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ROLLINGPLANET beweist: Behinderung ist, wenn man trotzdem lacht
Zeichnung: So sieht Jens Heise sich selbst
ROLLINGPLANET wagt erstmals eine Kolumne: “Wie Jens die Welt sieht”. Wir haben dafür eine besondere Form gewählt: Cartoons. Gezeichnet von Jens Heise, 47, bei dem vor elf Jahren Multiple Sklerose diagnostiziert wurde. Zum Auftakt stellen wir den Illustrator mit einem Interview vor. Darin geht es nicht nur lustig zu.
Weit weg hat es Jens nicht zu seinem Lieblingshobby: Er lebt in Marl. Das ist eine halbe Autostunde von Gelsenkirchen entfernt. Also von der Veltins-Arena. Fast jedes Heimspiel von Schalke 04 besucht Jens – und es war ein Fanclub des Fußball-Bundesligisten, der ihn als Cartoonisten entdeckte. Seither arbeitet er fast täglich an Illustrationen – und ab sofort auch für ROLLINGPLANET. “Wie Jens die Welt sieht” heißt unsere Kolumne, die heute mit der ersten Folge beginnt: “Nichts als Ärger mit Helmut Schmidt”. Künftig wird Jens voraussichtlich zwei bis drei Mal pro Monat auf seine Art und aus seiner Sicht beweisen, dass man auch im Rollstuhl – oder mit einem anderen Handicap – lachen kann. Oder, verdammt noch mal, muss.
Nicht ohne meine Sauerstoffflasche
Alles klar heute? Wie geht es?
Tach auch! Wie immer in der kalten, dunklen Zeit….hervorragend!
Vor elf Jahren wurden bei dir Multiple Sklerose und das Bing-Horton-Syndrom diagnostiziert. MS kennen wir – was ist denn das Bing-Horton-Snydrom? Wie wirkt sich beides auf deinen Alltag aus?
Realität: Das ist Jens – "für Folgeschäden beim Anblick hafte ich nicht!"
Die Diagnose MS bekam ich im Frühjahr 2000. Bing-Horton-Syndrom kam 2001 hinterher. Diese andere Sache ist eine sehr schmerzhafte Kopfschmerzerkrankung, auch unter dem Namen “Clusterkopfschmerz” bekannt.
Ich bin mittlerweile in einem chronischen Status, der mir in 24 Stunden bis zu zehn, zwölf Anfälle beschert. Wie bei MS gibt es auch hier kein Heilmittel, sondern nur Prophylaxe in Form von Betablockern und Spritzen für die schwereren Anfälle. Zudem hilft mir sehr oft reiner Sauerstoff mit 15l/min.
Eine Bekannte, die ebenfalls darunter leidet, beschrieb es mal als “Schmerz der Geburt in Stecknadelgröße”…Und so ähnlich fühle ich – es ist, als wenn im Herztakt ein glühendes Messer von hinten ins Auge gestochen wird.
Mein Alltag gestaltet sich sehr schwierig, da ich ständig die Medikamente und eine kleine Sauerstoffflasche mit mir rumschleppen muss. Dazu noch die Blicke, wenn es zu einem Anfall kommt…eben kein “normales” Leben.
Du bist seither Frührentner. Was war das am Anfang für ein Gefühl?
Ein sehr schlechtes Gefühl. Die ersten Wochen waren wie Urlaub, aber dann kommt die große Langeweile. Man kommt sich so nutzlos vor….
Was hattest du früher gearbeitet?
Oh je….da gab es viele Berufe. Die letzen Jahre als Netzwerktechniker.
Deine Tochter ist auch schwerbehindert, entnehmen wir deiner Homepage. Wie alt ist sie?
Ein schweres Thema für mich. Ann-Katrin starb 2008 an einem “status epilipticus” mit knapp 20 Jahren…
Entschuldigung, das wussten wir nicht…
Sie hatte eine partielle Trisomie 11q15, eine sehr seltener Gendefekt. Weltweit gab es nur zwei registrierte Fälle. Sie war mit knapp 20 Jahren wie ein Kleinkind…lernte erst gerade sprechen, war leicht autistisch, ein 24-Stunden-Pflegefall.
Trotzdem hat sie ihr Leben in vollen Zügen genossen! Sie war immer für mich wie ein “normales” Kind, nur dass sie etwas mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchte. Ich habe da noch nie einen Unterschied gemacht.
(Erst nach diesem Interview und einigen Mails wird uns klar werden, wie zärtlich und innig das Verhältnis zwischen Jens und seiner Tochter war. Wir werden darüber demnächst berichten – der Rahmen dieses Beitrags scheint uns dafür nicht angemessen.)
Entdeckt von einem Fanmagazin
Wie bist du dazu gekommen, Cartoons zu zeichnen?
Gezeichnet habe ich schon immer. Allerdings wurde es durch meinen Beruf immer weniger. Irgendwann habe ich dann mal angefangen, kleine Bilder für meine Tochter zu malen oder ihr Zimmer besonders zu gestalten mit diversen Wandmalereien.
Als ich in Frührente ging, fand ich dieses Hobby wieder, und irgendwann fing ich auch an, Cartoons über meinen Lieblingsverein, den FC Schalke 04, zu zeichnen. Der Redakteur des Fanmagazins “Sprachrohr” hatte dann diese Cartoons irgendwo gesehen und wollte mehr – das war der Start dieses Hobbys, das mich täglich ausfüllt.
Wie entsteht so ein Cartoon? Woher kommen deine Ideen? Machst du viele Entwürfe, bevor es zur “Reinzeichnung” kommt?
Jeder Cartoon beginnt damit, dass ich morgens sehr viele Nachrichten lese und mir dabei Gedanken mache. Meisten sind es aber Ideen, die mir im Laufe des Tages einfallen, oder wenn ich unterwegs bin.
Entwürfe mache ich kaum. Ich fange mit einer groben Skizze an, und danach werden erst die Linien mit Tinte gezogen. Der Rest ist reine “Ausmalerei”.
Was sind deine bevorzugten Themen?
Fußball und die damit verbundene Fan-Kultur. Dann natürlich Alltags-Komik, die sich zwangsläufig ergibt. Aus politischen Themen halte ich mich weitläufig raus…denn unsere Politiker sind es sehr oft nicht wert, gezeichnet zu werden!
Kann man denn davon leben?
Ne…nur wenn man sich einen Namen in der Szene gemacht hat und dementsprechend Aufträge erhält.
Wir drücken dir dafür den Daumen! Wie viel Zeit verbringst du täglich damit, Cartoons anzufertigen?
Da ich ja als Frührentner über massig Zeit verfüge, habe ich mir selbst einen “Arbeitstag” eingerichtet. Meistens fange ich schon früh an, und es gibt Tage, da sitze ich bis spät in die Nacht am Zeichenbrett.
Wie schaut sonst dein Alltag aus?
Oh je. Na ja…erst mal Kaffee! Viel Kaffee! Dann gemütlich Nachrichten und Zeitung lesen. Meine Ideen dabei kommen auf einen Notizblock, und dann geht’s ans Zeichnen. Ansonsten bin ich hier der Haus- und Hofkoch, Putzfrau und Ehemann… (grinst) Oft gehe ich vor 2 bis 3 Uhr nicht ins Bett. Der Grund sind die Anfälle. Die Angst vor den Schmerzen hält mich wach.
Wer sind deine ersten Kunden gewesen?
Das Fanmagazin des Schalker Fanclub Verbandes e.V. Dort werden regelmäßig die Cartoons veröffentlicht. Mittlerweile kommen aber auch immer mehr Anfragen von Privatleuten und Firmen.
Was regt dich als Behinderter am meisten auf?
Ignoranz, dumme Sprüche und Unverständnis der “Normalen”. Tja…und unsere lieben Politiker…als Behinderter muss man heute um jeden kleinen Sch**ss kämpfen, egal wo. Von “Integration” merke ich in Deutschland kaum etwas.
Wie 1000 Freunde, die zusammensteh’n…
Wird das noch was mit einer Deutschen Meisterschaft für Schalke 04?
Unverkennbar Schalke-Fan: Jens
Ähem…Wozu brauchen wir eine Meisterschaft, wenn wir die geilsten Fans der Welt haben?! (grinst) Schön wäre es schon mal wieder, Meister zu werden, aber daran muss die Mannschaft noch arbeiten.
Und du bist sicher, dass das noch in diesem Jahrhundert passiert oder anders gefragt: Wird Huub Stevens diesen Erfolg als Trainer erleben?
Mir persönlich ist es egal, wer die Mannschaft trainiert. Was für mich zählt, ist der Erfolg. Huub ist auf Schalke ein Sympathieträger und wird es auch bleiben.
Bist du oft im Stadion?
So oft wie nur möglich! Es gibt nichts Schöneres!
Ist es für Behinderte angenehm, in der Arena mitzufiebern?
Mittlerweile ja. Schalke hat extra einen großen Tribünenplatz für Rollstuhlfahrer eingerichtet. Es gibt für diejenigen, die noch laufen können, extra Sitzplätze. Sogar einen Fahrdienst von den Parkplätzen rund um die Arena bis ins Stadion gibt es. Und wenn es mal Probleme gibt, sind die Fans sofort dabei, zu helfen – eben “1000 Freunde, die zusammen steh’n”, wie es in unserem Vereinslied heißt.
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Die Kolumne
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maria weiluchner30. September 2012 at 07:46
hallo jens!
ich muss dir meine volle hochachtung und bewunderung ausdrücken, ich weiss wovon ich spreche, ich bin jetzt 49 jahre alt und habe bereits 13 jahre idiophatischen parkinson mit überwiegender akinesie, verlangsamung der bewegungen und rigor – muskelverkrampfung – bzw. versteifung – macht grausige schmerzen, wenn die medikamente noch nicht voll wirken. bin seit 2,5 jahren in erwerbsunfähigkeitspension und lebe im alltag unter lauter sogenannten “GESUNDEN”. nicht immer ganz easy, aber man bekommt ja sooooo viel erfahrung im umgang mit diesen menschen.
bin aus österreich
kopf hoch und durch lautete meine devise
lg maria w.