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Niemand fesselt so viele Rollstuhlfahrer wie die Journalisten von der “Welt”

Foto: www.silkekuwatsch.de

Der Ausdruck “an den Rollstuhl gefesselt” geht gar nicht. ROLLINGPLANET hat nachgeprüft, welche Online-Nachrichtenmedien sich am häufigsten an Behinderten und der deutschen Sprache vergreifen. Vorbildlich ist die Süddeutsche Zeitung.

Am letzten Tag des vergangenen Jahres meldete Spiegel Online: “Stellenausschreibung von Stephen Hawking: Allroundtalent dringend gesucht” – nicht ohne den Hinweis, dass der prominente Physiker “nur mit Hilfe eines Sprachcomputers kommunizieren kann und an den Rollstuhl gefesselt ist.”

Raul Krauthausen, Macher von wheelmap.org, twitterte sofort sein Unverständnis über diese Formulierung. Die Journalistin Christiane Link hat sich darüber in ihrem Blog “Behindertenparkplatz” Gedanken gemacht und schreibt:

Ich glaube, dass deutsche Redaktionen, so wie es im angelsächsischen Bereich bereits üblich ist, dringend einen Styleguide bräuchten, in dem der Umgang mit dem Thema Behinderung dargelegt wird. Ich halte nichts davon, die Behinderung von jemandem totzuschweigen. Die Frage ist, wie man darüber berichtet und welchen Stellenwert man dem Thema einräumt.

P.S.: dpa hat mir übrigens schon zugesagt, sich zu bemühen, “an den Rollstuhl gefesselt” 2012 nicht mehr zu verwenden. 2011 hatten sie es 14 Mal im Dienst.”

Ganzen Kommentar lesen: “Was ich mir für 2012 von den Medien wünsche”

ROLLINGPLANET hat diese Diskussion zum Anlass genommen, bei den zehn größten Nachrichtenseiten Deutschlands im Internet nachzuschauen: Wer fesselt wie oft Rollstuhlfahrer?

Negativ-Spitzenreiter ist welt.de mit 139 Gedankenlosigkeiten, gefolgt von spiegel.de. Allerdings liegt spiegel.de auch deshalb besonders weit vorne, weil online sämtliche Texte des Magazins seit 1947 verfügbar sind – da kommt für den “Hohlspiegel” mehr zusammen als bei den Kollegen. Enttäuschend: Die gebildete “Zeit” landet auf Platz 3. Überraschend: bild.de hat sich relativ gut im Griff. Vorbildlich: Bei der Süddeutschen Zeitung im Netz kam nicht einmal ein Mensch vor, der an den “Rollstuhl gefesselt” ist. Nachfolgend die Top 10.

Am häufigsten kommen gefesselte Rollstuhlfahrer vor bei:

1. welt.de (139 x)

Gefesselt wurden: Stephen Hawking, Wolfgang Schäuble, Monique van der Vorst, Peter Hoffmann, Manuela Dieckmann und viele andere

2. spiegel.de (123 x)

Gefesselt wurden: Stephen Hawking, Leo Kirch, Heinz Weiss, eine 82-jährige Drogendealerin, Wolfgang Schäuble und viele andere

3. zeit.de (103 x)

Gefesselt wurden: Wolfgang Schäuble, Stephen Hawking, Helmut Kohl, ein blondes, Geige spielendes Mädchen, ein alter Gelehrter und viele andere

4. focus.de (75 x)

Gefesselt wurden: Markus Babbel, eine im Altersheim erdrosselte Frau, Stephen Hawking, ein verunglückter Fallschirmspringer, Wolfgang Schäuble und viele andere

5. faz.net (57 x)

Gefesselt wurden: Ronny Ziesmer, das Opfer eines Behandlungsfehlers, der Großvater von Karl-Theodor zu Guttenberg, eine behinderte Frau, die neben ihrem toten Ehemann stirbt, Wolfgang Schäuble und viele andere

6. n-tv.de (40 x)

Gefesselt wurden: Tomas Tranströmer, Zsa Zsa Gabor, Peter Hofmann, ein Ex-Häftling aus Kuba, Liza Minnelli und viele andere

7. bild.de (39 x)

Gefesselt wurden: Udo Reiter, Samuel Koch, ein Messerattacke-Opfer, Collien Fernandes, Zsa Zsa Gabor und viele andere

8. stern.de (15 x)

Gefesselt wurden: Samuel Koch, Liz Taylor, Stephen Hawking, Tote bei einem Blutbad im Altenheim, Wolfgang Schäuble und viele andere

9. süddeutsche.de (0 x)

?. T-Online

Keine Aussage möglich, da keine spezielle Suchabfrage angeboten

Die Tabelle ergibt sich durch die Eingabe der Suchbegriffe “Rollstuhl+gefesselt” auf den jeweiligen Seiten. ROLLINGPLANET hat die Trefferanzahl hier angegeben, ohne alle gefundenen Beiträge nachzulesen. Wir haben jedoch stichprobenartig quergeguckt, so dass wir davon ausgehen konnten, dass die Ergebnisse zuverlässig sind.

ROLLINGPLANET gesteht: Bis vorgestern Nacht hatten wir ebenfalls zwei gefesselte Rollstuhlfahrer in unserem Archiv. Die haben wir ganz schnell von ihren Fesseln befreit, bevor wir diese Medienschelte betreiben.

Unser Foto ist dem Blog silkekuwatsch.de entnommen. Silke schreibt: “An den Rollstuhl gefesselt? Ein typisches Klischee unser Gesellschaft. Schubladendenken. Und es riecht nach Mitleid in einer Form, die wir alle nicht gebrauchen können. Natürlich ist es nicht schön, wenn man – aus welchen Gründen auch immer – im Rollstuhl ‘landet'; doch wider Erwarten bedeutet es nicht das Ende. Es verändert den Blickwinkel, es schränkt ein und eröffnet dennoch neue Perspektiven. Lösen Sie die Fesseln in Ihrem Kopf, dann werde ich – auf eine ganz besondere Art – frei sein :-)”

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6 Kommentare

  1. Anz4. Januar 2012 at 12:46Antworten

    Bei Bild hätte ich auch gedacht dass die Trefferquote höher ist.

  2. Nele4. Januar 2012 at 12:49Antworten

    Interessante Statistik. Ich bin mal eurem Beispiel gefolgt und habe bei taz online die Suchbegriffe rollstuhl+gefesselt eingegeben. Zu meiner Enttäuschung gab es selbst bei der taz 12 Treffer. Auch enttäuschend!

  3. Ingrid Müller10. Juni 2012 at 19:23Antworten

    Hallo,
    ich hasse es abgrundtief,wenn jemand zu mir sagt:oh,du bist ja auch an den Rollstuhl gefesselt.Ja,ich benötige einen Rollstuhl,aber mich hat noch niemand an den Rollstuhl gefesselt.Ich mag auch nicht die Beiträge im TV,wenn über Rollstühle berichtet wird.Mich wird auch in naher Zukunft NIEMAND an den Rollstuhl fesseln.Ich habe auch noch nie einen gefesselten Rollstuhlfahrer gesehen.Manch ein Berichterstatter/in sollte sich vorher besser informieren.
    Gruss
    Ingrid Müller

  4. Ingrid Müller2. August 2012 at 15:09Antworten

    Hallo zusammen,
    also, ich habe noch nie einen Rollifahrer gesehen, der/die an den Rollstuhl gefesselt war.Deswegen finde ich diesen Ausdruck einfach nur übertrieben.
    Ich habe auch einen Rollstuhl und muß ihn jetzt vermehrt nutzen, da ich weitere Srecken nicht mehr laufen kann.Ich sehe den Rolli eher als Chance, um trotzdem am gesellschaftlichen weiter teilzunehmen.
    Und schämen braucht sich niemand, wenn man von heut auf morgen einen Rollstuhl nutzen muss.
    Früher dachte ich auch so kariert, aber jetzt, wo ich den Rolli nutzen muss, finde ich es eher Spassig.
    Ich hasse es nur, wenn die Menschen einen Behinderten so anstarren, als wären wir vom anderen Stern.Leute, wir sind auch noch Menschen und versuchen unseren Alltrag nur erträglicher zu machen
    Ich habe fertig.

    Gruss
    Ingrid Müller

  5. kati24. August 2012 at 14:50Antworten

    Abgesehen davon, dass ich diesen Ausdruck echt idiotisch finde, ist mir noch was eingefallen, bevor wir unsere Lieblingszeitungen aufhören lesen zu wollen:
    Es ist nun mal so, dass manche Zeitungen/Onlinezeitschriften mehr Wörter benutzen und andere halt eher weniger… die Namen könnt ihr euch selbst denken. Damit wächst natürlich das Risiko, sich eines idiotischen Begriffes zu bedienen, enorm eben bei denen, die halt mehr Wörter produzieren… So als Anmerkung :-) Ich bleibe also bei meinder Lieblingszeitung :-) und hoffe, dass sie sich da bald was sinnvolleres in der Redaktion einfallen lassen…

  6. Hilflose, Opfer und Sorgenkinder › Leidmedien.de - Über Menschen mit Behinderung berichten.8. August 2013 at 15:07Antworten

    […] wenn die Vorstellung, Rollstuhlfahrende seien „gefesselt“,  absurd scheint – dieser Ausdruck ist immer noch nicht aus der Welt. Und mit ihm lebt ein Bild von Passivität, Ohnmacht und Hilflosigkeit weiter. Das macht auch die […]

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