gab es in Deutschland auch nicht mehr Führhunde“, sagt Buchautor Berentzen. Denn durch die Zeiten bleibt eine zentrale Voraussetzung: Blinde müssen ihre Partner auf vier Pfoten lieben und versorgen – inklusive dreimal Gassigehen am Tag. Viele junge Leute setzten heute lieber auf Technik als bevorzugtes Hilfsmittel, ergänzt Berentzen. „Hinzu kommt, dass viele Menschen erst im Alter erblinden“, ergänzt Sabine Häcker. „Wer sein Leben lang keinen Draht zu Hunden hatte, wird mit 70 Jahren auch keinen mehr wollen.“

Keine neuzeitliche Idee

Rembrandt Der blinde Tobias

Dass ein Hund Blinden helfen kann, war schon in der Antike bekannt. Zeugnisse finden sich in der Malerei, zum Beispiel im 17. Jahrhundert auf Rembrandts Zeichnung „Der blinde Violonist mit Hund“ (kleines Foto). Im 18. Jahrhundert ließen sich die Bewohner des Pariser Blindenheims Quinze-Vingts von Hunden durch die französische Hauptstadt führen. Die systematische Ausbildung in Deutschland aber war eine direkte Folge des Ersten Weltkriegs. „Bei den Gasangriffen erlitten Soldaten Verätzungen der Augen. Es kam zu massenhaften Erblindungen“, berichtet Berentzen.

Der Deutsche Verein für Sanitätshunde in Oldenburg organisierte daraufhin die „Umschulung“ der ersten Vierbeiner. Die Trainingsmethoden waren allerdings so martialisch, dass sich die Anwohner über die Schmerzenschreie der Tiere beschwerten. Ab 1923 setzte der Verein für Deutsche Schäferhunde in Potsdam auf eine gewaltfreiere Erziehung durch Belohnung. Ihre Schule war auch Vorbild für das Training in den USA.

Genosse Hund

Demnächst geht er in Rente: Silke Rauterberg nimmt Zahn das Geschirr ab. (Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

Demnächst geht er in Rente: Silke Rauterberg nimmt Zahn das Geschirr ab. (Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

In der DDR war die Ausbildung von „Genosse Hund“ zentralisiert, in Westdeutschland privatisiert, berichtet Forscher Berentzen. Heute ist sie in ganz Deutschland in privater Hand. Die Qualitätskriterien stammen allerdings aus dem Jahr 1993. Der DBSV fordert deshalb, dass sie überarbeitet werden. Die Kosten für einen Führhund übernehmen bei blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen die Krankenkassen.

Bis Silke Rauterberg und Zan ein Team wurden, hat es auch ein wenig gedauert. „Ich wollte eigentlich keinen Labrador, er ist ein wenig zu groß und zu schwer für mich“, sagt sie. Doch nur wenige Führhunde seien geeignet für die Anforderungen einer Metropole. „Berlin ist echt Hardcore für sie“, sagt Rauterberg. „Der Lärm, der Verkehr und vor allem die vielen anderen Hunde.“ Zan sei schon zweimal zusammengebissen worden, weil er trainiert sei, ohne Aggression zu reagieren.

Seitdem ist der temperamentvolle Labrador unruhiger. Das ist ein Risiko für seine Halterin. Silke Rauterberg möchte ihn in Rente schicken – ganz ohne Arbeit. „Ich bin anspruchsvoll bei der Führleistung. Ich will Zan nicht bestrafen müssen, wenn er große Fehler macht“, sagt sie. Sein Nachfolger ist im Training.

Am 7. Juli wird um 18 Uhr im Berliner Kleisthaus die Wanderausstellung „Helfer auf vier Pfoten – 100 Jahre Blindenführhundausbildung in Deutschland“ eröffnet.
Buch: Detlef Berentzen, Blindenführhunde – Kulturgeschichte einer Partnerschaft, Verlag Ripperger & Kremers, 328 Seiten, 19,80 Euro, ISBN: 978-3-943999-91-4

(RP/dpa)

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