Die Wahrheit über die beiden ziemlich besten Freunde

Die Kinokomödie “Ziemlich beste Freunde” begeistert das Publikum. Sie basiert auf einer wahren Geschichte – ROLLINGPLANET erklärt und zeigt die beiden Männer, die Vorbilder für den Film waren.

Original: Abdel Sellou und Philippe Pozzo di Borgo

Film: Omar Sy und François Cluzet

Das Bilderalbum zu “Ziemlich beste Freunde”: Das sind die Hauptfiguren im wirklichen Leben

Paris: Ein reicher Querschnittgelähmter und sein Pfleger, der in Afrika geboren wurde und aus ärmsten Verhältnis stammt, werden “ziemlich beste Freunde”. Im Abspann der französischen Kino-Sensation (Originaltitel: „Intouchables“, „Die Unberührbaren“) erfährt der Zuschauer, dass der Rollstuhlfahrer Philippe wieder heiratete und nach Marokko zog und Driss seine eigene Firma gründete. Doch wer sind die beiden Männer wirklich?

Wie die beiden Hauptfiguren heute leben

Der Millionär (verkörpert von François Cluzet, der in manchen Szenen frappierend an Dustin Hoffman erinnert und 2007 den César als bester Hauptdarsteller für seine Rolle in “Kein Sterbenswort” erhielt) heißt in Wahrheit Philippe Pozzo di Borgo. Er war ein Top-Manager und leitete die Champagnerfirma „Pommery“. Der Umsatz des Konzerns betrug 2009 rund 350 Millionen Euro.

1993 stürzte Philippe Pozzo di Borgo beim Paragliding ab und ist seither hoch gelähmt (Wirbel C3/C4). 1996 starb seine krebskranke Frau. (Im Kinofilm ist die Reihenfolge anders herum.) Der überforderte Witwer dachte an Selbstmord. Damals war er 45. Tatsächlich lebt Philippe heute, wie im Abspann angegeben, mit seiner zweiten Frau Khadija und zwei Töchtern in Marokko.

Der von Omar Sy – der bislang nur dem französischen Publikum als Komiker bekannt war – überragend gespielte Arbeitslose heißt in der Realität Abdel Sellou (damals 30). Die Freundschaft zu dem Millionär entwickelt sich nur deshalb so intensiv, weil er zunächst zwar ohne Manieren, aber auch ohne Mitleid seinen Job antritt. Abdel hat mittlerweile einen eigenen Masthähnchenbetrieb mit 18.000 Tieren, 130 Kilometer südöstlich von Algier, und ist Vater von drei Kindern. Er pendelt zwischen Frankreich und Algerien hin und her. Mindestens einmal im Jahr trifft er seinen Ex-Chef – sie sind nicht nur auf der Cinema-Leinwand Freunde fürs Leben geworden.

Was Philippe Pozzo di Borgo über den Film sagt

Die Journalistin Marie-Christine Tabet interviewte vor kurzem für die Sonntagszeitung “Journal du Dimanche” und “Le Figaro” den heute 60-jährigen Philippe Pozzo di Borgo. “Der Erfolg des Films ist unglaublich”, sagte Pozzo di Borgo. Aus seiner Sicht ist der Grund dafür ein ganz einfacher:

“Dies ist keine Geschichte über Behinderte. Eher eine allgemeine Lehrstunde über zwei Verzweifelte, die sich unterstützen. Im französischen Filmtitel ,Intouchables‘ ist der Buchstabe der wichtigste, den man nicht hört. Das S, für Solidarität. Unsere Gesellschaft spielt verrückt, alles gerät in Unordnung, die Finanzmärkte und der ganze Rest. Es ist richtig, sich zu empören, das reicht aber nicht. Man muss auch zusammenstehen.“

Während Driss ein Bilderbuch-Riese zum Verlieben ist und aus dem Senegal kommt, ist der wahre Abdel aus Algerien und körperlich nicht ganz so imposant – sein Lachen (siehe Foto oben und Video unten) indes nicht weniger herzlich als das der Kinofigur. Sowohl in der Realität als auch im Film ist er ein ehemaliger Kleinkrimineller mit Knasterfahrung. An die erste Begegnung mit Abdel im Dezember 1994 erinnert sich Philippe: “Er war zu Beginn ein Trampel, 1,70 Meter hoch und ebenso breit. Wie im Film hat er nur auf meine Anzeige reagiert, um weiter sein Arbeitslosengeld zu kassieren. Am Ende ist er zehn Jahre geblieben.“

Filmszene

„Anfangs“, erzählt Philippe Pozzo di Borgo, „konnte ich mich nicht bewegen, musste mich aber um meine kranke Frau und unsere beiden Kinder kümmern. Ich brauchte zwei Arme, die mich herumschleppten, ein Körper, der mir half. Als meine Frau starb, ahnte Abdel, dass ich zusammenbrechen würde. Er nahm mich an der Hand, fuhr mich überall hin, nahm mich mit zu den Mädchen. Wir brausten mit dem Rolls-Royce (im Film: Maserati) davon, den er ohne Führerschein lenkte, um seine Freundinnen in seiner Siedlung zu besuchen. Er gab mir Gras zu rauchen und belästigte die Haus-Angestellten. Unser Leben, das ist dieser Film – und lauter andere, unbeschreibliche Geschichten.“ Und Abdel ist offensichtlich ein feiner Kerl geblieben: „Er hat nichts gefordert für den Film. Das ist nicht sein Ding,“ sagt Philippe.

Abdel war aber auch anstrengend. Die Kult-Antwort des Films, „Keine Arme, keine Schokolade“, stammt nicht von ihm, aber sie hätte es sein können. Er hat dafür andere Witze gemacht, etwa diesen: „Weißt Du, wo man einen Querschnittsgelähmten findet? Da, wo man ihn abgestellt hat.“

Am Anfang war ein Buch

Die Autobiographie von Philippe Pozzo di Borgo: Links die Erstausgabe mit einem recht unspektakulären Cover, rechts die aufgrund des Filmerfolgs aktualisierte Version

Fast sieben Jahre lang dauerte es, bis das Filmprojekt “Ziemlich beste Freunde” realisiert war. Am Anfang stand ein Buch – Philippe Pozzo di Borgo hatte 2001 seine Autobiographie veröffentlicht: „Le second souffle“ („Der zweite Atem“).

Das Buch ist bislang nur in Französisch erhältlich (Bayard éditions, ISBN 2227139420). Deutsche Verlage haben es erstaunlicherweie versäumt, rechtzeitig zum Filmstart hierzulande den Titel herauszubringen. Update: Buch erscheint im April – Wegen „Ziemlich beste Freunde“: Hanser Berlin zieht Verlagsstart vor

Der Autor und Ex-Unternehmer erhielt mehrere Angebote, sein Buch zu verfilmen – doch er sagte allen ab: „Es waren große Namen, aber ich wollte nichts Rührseliges, nichts Nettes”, erzählt er in dem Gespräch mit der Journalistin Marie-Christine Tabet.

Erst die beiden Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano konnten ihn überzeugen – die hatten 2003 eine Filmdokumentation über die besondere Freundschaft zwischen dem behinderten Mann und seinem Betreuer gesehen (ROLLINGPLANET berichtete: Der Spielfilm des Jahres, den jeder Rollstuhlfahrer (und Nichtbehinderter) gesehen haben muss). Aber es vergingen noch Jahre, bis das Projekt umgesetzt wurde. Das Warten hat sich gelohnt.

Fotos: Senator Film. Zitate aus dem Französischen übersetzt von Thierry Backes.

Zum Themenschwerpunkt Ziemlich beste Freunde

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Video: Die beiden im Original

(Französisch)

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13 Antworten zu Die Wahrheit über die beiden ziemlich besten Freunde

  1. Den Film kann man nur empfehlen. Ich habe ihn mir gestern angesehen, was aber ohne Begleitung nicht möglich gewesen wäre. Man kann sich nur wundern, wie viele Kinos es gibt, die nicht barrierefrei sind und diesen Film zeigen dürfen. Eigentlich gehört es diesen Kinos verboten, diesen Film zu zeigen!!!

  2. Albert Richter-Berger

    Ich weiß nicht warum, aber ich musste sogar heulen…

  3. Ganz richtig, das ist kein Behindertenfilm, sondern ein Film über Solidarität. Ein sehr beeindruckedes Kinoerlebnis.

  4. Ich habe den Film nun auch angeschaut, ich fand ihn unterhaltsam, aber NICHT überragend.

  5. Doch, ich fand ihn überragend. Der schönste Film seit Jahren, den ich mir im Kino angeschaut habe.

  6. Alexander Deissler

    Genialer Film, endlich mal wieder was Gescheites im Kino ohne Hollywood. Danke übrigens für Ihre Hintergrundinfos.

  7. Heute gehts ins Kino! :-)

  8. Neulich hat es nicht mit dem Kino geklappt, aber dafür heute Abend. Und es hat sich gelohnt!!! Auch wenn ich als Tetra bei der Einmalhandschuh-Szene für einen Augenblick ein gewisses peinliches Gefühl nicht verheimlichen konnte (“muss das sein”, ausgerechnet wenn ich mit zwei nicht behinderten Freunden den Film anschaue). Ein großer Kinoabend mit vielen Gefühlen, nur zu empfehlen.

  9. Habe den Film heute gesehen und muss ehrlich Sagen er war wunderbar anzusehen.
    Da können sich solch manche Filmemacher was abschauen.
    Ich kann den Film nur empfehlen.

  10. nur klasse dieser Film

  11. Es gab viele spaßige Momente, aber was mich dann wirklich so berührt hat, als Philippe Nachts den Schmerzanfall hatte und Driss ihn sanft berührt hat, er dann immer ruhiger wurde, das war so eine liebevolle Geste. Ein wirklich sympathischer Film mit super Darstellern.

  12. Gestern Abend habe ich den Film gesehen. Er hat mich sehr bewegt und nachhaltig beschäftigt…..Der Film zeigt doch daß Menschen wieder aufeinander zu gehen sollten, um so ein netteres Miteinander zu schaffen. Driss hatte anfangs kein Mitleid mit seinem Chef aber am Ende ein solches Einfühlungsvermögen und Mitgefühl daß es eigentlich jeden berührt hat. Das zeigt daß jeder das Beste aus sich heraus holen kann, wenn er es wirklich will.
    Jeder sollte sich ab und an in Erinnerung rufen daß er nicht alleine auf diesem Planeten Erde lebt und es auch nicht schaden kann anderen mal zu helfen….egal in welcher Situation und ohne Gegenleistung :)

  13. absolut genialer film… hat so spass gemacht ihn anzuschauen! auch wenn er so lustig war, regt er zum überlegen an… und das macht es auch aus… nicht rührseelig, sondern 2 lustige stunden verbracht mit “nachhall”. die hauptdarsteller (nein, eigentlich alle darsteller) waren auch der hammer!! gut ausgewählt, danke!!

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