Rollingplanet | Portal für Behinderte und Senioren

Banner-Schottland-fuer-alle

Regional

Interview mit Andreas Joneck (1): Wie oft wedeln Sie mit Ihren Schecks?

Kein Rollstuhlbasketballverein in Europa ist so erfolgreich wie der RSV Lahn-Dill. Seit Jahren dominieren die Mittelhessen die Bundesliga. Seit Samstag sind sie schon wieder Deutscher Meister. Wie machen die das? ROLLINGPLANET fragte den Manager und Architekten des Erfolgs.

Andreas Joneck, der eine Glatze hat, Anzug und blaue Krawatte trägt

RSV-Manager Andreas Joneck (Copyright: Joneck)

Der RSV Lahn-Dill ist nicht nur ein sportliches Aushängeschild, sondern im deutschen Rollstuhlbasketball der am professionellsten geführte Club. Wo sich vor Jahren noch einige Dutzend Zuschauer in die oberste Liga verirrten, kommen heute zu den Spielen des europäischen Ranglistenersten weit mehr als 1.000 Zuschauer, so viele wie bei keinem anderen Konkurrenten. In Wetzlar hat man sich sowohl bei Fans als auch Sponsoren als Marke etabliert. In der Presse- und Medienarbeit ist der RSV Lahn-Dill mit Abstand die Nummer eins – wie ROLLINGPLANET in einem Webcheck feststellte.

Am vergangenen Samstag wurde der RSV Lahn-Dill nach seinem zweiten Finalsieg gegen den Erzrivalen RSC-Rollis Zwickau erneut Deutscher Meister – es war der zweite Titelhattrick in der Vereinsgeschichte und die insgesamt neunte Deutsche Meisterschaft. Seit 2004 gewann man mit einer Ausnahme jedes Jahr den deutschen Titel, unterbrochen nur 2009 von Zwickau. Seit April ist der RSV Lahn-Dill auch Rekordsieger im Pokalwettbewerb des Deutschen Rollstuhlsports (DRS).

Der Architekt dieses Erfolgs ist RSV-Manager Andreas Joneck (46, ledig, keine Kinder). Der Journalist und frühere aktive Basketballer (Karriereende beim TV 1847 Wetzlar aufgrund von Knieverletzungen) begann 1998 beim Verein als Pressesprecher. 2004 wurde er geschäftsführender Gesellschafter der neu gegründeten Betreibergesellschaft des RSV Lahn-Dill, der Rollstuhlbasketball Marketing Ltd. – das Jahr, in dem die sagenhafte Erfolgsgeschichte des RSV so richtig los ging.

Andreas Joneck ist auch Mitglied des Presseteams des Deutschen Nationalen Paralympischen Komitees (NPC) bei den XIV. Paralympics in London.

Wir veröffentlichen das ROLLINGPLANET-Interview mit Joneck in zwei Teilen.

Das Interview: Geld, Sponsoren, Stars, Talente

Sie sind ja Journalist. Welche Schlagzeile würden Sie am liebsten über sich lesen?

Gar keine (lacht). Am liebsten arbeite ich in aller Ruhe im Hintergrund, dort kann man viel stressfreier und vor allem effektiver die notwendigen Fäden ziehen!

Und welche auf gar keinen Fall?

Dass ich keine Ahnung hätte von dem, was ich tue (lacht).

Ihre größte Tugend?

Keine Ahnung, da müssen Sie andere fragen. Ich bin gerne weltoffen und neugierig, wenn das eine Tugend ist?

Ihr größter Fehler?

Vieles immer selbst machen zu wollen!

Ihr Handicap wird mit „Vergesslichkeit“ beschrieben. Wen oder was würden Sie auf keinen Fall vergessen?

Wer hat Ihnen denn das verraten, oder war ich das selbst? Egal, ich habe es vergessen!

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Ihr Verein, für den eigens eine Firma gegründet wurde?

Wir sind ein gleichberechtigtes Team aus fünf Personen. Das Team gibt die Politik und die Richtung der Bundesligamannschaft vor und gestaltet sie. Eine Firma beziehungsweise Betreibergesellschaft sind wir nur geworden, um professionellen Sport auch juristisch und steuerlich korrekt abwickeln zu können.

Daraus hat sich allerdings ein von uns vorher gar nicht so bedachter Vorteil entwickelt: Wir können als Unternehmen viel effizienter und schneller auf Erfordernisse reagieren, dies ist enorm wichtig. Außerhalb des Spielfeldes arbeiten wir momentan mit rund sieben Mitarbeitern am RSV und der Sportart.

Wie hoch ist Ihr Jahresbudget?

Von einst wenigen Tausend D-Mark haben wir dieses binnen 15 Jahren auf rund eine halbe Million Euro geschraubt, also rund auf das Einhundertfache. Darauf können wir in einer Sportart wie Rollstuhlbasketball sehr stolz sein, denn wir haben damit bewiesen, dass paralympischer Sport durchaus mit den etablierten Sportarten auf Augenhöhe operieren kann, wenn er professionell dargereicht wird.

In Wetzlar haben Sie es wahrscheinlich einfacher als in anderen Regionen, wo die Konkurrenz größer ist, Sponsoren zu kriegen?

Sponsoringgelder sind auch in Wetzlar nicht einfach zufällig vom Himmel gefallen.

In Mittelhessen ist es uns gelungen, Öffentlichkeit, Medien und Wirtschaft zu vermitteln, dass Rollstuhlbasketball „the most spectacular game on wheels“ ist, und dies bei einem zusätzlich enorm hohen Imagewert. Dies war ein langer, teilweise sehr mühevoller Prozess, denn unser Etat ist hart erarbeitet, solide aufgestellt und breit gefächert. Nur so haben wir eine Chance, langfristig auf diesem Niveau zu arbeiten.

Eine Weltstadt ist Wetzlar nicht unbedingt, deretwegen man zum RSV Lahn-Dill wechseln möchte. Müssen Sie besonders oft mit dem Scheck wedeln, um einen Spieler zu überzeugen?

Da treffen Sie aber das Herz eines Lokalpatrioten (lacht). Aber Spaß beiseite: Wir bieten auf den Sport bezogen sehr gute Bedingungen, vielleicht besser als in den meisten anderen Zentren…

Andreas Joneck mit Spielern in einem Autohaus

Joneck (3.v.r.) muss viele Hände schütteln – hier bei einer Werbeaktion mit einem örtlichen Autohaus

Inwiefern?

Wir versuchen für beste Trainingsbedingungen, medizinische Versorgung, soziale Einbindung und Rampenlicht zu sorgen, das sind unsere Trümpfe. Wir gehen ganz bewusst andere Wege als in Südeuropa, um Spieler zu rekrutieren, denn nur so kann man langfristig Erfolg haben. Und ganz nebenbei wissen wir, dass bei einigen wenigen anderen Vereinen in der Republik mit viel größeren Schecks gewunken wird.

Wen meinen Sie?

Ach, das kriegen Sie bestimmt selbst raus. ROLLINGPLANET hat doch sogar schon recherchiert, dass RSV-Spieler nach dem Schlusspfiff Pizza essen.

Sie wedeln also nicht ständig mit Schecks nach Spielern?

Wir geben unser Budget lieber für nachhaltige Dinge wie ein umfangreiches Marketing aus, dort sind Finanzen besser angelegt, wie man sieht.

Inzwischen werden im professionellen Rollstuhlbasketball aber teilweise beträchtliche Summen bezahlt. Wie viel verdienen Ihre Spieler pro Jahr?

Garantiert nicht so viel, wie viele glauben oder die Gerüchteküche glaubt zu wissen! Natürlich bekommt man bei uns für gute Arbeit auch den verdienten Lohn, muss aber auch deutlich mehr investieren. Spieler bei uns stehen in der Öffentlichkeit, müssen regelmäßig Präsenz zeigen, für Sponsoren und Medien zur Verfügung stehen und werden dafür eigens geschult. Das gehört bei uns uneingeschränkt dazu.

Sie wollen keine Gehälter der Spieler nennen. Anders gefragt: In welcher Größenordnung bewegen sich die Gelder? Kann man davon leben?

Ich kann und darf Ihnen das nicht verraten, zumal die Verschwiegenheit Vertragsbestandteil ist.

Noch mal: Kann man als Rollstuhlbasketballer von Ihrem Vereinsgehalt leben?

Grundsätzlich können Topspieler in Europa und Deutschland vom Vereinsgehalt leben, für andere ist es dagegen ein Zusatzverdienst, und für den Rest Aufwandsentschädigung.

Sie haben so viele internationale Spieler. Fehlt es Ihnen an Fantasie bei der Nachwuchsarbeit mit deutschen Talenten?

Nein bestimmt nicht! Zählen sie doch mal, wir haben sicherlich nicht die höchste Quote (grinst). Bei der Verpflichtung von ausländischen Spielern stehen wir doch auch vor dem Problem, dass der deutsche Markt logischer Weise ein quantitativ beschränkter ist. Würden wir, Zwickau oder andere versuchen…

Aha, Zwickau!

…die nationalen Stars der Szene alle zu uns zu holen, dann hätten wir doch ein hausgemachtes Problem, nämlich die eigene Konkurrenz zu schwächen. Dies ist vielleicht die Art und Weise des FC Bayern im Fußball, bei unseren Rahmenbedingungen wäre dies jedoch langfristig kontraproduktiv.

Richard Peter (Foto: RSV Lahn-Dill)

Welcher Ihrer Spieler hat Sie in den vergangenen Jahren – außerhalb der Sporthalle – wegen seines persönlichen Charakters am meisten beeindruckt?

Wir hatten fast ausnahmslos Spieler, die wir sofort noch einmal verpflichten würden! Ohne anderen Unrecht tun zu wollen und das aktuelle Team auszuschließen, aber Richard Peter hatte enormes Charisma. (Anm.d. Red.: Peter war ein 2.5-Punkte-Spieler, der von 2008-2010 für den RSV spielte. In zwei Spielzeiten machte er 944 Punkte. Der kanadische Nationalspieler und zweifache Paralympicssieger wurde 2010 als zweiter Rollstuhlbasketballer überhaupt in die „Sports Hall of Fame“ von British Columbia aufgenommen.)

Mal ehrlich, Sie als eingefleischter Fußballfan: Auch wenn Ihr Liebslingsclub HSV fünf Punkte Abstand auf einen Relegationsplatz hat – was würde Sie mehr schmerzen? Wenn der RSV Lahn-Dill mal nicht Deutscher Meister wird oder Ihr HSV diese Saison doch noch absteigt?

Das ist eine gemeine Frage! Beides wäre bitter! Muss ich mich wirklich entscheiden? Aber im Ernst, Fußball ist in Deutschland leider total überbewertet, Rollstuhlbasketball ist meine Sportart, meine Profession, mein Hobby, und daran hängt mein Herz. Aber diese Frage stellt sich ja nicht, denn der HSV wird niemals absteigen! (lacht).


Teil 2 unseres ROLLINGPLANET-Interviews: Andreas Joneck – Die Wahrheit über meine Sex-Affäre mit der blinden Tochter unseres Sponsors


Print Friendly

Stichworte

Diesen Artikel mit anderen teilen

Über Rollingplanet

Wir sind seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, und in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, seit Januar 2012 online, ist Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein inklusives, von Menschen mit und ohne Behinderung ehrenamtlich irealisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Wenn Sie noch mehr ROLLINGPLANET wollen, empfehlen wir Ihnen unseren Newsletter (hier kostenlos registrieren) mit zusätzlichen Gewinnspielen und anderen Extras.

Was ist Ihre Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Das sind wir

ROLLINGPLANET ist Deutschlands führendes Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung, Senioren und Freunde. Tagesaktuell, unabhängig, kritisch. Und geil aufs Leben.

ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, ehrenamtlich realisiert von Menschen mit und ohne Behinderung. Seit 1. Januar 2012. Weitere Infos: Über uns

Tipp

Tipp-PfeilWenn Sie sich weiter unten auf dieser Seite befinden und wieder schnell nach oben kommen wollen: Einfach auf das schwarze Kästchen mit dem Pfeil – rechts unten am Bildschirm – klicken.
  • A A A


  • Samuel Koch – das Original?

    • Mein Gott, jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

    Im Rolli und Internet auf der Suche nach Mr. Right

    • Behinderte Frauen in Indien wie Tiere eingesperrt

    Neue Software: Stephen Hawking kann schneller arbeiten

    • Neue Software: Stephen Hawking kann schneller arbeiten

    Alleine auf eine Party gehen ist doof

    ziemlich-beste-begleiter-bigteaser
    Werbebanner der Firma Rehability
    Druck

    Neueste Parkplatzschweine

    • Falschparker/in: KS-TX 87
    • Falschparker/in: ED-SK 875
    • Falschparker/in: A-F 2718
    • Falschparker/in: AIC-KL 789
    • Falschparker/in: A-CW 1959
    • Falschparker/in: S-NH 6000 (Wiederholungstäter)
    • Falschparker/in: V-OL 455 (ORBA-Lift Aufzugsdienst GmbH)
    • Falschparker/in: S-NH 6000

    Barrierefreie Hotels

    • Erstes Embrace-Hotel in der Schweiz
    • Verein „Ohne Barrieren“ eröffnet Hotel Sportforum in Rostock
    • Hotel am Kurpark (Bad Herrenalb)
    • Refugium am See (Teupitz)
    • Hotel Hanseatic Rügen & Villen (Ostseebad Göhren)
    • „So wie Du“ und nicht so wie die meisten Hotels
    • Alling: Lichtblick Hotel