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Verlockende Ankündigungen zu Pflege-Wohngemeinschaften: Das sind die Reaktionen

Hamburgs erste WG für Demenzkranke (Screenshot aus einem Video)

Wie ROLLINGPLANET berichtete, sollen ab 2013 Pflege-WG’s gefördert werden – so sagt es Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr. Wir haben Pressestimmen eingesammelt.

Peter Stuckhard/Neue Westfälische: “Getretener Quark”

Man kann es dem jungen Daniel Bahr nicht verdenken: Gut 20 Jahre Diskussion und Erprobung neuer Formen des Zusammenlebens älterer und pflegebedürftiger Menschen sind offenbar an ihm vorbeigerauscht wie die Orgel an der Gemeinde.

Anders ist es nicht zu erklären, wie der Minister jetzt der Öffentlichkeit Pflege-Wohngemeinschaften als den neuesten Schrei liberaler Pflegepolitik verkauft. Längst etabliert sind das Bielefelder, das Braunschweiger oder das Berliner Modell, die sich zwar voneinander unterscheiden, die aber eine Erkenntnis teilen: Die Kosten des Lebens in einer ambulant betreuten Wohngruppe liegen erheblich unter den Kosten einer Unterbringung im Heim. Jedenfalls dann, wenn es sich um alte Menschen handelt, die zwar nicht mehr ganz alleine leben können, aber noch keinen umfassenden Pflegebedarf haben.

Finanziert wird die Betreuung aus der Summe der individuellen Ansprüche an Leistungen aus der Pflegeversicherung. Zusammengefasst: Gute Idee, aber eine alte Kamelle. Denn schon heute bekommen Menschen 235 Euro Pflegegeld pro Monat in der Pflegestufe 1. Bekommen sie die Pflege als Sachleistung, sind es sogar 450 Euro. Um diese Pflegebedürftigen kann es dem Bundesgesundheitsminister also nicht gehen. Er hat, aber auch das kann man nur vermuten, womöglich die sogenannten Nuller im Auge: Menschen, die zwar in keiner Pflegestufe eingeordnet sind, weil sie körperlich noch fit sind, deren eingeschränkte Alltagskompetenz sie aber pflegebedürftig macht. Auch diesen Menschen stehen heute schon bis zu 200 Euro im Monat zu.

Was also will der Minister? Er will davon ablenken, dass auf Bundesebene getretener pflegepolitischer Quark immer breiter, aber nicht stärker wird. Dass die NRW-Regierung landesrechtlich viel zu langsam aus demselben herauskommt, macht die Sache nicht besser.

Flensburger Tageblatt: “Am Rande der Legalität”

Die Initiative von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) entstand aus purer Not.

Mit höherer Lebenserwartung steigt auch das Risiko an Demenzerkrankungen. Schon heute sind viele Familien davon betroffen, prominente Fälle häufen sich und in Zukunft werden es noch mehr sein. Würden alle Erkrankten in professionellen Pflegeheimen betreut, wären die Beitragszahler der nachwachsenden Generationen finanziell überfordert.

Noch nehmen viele Familien die aufopfernde Pflege auf sich, zusätzlich belastet durch die bisher mangelhafte Anerkennung von Demenzkrankheit durch die Pflegeversicherung. Aber die Vereinzelung der Gesellschaft – vor allem in den Großstädten – setzt familiärer Fürsorge absehbare Grenzen. Auch sind gute Wohngemeinschaften für die Betroffenen humaner als die Endstation eines Pflegeheims mit überfordertem Personal. Zumindest gilt dies für die Frühphasen von Alzheimer.

Dennoch prangert die Deutsche Hospizstiftung mit Recht den Zustand vieler derzeitiger Wohngemeinschaften für Demenzkranke an. Sie kritisiert “Elendsquartiere am Rande der Legalität” und macht den gewaltigen Investitionsbedarf von Minister Bahrs Projekt deutlich.

Altersdemenz als gesellschaftliche Herausforderung wird allerdings nicht nur durch neue Pflegemodelle bewältigt. Der Gesundheitsminister beklagt selbst, dass der Durchbruch zu Ursachen und Therapiemethoden in der Forschung bisher ausblieb.

Ergänzend zu Pflegemodellen kommt es deshalb darauf an, Forschungsmittel stärker auf diese Volksseuche zu konzentrieren. Dem Wissenschaftsministerium müsste es einleuchten, dass die Ergründung von Demenzerkrankungen gesellschaftlich bedeutsamer als ein neues Raumfahrtexperiment ist und mehr Forschungsförderung verdient. Private Stiftungen der USA sind da längst aktiver – wobei, typisch amerikanisch, das Problembewusstsein durch prominente Krankheitsfälle wie Ronald Reagan geschärft wurde.

Jan Jessen/Neue Ruhr Zeitung: “Warum nicht?”

Für ältere Menschen ist der Gedanke erschreckend, in ein Pflegeheim ziehen zu müssen. Das mag auch für die Vorstellung gelten, mit anderen, vielleicht wildfremden Menschen eine gemeinsame Wohnung teilen zu müssen. Aber: In einer betreuten Wohnung gibt es ein höheres Maß an Selbstbestimmung; es bestehen Rückzugsmöglichkeiten in vier Wände, die wie das eigene Zuhause gestaltet werden können. Und es ist leicht, so Wohnungen in städtischen Quartieren anzubieten – in der gewohnten Umgebung also. Kein Vertun: Natürlich geht es darum, künftige Kostensteigerungen abzudämpfen. Aber was soll daran schlecht sein, wenn die Qualität der Betreuung nicht leidet, die Lebensqualität vielleicht sogar gewinnt? Eben.

Westfalenpost: “Erhebliche Umsetzungsprobleme”

Bislang war das Leben in der WG vor allem etwas für Studenten. Inzwischen entdecken auch 60-Jährige die Wohngemeinschaft als sinnvolle Alternative zur drohenden Vereinzelung im Alter. Dass das ersehnte Idyll im Kreis von Gleichaltrigen nicht selten an den individuellen Gewohnheiten der Mitbewohner scheitert, darüber können ganze Generationen von Studierenden lebhaft berichten.

Dabei ist die Idee so schlecht nicht. Ältere können sich in Pflege-WGs gegenseitig helfen und Kosten für die Miete sparen. Dass der Staat den Umbau der Wohnungen in die WG künftig extra fördert, ist ein weiterer Anreiz. Aber Vorsicht: Auslöser für die geplante Förderung der Pflege-WGs ist die Sorge der Politik vor dem dramatischen Anstieg der Kosten der Heimpflege.

Wenn Standards und Anforderungen an Wohngemeinschaften gesenkt werden, spielen neben dem Bürokratieabbau immer auch die Kosten eine Rolle. Durch ambulante Angebote sollen Pflegebedürftige, die keine 24-Stunden-Betreuung benötigen, länger in der eigenen Wohnung oder in der WG leben können. Noch aber fehlt eine ausreichende pflegerische Versorgungsstruktur. Und wer alternative Wohnformen propagiert, muss auch die Qualitätskontrolle gewährleisten.

Hier gibt es bisher erhebliche Umsetzungsprobleme. Das Wohn- und Teilhabegesetz setzt die Rahmenbedingungen für die Betreuung von älteren, pflegebedürftigen und behinderten Menschen in stationären Einrichtungen. Viele Pflegebedürftige, die nicht in der Lage sind, in eine WG zu ziehen, haben Anspruch, ihr Leben auch im Heim so weit wie möglich nach ihren Vorstellungen leben zu können.

Alexander R. Wenisch/Rhein-Neckar-Zeitung: “Dringend nachjustieren”

Auf den ersten Blick wirkt Daniel Bahrs Idee, Pflege-WGs als alternative Form zum Altenheim zu fördern, charmant. Wer würde nicht auch im Alter gerne mit netten Menschen in gewohnter Umgebung leben?

Wer allerdings als junger Mensch schon in einer WG gewohnt hat, der weiß, wie sehr man sich mit den Eigenheiten der Mitbewohner arrangieren muss, wie oft Konflikte entstehen und entschärft werden müssen. Kommen Gebrechen und die Abhängigkeit von fremder Hilfe hinzu, zeigt dies auf, dass die Pflege-WG zumindest nicht für jeden Senior eine gute Idee sein dürfte.

Das Zwischenmenschliche kann Bahr nicht per Gesetz regeln. Gleichwohl hat sein Konzept andere Schwachpunkte. Einerseits besteht die Gefahr, dass die Qualität der (oft sehr teuren) Pflege, die in Alten-WGs geleistet wird, nicht kontrolliert wird. Dies kann nicht prinzipiell den von der Leistung Abhängigen überlassen werden. Andererseits riechen Bahrs Finanzspritzen nach einem verkappten Konjunkturprogramm für Pflegeheime. Die könnten auf die Idee kommen, Stockwerke WG-gerecht umzubauen und sich das aus der Pflegekasse bezahlen zu lassen. Bahr muss also dringend nachjustieren, sollte seine Idee Zukunft haben.

Weser-Kurier: “Unsachliche Rumnörgelei”

Zugegeben, Gesundheitsminister Daniel Bahr ist spät dran mit seiner “Neuausrichtung” der Pflegeversicherung. Und wahr ist auch: Der große Wurf kommt wieder nicht, das Wort Reform wird auf dem Weg hin zu einem neuen Gesetz nicht einmal mehr erwähnt. Doch dem FDP-Minister nun alles kurz und klein zu reden, was sich im Entwurf seines neuen Pflegegesetzes findet, ist eben auch nicht angemessen. Klar: Aufgabe von Oppositionsparteien ist es, Schwachstellen im Regierungshandeln aufzudecken und diese zu kritisieren. Und Sozialverbände müssen ihre Stimme erheben, wenn sie die Interessen ihrer Klientel gefährdet sehen. Die Rumnörgelei aber, mit der nun einzelne SPD-Vertreter, Linken-Abgeordnete und Verbandsvorsitzende auf Bahrs Plan reagieren, Pflege-Wohngemeinschaften fördern zu wollen, ist unsachlich und spekulativ.

Lothar Klein/Frankfurter Neue Presse: “Eine Pflege-WG macht Sinn”

Es macht sowohl im Interesse der Betroffenen als auch im Interesse der Solidargemeinschaft Sinn, die Pflege-WG zu fördern. Solche Lebensgemeinschaften entsprechen dem Bedürfnis der Pflegebedürftigen, so lange als möglich in einer privaten Umgebung leben zu können. Dort finden sich Menschen zusammen, die sich noch gegenseitig helfen und/oder notwendige Hilfsleistungen sinnvoll bündeln können. Es ist gut und richtig, dass der Staat solchen Wohngemeinschaften mit Investitionszuschüssen zum pflegegerechten Umbau der Wohnung unter die Arme greift. Häufig mangelt es am Geld, weil die sonstigen Pflegekosten bereits die Ersparnisse aufgefressen haben.

Mit dem neuen Pflege-WG-Modell können Kranke nicht nur gemeinsam Pflegedienstleistungen finanzieren. Sie können auch Hilfskräfte anheuern, die stundenweise Botengänge oder Einkäufe erledigen. Das ist Hilfe zur Selbsthilfe und ermöglicht den Erhalt der Selbstständigkeit, auf die Pflegebedürftige besonderen Wert legen.

Auch für die hinter der Pflegekasse stehende Solidargemeinschaft zahlt sich die Pflege-WG aus. Nichts ist teurer für die Pflegekasse als das Pflegeheim. Jeder Tag in einer WG entlastet die Beitragszahler.

Berliner Zeitung: “Romantische Vorstellung”

Bedenkt man die Bahrs Idee von der Pflege-WG genauer, schrumpft ihr Charme. Dann wird der Übergangscharakter zum Problem. Dann fällt einem ein, dass die Addition von vier Pflegefällen womöglich nicht zu gedeihlichen Verhältnissen führt. Dann argwöhnt man, ob nicht vor allem der Spargedanke den innovativen Minister leitet. Nichts gegen sparsamen Einsatz knapper Pflegemittel – aber als Lebensform kommt die Pflege-WG wohl nur für wenige in Frage. Soll sie nicht zur Hölle werden, müssen sich solche Gruppen finden, müssen die Beteiligten in der Lage sein, die im Alter nicht eben schwindenden Eigenheiten des Anderen zu ertragen und Konflikte zu lösen. Eine romantische Vorstellung. Eine Pflegereform ersetzt sie nicht.

Zum Themenschwerpunkt Alzheimer/Demenz
Zum Themenschwerpunkt Pflege und Hilfe

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2 Kommentare

  1. Simone Gardener8. Februar 2012 at 10:21Antworten

    Betreff: Alexander R. Wenisch/Rhein-Neckar-Zeitung: “Dringend nachjustieren”

    Es ist sehr schwer die Qualität der Pflege zu kontrollieren, bzw. zu kontrollieren, in wie weit die schwere der Pflege (und damit ihre kostenintensive Finanzierung) gerechtfertigt ist. Auch da gibt es leider schwarze schafe, die sich das System zu Nutze machen…
    siehe auch: hier: Anm.d.Red. 18.6.2012: Link nicht mehr verfügbar
    mfg
    Simone Gardener

  2. Pflegeheim München - SabineSchreck8. Februar 2012 at 11:47Antworten

    So richtig neu ist die Idee von Pflege-WGs ja nicht..schon länger suchen einige Senioren ja nach Studenten bzw. allgemein jüngeren Menschen zur günstigen Untermiete, die dann im Gegensatz in Alltag mithelfen. Ich bin von der Idee, das staatlich zu fördern, zwiegespalten. Einerseits brauchen wir neue, moderne Konzepte- andererseits bezweifel ich, dass sich dieses Modell überhaupt richtig durchsetzen wird. Für finanziell schwächere ist es aber sicher eine Überlegung wert, sich die Kosten einer Pflegekraft zu teilen.

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