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Schizofrantik: Teufelsritt auf dem avantgardistischen Progschimmel

imageThe night on the shark, Studio Album, erschienen 11/2013

Songs / Trackliste:

01. The Knight On The Shark (Beside The Ship Which Is Not Sunken Yet)
02. Marching Through The Meadow
03. The Human Slaughter Tango
04. Nazis On LSD
05. Psychic Scars
06. Liquid Light
07. Thanx Dog

Line-up:

Martin Mayrhofer / Gesang, Gitarre, Keyboard/Programmierung
Peter Braun / Bass
Andy Lind / Drums
Helmut Sinz/Akkordeon auf „3“
Joschi Joachimstaller/Gitarre auf „4“ und „6“

All songs and lyrics: Martin Mayrhofer

Produced and mixed by Martin Mayrhofer and Andy Lind

Drums and vocals recorded by Andy Lind

Guitars and Bass recorded by Martin Mayrhofer

Mastering: Yogi Lang (Gentle Art of Music)

Die Avantgarde-Progger Schizofrantik aus München um den umtriebigen Martin Mayrhofer haben wieder zugeschlagen. Und es ist wie nicht anders zu erwarten ein musikalischer Teufelsritt auf dem avantgardistischen Progschimmel geworden. Seit November 2013 steht ihr neues Album „The Knight On The Shark (Beside The Ship Which Is Not Sunken Yet)“ in den Plattenläden.

Total abgefahren, voller Überraschungen und interessanter musikalischer Wendungen

Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass mir die Recken um den Multiinstrumentalisten Martin Mayrhofer bisher völlig verborgen geblieben sind, obwohl Schizofrantik bereits seit 1998 in wechselnden Besetzungen immer wieder Alben produziert haben. Was es auch nicht leichter macht: das Konzept des Albums scheint mir spontan in einer Art völliger Konzeptlosigkeit zu liegen. Noch schwieriger: Das Album ist eine Achterbahnfahrt durch ein gnadenloses musikalisches Labyrinth. Insofern hat mich die CD offen gestanden zunächst völlig überfordert. Aber insofern ist die CD auch total abgefahren, voller Überraschungen und interessanter musikalischer Wendungen. Was die CD ausserdem demonstriert: Die Band um Mayrhofer ist mit großartigen Protagonisten besetzt, von denen sich so mancher „Weicheiprogger“ durchaus eine Scheibe abschneiden kann.

Ich starte also den nächsten Versuch, mache es mir in meinem Sessel bequem, schiebe den Silberling erneut in den CD Player und nehme das Booklet zur Hand. Denn immer dann, wenn ich Gefahr laufe, dass sich mir ein musikalisches Machwerk nicht so recht erschließen will, ist das in aller Regel hilfreich. Dabei stelle ich schnell fest, dass Mayhofer und Konsorten zu jedem Stück eine Story abliefern, die die Entstehungsgeschichte der einzelnen Stücke mehr oder weniger liebevoll beschreibt.

Tiefer Griff in die avantgardistische Progkiste

Auf der Suche nach musikalischen Vorbildern muß ich dann tief in die avantgardistische Progkiste greifen. Bei Zappa, King Crimson und Konsorten werde ich fündig. Ohnehin scheint sich Mayrhofer gerne bei Zappa zu bedienen, dem Godfather des musikalischen Chaos. Aber eben auch nicht bedingungslos. Schizofrantik kommt durchaus eigenständig daher, auch wenn diese gemeinsame musikalische Komponente in Form von Zappa-Chaos hier eindeutig zu finden ist.

Was man Mayrhofer und Konsorten jedenfalls nicht vorwerfen kann: dass sie mit weichgespültem Prog daher kommen. Das verbietet allein schon die Tatsache, dass Schizofrantik auch mit ihrer neuen Scheibe nicht anders eingeordnet werden können, als im Avantgarde des sogenannten Progressive Rock. Insofern erwartet den geneigten Zuhörer hier auch ständig das Unerwartete.

Schon der Basslauf ganz am Anfang der ersten Nummer „The Knight On The Shark (Beside The Ship Which Is Not Sunken Yet)“ macht mich völlig kirre und läßt für den Rest der Scheibe erwarten, dass da noch einiges auf mich zukommt, was es zu verkraften gilt. Kein leeres Versprechen. Der Silberling ist in der Tat teilweise ziemlich anstrengend aber dann irgendwie auch wieder großartig, weil völlig abgefahren.

Ziemlich beklopptes Coverartwork

Wenn man einen Blick auf das Coverartwork wirft, stellt man fest, dass es exakt zur abgelieferten Musik passt. Denn auch das ist völlig abgefahren: ein einkopierter Ritter auf einem Hai vor einem mit Wasserfarbe gemalten Hintergrund, auf dem ein Schiff zu sehen ist. Und das Schiff ist noch nicht gesunken, weil das Kind, das das Motiv entworfen hat und das offensichtlich ein Neffe von Mayrhofer ist, sich dazu entschlossen hat, dass das Schiff dann doch voraussichtlich erst irgendwann in der Zukunft sinken soll. Cool!

Und hier wird dann auch, zumindest schemenhaft so etwas wie ein Konzept sichtbar. Das Konzept scheint mir in einer Art Konzeptlosigkeit zu liegen. Denn offensichtlich hat der Multiinstrumentalist Mayrhofer hier gar kein Konzept im eigentlichen Sinne im Sinn. Er setzt Ideen, die ihm musikalisch und textlich so im Kopf herum schwirren Eindrücke, die sich ihm offenbaren, einfach musikalisch um und bannt sie dann auf einen Silberling. Fertig!

Was bei der aktuellen CD von Schizofrantik musikalisch dabei heraus kommt, ist erfrischend und spontan klingender Avantgarde Prog. Vom jazzigem Progrock über Fusion-Progmetal, zappamäßigem Avantgardeprog bis hin zu melodiösem Gitarrenprog reicht hier die musikalische Bandbreite. Das Angebot auf dieser Scheibe ist dann auch definitiv nichts für Weicheier. Wer allerdings auf abgefahrenen Avantgarde Prog mit jazzigen Fusionelementen steht und ausserdem nichts gegen verproggte Tangonummern einzuwenden hat, für den kann die Neue von Schizofrantik durchaus erste Wahl sein. Für alle anderen, die offen sind für eher experimentellen Progressive Rock ist es mindestens eine sehr interessante musikalische Erfahrung.

Persönliche Anspieltipps gefällig?

Besonders abgefahren und am klassischen Tango orientierte Nummer: The Human Slaughter Tango. Auch heftig: Nazis on LSD. Und: Wenn es auf dieser CD überhaupt eine „weichgespülte“ Prognummer gibt, dann ist das „Thanx dog“: Reine Gitarrennummer, jazzig angehaucht, sehr laid-back und schlagwerg-technisch mit Ambient-Elementen programmiert.

Die CD „The Knight On The Shark (Beside The Ship Which Is Not Sunken Yet) ist erschienen beim Münchener Label „Gentle Art of Music“ und wird vertrieben von „Soulfood“.

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Lothar Epe

Lothar Epe

Dieser Beitrag erscheint als unabhängiges Blog auf ROLLINGPLANET. Er wurde von der Redaktion weder geprüft noch muss er unsere Meinung wiedergeben. Auf ROLLINGPLANET können alle User – die etwas zu sagen haben – ihr eigenes Blog veröffentlichen. Lothar Epe ist verheiratet und hat drei Kinder. Als 56-Jähriger begann er 2011 ein Studium an der Freien Journalistenschule in Berlin. Er hat das Post-Polio-Syndrom (Spätfolge der als Kind durchgemachten Poliomyelitis). Bei ROLLINGPLANET tritt Epe zweifach auf: Als ROLLINGPLANET-Redakteur und hier als privater Blogger, der unabhängig von der Redaktion schreibt, was ihm wichtig ist. Zum ausführlichen Profil.

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