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15 Jahre Deutscher Hörfilm – eine Bilanz

Audiodeskriptionen übersetzen für blinde Menschen in Sprache, was im Film nur zu sehen ist.

So war es vor einem Jahr in Berlin: Christina Rau, Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, kam zur Verleihung des Hörfilmpreises (Foto: Jörg Carstensen, dpa/lbn)

So war es vor einem Jahr in Berlin: Christina Rau, Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, kam zur Verleihung des Hörfilmpreises (Foto: Jörg Carstensen, dpa/lbn)

Wenn Martina Wiemers an einen ihrer ersten Hörfilme zurückdenkt, muss sie herzlich lachen. „Aus einem Radio ertönt Folklore-Musik“, verlas da eine sonore Stimme im Hintergrund. „Dankeschön, das höre ich selber“, dachte sich die Geschäftsführerin der Deutschen Hörfilm Gesellschaft, die Audiodeskriptionen für blinde und sehbehinderte Menschen produziert. Doch die Zeiten, in denen Filme für Blinde daherkamen wie ein schlechtes Hörspiel, sind vorbei.

Die Tonspur, sagt Wiemers, sollte als emotionale Reise gestaltet sein. Besonders gelungene Fassungen sollten am Dienstagabend in Berlin wieder mit dem Hörfilmpreis ausgezeichnet werden. Der vom Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und der gemeinnützigen Deutschen Hörfilm GmbH initiierte Preis wird in diesem Jahr zum elften Mal vergeben.

„Nicht zu abstrakt, nicht zu lyrisch“

Audiodeskriptionen übersetzen in Sprache, was im Film nur zu sehen ist – in Deutschland gibt es sie bislang nur bei TV-Filmen und DVD-Ausgaben von Kinoproduktionen. Kurz, präzise und schnell verständlich erzählen Filmbeschreiber, aus welchen Bildern, Blicken und Gesten die Handlung um die Dialoge entsteht. „Nicht zu abstrakt und nicht zu lyrisch“ sollte das sein, sagt Evelyn Sallam. „Hauptsache ist, dass die Geschichte bei mir ankommt“.

Evelyn Sallam ist blind. Seit 13 Jahren textet die studierte Germanistin Hörfilme. Ein sehender Kollege gibt den kompletten Film in Worten wieder. Sie testet, ob alles drin ist. „Als nur Hörender hat man nur eine Chance, etwas zu begreifen“, sagt Martina Wiemers. „Wenn man einen Moment verpasst, fehlt vielleicht eine Figur.“

Es hat sich etwas getan

Seit die Deutsche Hörfilm vor 15 Jahren gegründet worden ist, ist viel in Bewegung gekommen. Der erste Film mit Audiodeskription wurde 1993 im ZDF ausgestrahlt. Inzwischen ist zum Beispiel jeder „Tatort“ mit einer Hörbeschreibung versehen.

Auch für andere Produktionen seien die Fernsehsender mittlerweile sehr ansprechbar, beobachtet Wiemers. Weil seit der GEZ-Reform auch Blinde zur Zahlung der Rundfunkgebühren verpflichtet sind, bestehe hier allerdings auch ein gewisser Rechtfertigungsdruck.

Seitdem der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) mit Beginn des Jahres seine Förderrichtlinien geändert hat, um Filme für blinde und hörgeschädigte Menschen zugänglich zu machen, werden nun fast drei Viertel aller in Deutschland produzierten Kinofilme eine Hörfassung haben. Für alle vom Deutschen Filmförderfonds oder der Filmförderungsanstalt unterstützten Produktionen ist dies verpflichtend – allerdings gibt es dabei auch Ausnahmeregelungen, die kritisiert werden (ROLLINGPLANET berichtete).

Ständige Suche nach Sponsoren

Dass die nach Auskunft des DBSV rund 650.000 blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland auch internationale Kinofilme wahrnehmen können, ist indes noch relativ selten. Für jede Produktion bemüht sich die Deutsche Hörfilm, die 1998 aus dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband heraus entstanden ist, aufs Neue um Sponsoren. Dabei sind die Kosten für eine Audiodeskription mit 5000 Euro verschwindend gering, gemessen an den Budgets von Filmproduktionen.

Martina Wiemers rechnet damit, dass ab Mitte des Jahres auch die ersten Kinos in die Technik für Hörfilme investieren werden. Blinde und Sehbehinderte könnten dann mit ihren sehenden Freunden ins Kino gehen – und mitreden.

(dpa)

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