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Senioren machen Schule

An der integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße gehört es zum Konzept, dass ältere Menschen mit unterrichten. Die spät berufenen Lehrer halten es mit Wilhelm Busch: „Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh“. Von Annette Jensen.

Montessori Schule

Tag der offenen Tür: Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße

Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin. Sie arbeitete acht Jahre lang als Redakteurin bei der taz, wo sie zusammen mit anderen das Ressort „Wirtschaft und Umwelt“ gründete. Im Herbst 2011 erschien im Herder-Verlag ihr Buch „Wir steigern das Bruttosozialglück. Von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben.“

Die Idee kam einigen Eltern beim Putzen. Sie machten einen Münchener Montessori-Kindergarten sauber und plauderten über dieses und jenes. Wie toll es doch wäre, wenn die Großeltern in der Nähe wohnen würden, träumten die einen – und ja, das sei wirklich ein großer Vorteil, bestätigten die anderen und berichteten, dass der Austausch ihrer Kinder mit Oma und Opa für beide Seiten bereichernd sei. Und dann stand plötzlich die Frage im Raum: Warum sollten sie, da die wirklichen Großeltern zum Teil weit weg seien, nicht ältere Leute aus der Umgebung in das von ihnen geplante Montessori-Schulprojekt einbinden?

Werkstatt der Generationen

Alt trifft jung

Alt trifft Jung

Tatsächlich ist die Werkstatt der Generationen heute das Alleinstellungsmerkmal der seit 2008 bestehenden integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße. Zum pädagogischen Konzept der Schule gehört, dass Mädchen und Jungen, einschließlich behinderter Kinder, von der ersten bis zur zehnten Klasse ohne Leistungsdruck und Noten lernen. Einmal in der Woche steht bei jeder Gruppe auch WdGWerkstatt der Generationen – auf dem Stundenplan. Für das, was der Senior oder die Seniorin den Kindern dort anbietet, gilt vor allem ein Kriterium: Es sollte ihm oder ihr Spaß machen. Oft sind das Dinge, die sich aus dem Berufsleben der Laienlehrkräfte ableiten, manchmal aber auch völlig andere Leidenschaften.

Im Werkraum nimmt ein Dutzend Schülerinnen und Schüler gerade Apfelsinenkartons auseinander, die der Seniorlehrer und freischaffende Künstler Helmut Stöcklhuber auf die Tische gelegt hat. Erstaunt stellt die 11-jährige Karoline fest, dass der Kasten lediglich aus einem geschickt gefalteten Bogen Pappe besteht. Während sie nun ihrerseits versucht, ein dreidimensionales Objekt aus Papier zu bauen, interessiert sich ihr Klassenkamerad Victor dafür, wie er den Kasten so zeichnen kann, dass er räumlich aussieht. Ihm gefällt, dass jede Woche ein älterer Mensch vorbeikommt – solange er dabei selbst etwas tun kann. „Nur in der Klasse sitzen und sprechen find ich nicht so gut.“

Schutzgelderpresser faszinieren

Ein paar Räume weiter sitzt ein ehemaliger Rundfunkredakteur an einem Tisch, vor ihm lagern und lümmeln Kinder aus den unteren Klassenstufen auf einem runden Teppich, andere hocken auf Bänken und Stühlen. „Vier kleine Hexelein, die aßen Kräuterbrei, das eine ist davon geplatzt, da warens nur noch …“ „Drei“ rufen die Kinder und singen voller Elan den Refrain und fordern am Schluss energisch „Zugabe“. Bei den Jugendlichen nebenan geht es dagegen sehr ruhig zu. Ein bärtiger Mann mit Brille berichtet von einem Freund in Sizilien, der von Schutzgelderpressern heimgesucht wurde. Ein Junge hakt mehrfach nach, der Rest schweigt. Nach der Stunde wird klar, dass sie durchaus interessiert zugehört haben: Mehrere diskutieren untereinander weiter.

Projektleiterin Anke Könemann

Projektleiterin Anke Könemann

„Wir fragen die Schüler regelmäßig, was ihnen gefallen hat, wovon es mehr geben sollte und was nicht so gut war“, berichtet die Initiatorin und Projektleiterin Anke Könemann, Mutter einer neunjährigen Schülerin der Montessori-Schule. Könemann hat die WdG-Arbeit ehrenamtlich aufgebaut, indem sie Kontakte zur Caritas und zu Servicecentern für Senioren spann und Flyer in Arztpraxen und Apotheken auslegte. Inzwischen melden sich viele Ältere auf eigene Initiative. Zusammen mit drei Pädagoginnen bereitet Könemann die durchschnittlich 65- bis 70-Jährigen auf ihre Klassenbesuche vor, unterstützt und berät sie bei der Themenplanung. Während der Projektstunden sind außerdem ein oder mehrere Pädagogen dabei, so dass sich die Senioren auf ihr Thema konzentrieren können und von der Situation nicht überfordert werden.

Keine Einbahnstraße

Dabei sind die Projekte keine Einbahnstraße: So haben Jung und Alt beispielsweise gemeinsam einen Handyclip erstellt und damit sogar einen Wettbewerb gewonnen. Noch findet der Generationenkontakt ausschließlich in der Schule statt, doch Anke Könemann und ihre Kolleginnen denken weiter: Vielleicht werden ältere Schüler demnächst auch Demente besuchen; schließlich gehöre auch das zum Leben.

Mehrmals im Jahr lädt Könemann interessierte Seniorinnen und Senioren zu einer Informationsveranstaltung ein. Manche bieten anschließend einmalige Veranstaltungen an, andere kommen regelmäßig in die Balanstraße. Zur zweiten Gruppe zählt Pia Richter-Haaser. Sie bringt jede Woche eine andere Person ihrer Generation mit, die über ihren Berufs- oder Lebensweg berichtet. Die Kinder lernen nicht nur, dass es vielfältige Sichtweisen und Erfahrungen gibt, sondern auch, dass vieles nicht glatt läuft und häufig auch Um- und Zickzackwege nötig sind, um zum Ziel zu kommen. Auch Senior Torsten Hartmann ist immer wieder vor Ort: Er will den Kindern Anreize geben, sich für Technik zu interessieren. Wenn er spürt, dass es gefunkt hat, empfindet er „Genugtuung und Freude“ – und das sei dann seine Bezahlung.

Wir veröffentlichen diesen Text mit freundlicher Genehmigung der FUTURZWEI – Stiftung für Zukunftsfähigkeit. Alle Fotos: Montessori-Schule München

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