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100 Jahre Prager Jedlička-Institut für Behinderte

Tschechiens bekannteste Einrichtung für integrative Betreuung feiert ihr Jubiläum spektakulär.

Artistisch: Jakub Koucky und nach ihm einige andere Rollstuhlfahrer seilen sich am Samstag vom Dach des Prager Kongresszentrums ab. Anlass der spektakulären Aktion: das 100-jährige Jubiläum des Jedlička-Instituts für Behinderte (Foto: Kawa)

Artistisch: Der Rollstuhlfahrer Jakub Koucky mit einem Helfer an der Wand des Prager Kongresszentrums (Foto: Kawa)

Im Jahr 1913 wurde in der damaligen Prager Vorstadt Vyšehrad ein absolutes Novum eröffnet: eine für die damalige Zeit fortschrittliche Sozialeinrichtung für körperlich behinderte Kinder. Initiator war der Verein für die Erziehung Körperbehinderter unter der Führung des tschechischen Chirurgen und Radiologen Rudolf Jedlička.

Nach dem Arzt wurde die Einrichtung dann auch benannt. Das „Jedličkův ústav“ (Jedlička-Institut) hatte am 1. April seinen 100. Geburtstag. Am gestrigen Samstag gab es aus Anlass des Jubiläums eine spektakuläre Aktion: Rollstuhlfahrer und Helfer seilten sich vom Dach des Prager Kongresszentrums ab – angefeuert von einem faszinierten Publikum.

Schlechte Zeiten, gute Zeiten

Das Institut hat auch schon düstere Zeiten erlebt. Schon kurz nach der Gründung wurde es zu einer Einrichtung für Kriegsversehrte umgewandelt, damit diese möglichst schnell wieder zur Armee zurückkehren könnten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es unter staatliche Obhut. In der Zeit des kommunistischen Regimes, „das sich bei jeder Gelegenheit als das humanste aller Gesellschaftssysteme zu deklarieren pflegte, konnte man nur wenige Behinderte sehen“ (Radio CZ). „Womöglich mussten die meisten von ihnen hinter den Wänden verschiedener Anstalten ein tristes Dasein fristen.“

Erst seit 2000 wurde das Jedlička-Institut modernisiert und entwickelte seinen heutigen Ansatz. Seither erfahren hier etwa 200 Schüler eine Rundumbetreuung: Zu ihrem Programm gehören neben dem Schulbesuch auch Sport, Musik und Berufseingliederungsmaßnahmen.

Die körperlich beeinträchtigten Schüler wohnen im Institut und werden auch medizinisch versorgt – ein Konzept, das in Deutschland in den 1970ern und 1980ern mit beispielsweise den Reha-Zentren im Heidelberger Raum (Wieblingen und Neckargemünd) populär war, aber auch als Ghettoisierung kritisiert wurde.

Kateřina Morozová (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Kateřina Morozová (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Rückkehr in eine normale Umgebung

Jan Pičman, der Direktor des Jedlička-Instituts, glaubt trotzdem, dass dieses Model beispielhaft ist in seinem Land: „Ich bin manchmal so frech zu sagen, dass wir heute eigentlich dahin zurückkehren, womit Jedlička angefangen hat. Hauptsächlich bedeutet das, den Akzent auf Ausbildung und soziale Integration zu legen. Wir drängen oder zwingen manchmal sogar unsere Schüler, sich so gut wie möglich auf eine Rückkehr in eine normale Umgebung vorzubereiten und einmal Arbeit zu finden.“

Zu den Schülern gehört beispielsweise Kateřina Morozová. Sie wird in diesem Jahr ihr Abitur machen und möchte auf die Filmhochschule: „Am besten gefällt mir der Filmschnitt. Ich habe schließlich bereits auf meinem Notebook einige Filme produziert.“

In den vergangenen zehn Jahren hat das Institut begonnen, auch geistig behinderte Kinder aufzunehmen.

(RP)

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