Chen Guangchen: Wie dem blinden Dissidenten die Flucht gelang

Der aus seinem Hausarrest geflohene chinesische Regierungsgegner ist offenbar an einem sicheren Ort in Peking.

So trotzt man einem Regime, obwohl man Hausarrest hat und blind ist: Chen, einem der bekanntesten Bürgerrechtler Chinas, soll in der Nacht des 22. April trotz Bewachung die Flucht aus dem Dorf Linyi in der Provinz Shendong gelungen sein. Er kletterte nachts über die Mauer, die sein Haus umgibt. Die Bürgerrechtlerin He Peirong berichtete der britischen Zeitung „The Times“, Chen sei ohne Hilfe stundenlang zu Fuß gelaufen, bevor er Kontakt zu ihr aufnahm.

Laut „New York Times“ hatte sich Chen über Monate ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Sicherheitskräften geliefert. Zunächst scheiterte ein Fluchtversuch per Tunnel. Mit verschlüsselten Botschaften habe Chen mit seinen Freunden kommuniziert. Vor dem Vorfall soll er wochenlang im Bett gelegen haben, um seine Bewacher davon zu überzeugen, dass er zu schwach sei, zu entkommen.

Offenbar in der US-Botschaft in Peking

Chen ist nun an einem sicheren Ort in Peking – das sagt zumindest die in den USA basierte Gruppe ChinaAid. Ob damit die amerikanische Botschaft in Peking gemeint ist, wie es in Medienberichten heißt, ist jedoch unklar. Vor der Botschaft sind die Sicherheitsmaßnahmen wie immer. Weder Washington noch Peking haben sich bisher zum Aufenthaltsort Chens geäußert.

Bob Fu von ChinaAid erklärte, Chen sei „zu hundert Prozent in Sicherheit“. Außerdem sagte Fu: „Als Chen am Sonntag mit Hilfe seiner Freunde fliehen konnte, hätte er China verlassen können. Aber das wollte er nicht. Er will bis zum Ende für Freiheit und Gerechtigkeit als chinesischer Bürger kämpfen.“

Chen ist seit einer Erkrankung in der Kindheit blind. Er kritisiert Korruption, Zwangsabtreibungen und -sterilisationen im Namen der Ein-Kind-Politik Pekings.

Diplomatische Belastung

Wegen der Flucht von Chen Guangcheng droht „den amerikanisch-chinesischen Beziehungen kurz vor Beginn ihrer jährlichen Konsultationen eine drastische Verschlechterung“, schreibt Spiegel Online. Chen war SPON zufolge 2006 offiziell wegen Verkehrsblockaden verurteilt worden und musste für vier Jahre ins Gefängnis.

Nach Ende der Haft im September 2010 wurde er in seinem Haus unter Hausarrest gestellt. Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen, darunter Amnesty International, wurde er in den vergangenen eineinhalb Jahren misshandelt.

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