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Go Genie (1): Jan Kampmann oder die geniale Methode, sich in den Rollstuhl zu setzen

Sie lernen gleich einen Schlafwandler kennen. Jan Kampmann studiert in Birmingham (Großbritannien) Internationalen Journalismus. Mit „Go Genie“ will er ein Google für barrierefreie Adressen schaffen. ROLLINGPLANET hat ihn gefragt, wie man solch ein großes Ziel realisiert.

Jan Kampmann ist mit 14 Jahren aus dem Fenster gefallen. Einfach so.

gogenie.org ist ein neues Open-Source-Projekt, das einen weltweiten Überblick barrierefreier Adressen bieten will. Nutzer können ihre Erfahrungen teilen, nach beliebigen Zielen suchen und zahlreiche Details zu einem bestimmten Ort erfahren – sofern User diese Informationen eingegeben haben.

Das Vorhaben erinnert an das bereits in 14 Sprachen verfügbare Wheelmap.org von Raul Krauthausen. Während dort den Internetbesucher eine Landkarte begrüßt, folgt Go Genie dem Google-Prinzip, zunächst einmal nur ein großes Eingabefeld zu zeigen.

Initiiert wurde Go Genie von Alison Smith aus Großbritannien, die als taube Aktivistin gegen Diskriminierung von Menschen mit Behinderung auf digitale Medien setzt. Der angehende Journalist Jan Kampmann ist ihr wichtigster Mitstreiter. Er baut rund um Go Genie die Community auf.

Der 24-Jährige aus Gießen studiert seit September in Birmingham „International Journalism“ und nimmt das Leben seit jeher sportlich und ehrgeizig: Der ehemalige Rollstuhlbasketballer gewann mit dem RSV Lahn-Dill zwei Meistertitel, einmal den Champions Cup, zweimal den nationalen Pokal und wurde in die U 22-Nationalmannschaft berufen.

Kampmann machte 2007 sein Abitur in Gießen und 2010 seinen Bachelor in Fachjournalistik und Geschichte. Danach machte er unter anderem beim WDR 2 Sport und bei der ARD Sportschau Station. Eigentlich wollte Kampmann anschließend in Newcastle International Journalism lernen – dort war der Kurs aber voll. Deshalb ging es nach Birmingham, Englands „Second City“. Die nach London zweitgrößte Stadt des Landes hat knapp über 1 Million Einwohner, in ihrem Ballungsraum leben rund 2,6 Millionen Menschen.

Neben seinem Studium und Go Genie arbeitet Kampmann für die Fußball-Webseite Goal.com

Im zweiteiligen ROLLINGPLANET-Interview spricht Kampmann über große Ziele, kurze Röcke und die Unterschiede von Birmingham und Gießen. Dieser Beitrag wendet sich vor allem an Leser, die an Neuheiten im World Wide Web interessiert und mit dem Medium vertraut sind. Deswegen haben wir nicht alle englischen Ausdrücke des Internetslangs ins Deutsche übersetzt.

Teil 1: Mit schlafwandlerischer Sicherheit in den Rollstuhl

Jan Kampmann in der Londoner Metro.

Du bist querschnittgelähmt, weil Du als 14-Jähriger schlafgewandelt bist. Das ist natürlich ein Leckerbissen für ROLLINGPLANET. Wir wollen alle Details wissen!

Das war in der Tat spektakulär. Immerhin war es kein langweiliger Auto-, Motorrad- oder Badeunfall. Ja, krass oder? Ich sage immer, Leute, ich habe eine echt gute Geschichte für Euch. Denn immerhin war es kein Auto-, Motorrad- oder Badeunfall. Auf der Fernbedienung ausgerutscht und von einer Eule am Kopf getroffen, das habe ich auch schon gehört – aber in Stuntman-Manier wie bei mir war noch nichts dabei.

Zum Mitschreiben, und weil es nach zehn Jahren automatisch abspult: Ich weiß noch, dass ich Abends irgendwann ins Bett bin, mit knapp 40 Grad Fieber und nur dachte – okay, wenigstens musst Du morgen nicht in die Schule. Ich weiß auch, dass ich früher mal im Schlaf aus meinem Doppelbett aus der obersten Etage gesprungen bin. Also das Ganze quasi schon geübt habe – ohne dass sich jetzt jemand Sorgen machen muss, dass ich depressiv war oder bin. Vielleicht war es ja meine Sportart?

Du enttäuschst uns nicht. Das fängt gut an.

Ich bin ins Bett und hatte fieberhafte Alpträume. Dann bin ich wohl, wie ab und an mal, schlafgewandelt. Wie alles passiert ist, weiß ich nicht. Es war das Badezimmerfenster im ersten Stock. Das nächste, was ich wieder weiß, ist, dass die Sanis da waren und mir das T-Shirt aufgeschnitten haben. Meine ersten Worte: Leute, das ist ein Marken-Shirt! Das ist das Erste, woran ich gedacht habe, dabei gab es in dem Moment offensichtlich andere Probleme. Aber das kenne ich von vielen, bei den meisten ist es die neue Hose für 100 Euro.

Dann wurde ich in die Uniklinik geflogen, kompletter Querschnitt unterhalb des 6. Brustwirbels. Dort wurde ich zwei Mal operiert, aber ganz so geschickt mit dem OP-Besteck konnten sie in Gießen keinen Querschnitt behandeln. Deshalb wurde ich in Bad Wildungen, in der Schäuble-Stammklinik, noch zwei Mal aufgemacht. Danach sechs Monate Reha!

Und jetzt bist Du vom Schlafwandeln geheilt? Die Gefahr ist ausgeschlossen, dass Du Dich nachts versehentlich in den Rollstuhl setzt, die Treppen runterrast und anschließend Ultratetra bist?

Das findet Ihr besonders geil, oder? So Geschichten habe ich auch schon gehört. Zurück zur Frage: Nein, das hat sich seitdem nicht wiederholt. Aber das Beste ist: Am Anfang haben sie mich wirklich ans Bett gefesselt. Obwohl ich mich nicht einmal alleine drehen konnte!

Mein Leben im Ghetto

Du vermisst die Rollstuhlbasketball-Hochburg Wetzlar gar nicht?

Wetzlar kaum, da war ich immer nur zum Basketball in der Sporthalle – sonst ist es ja keine Universitätsstadt, und von daher eher uninteressant für mich.

Wenn ich etwas vermisse, dann schon eher Reiskirchen, wo ich die meiste Zeit bei meinen Eltern gewohnt habe, oder Gießen, wo ich studiert habe und zur Schule gegangen bin und die meiste Zeit verbringe, wenn ich mal in Deutschland bin.

Hast Du Dich in Birmingham schon gut eingelebt? Bist Du jetzt bereits ein echter Brummie?

Jan und zwei andere Menschen vor und auf einer Bank

Ausnahmsweise mal kein englischer Nieselregen: Kampmann mit Familien-Anhang in London.

Oh ja, ich spreche schon den richtig provinziellen Brummie-Akzent – weil man in Mittelhessen ja genauso bauerndeutsch spricht… (lacht). Nein, Quatsch. Eingelebt hab ich mich gut, wobei ich sagen muss, dass ich nicht in der optisch ansprechendsten Gegend wohne.

“Perry Barr”, wie sich mein Stadtteil schimpft, ist ein ziemliches Ghetto. Der Campus, zu dem ich glücklicherweise nur fünf Minuten rolle, ist vermutlich das Schönste in der ganzen Gegend, aber selbst der wird es nie zum Weltkulturerbe schaffen.

Der Stadtkern mit Victoria Square, den Kanälen, der New Street mit seinen architektonisch auch attraktiven Bauten ist nach dem Facelift vor etwa zehn Jahren echt schön. Aber mit Besuchern habe ich “Brum” realistischerweise immer nach höchstens eineinhalb Tagen abgehandelt.

Sehnsucht nach dem Gießener Nachtleben

Was magst Du an England?

Ich liebe die englische Mentalität, die Menschen, den Humor, die Kultur. Aber in Birmingham leben? Um es mit Tocotronic (Anm.d.Red.: Rockband aus Hamburg) zu sagen: Nein, danke. London könnte ich mir schon eher vorstellen.

Was ist in Birmingham besser oder schlechter als in Gießen?

Gießen und Birmingham haben einiges gemeinsam: Wenn die Studenten weg sind, sind sie völlig blutleer, und beide Städte sind im Krieg völlig zerstört und danach teilweise mehr schlecht als recht wieder aufgebaut worden.

Beide sind Uni-Städte, beide mit eher morbidem Charme und grottigem Image, beide geographisch ziemlich genau in der Mitte des Landes.

Das Schönste in Birmingham sind der Bahnhof und Flughafen…

Aber das Nachtleben wird doch in Birmingham aufregender als in Gießen sein?

Das wird manche schocken, bisher finde ich das Nachtleben sogar in Gießen besser. Birmingham ist größtenteils die Broad Street, wo man wirklich nicht weiß, welchen Frauen man Geld zustecken muss und welchen nicht! Und das ist kein Pendant zur Herbertstraße in Hamburg, sondern die Ausgehmeile. So ziehen die sich hier an, und das ist ganz normal. Alles hier ist sehr, sehr “posh” (Anm.d.Red.: gemeint ist “pseudo-edel”), überall sind mehr Bodyguards als Leute, die Spaß haben. Dann lieber meine drei Tanzkeller in Gießen, ungeachtet der Stufen, die es da runter geht.

“Rollifreundlichkeit? Klarer Punkt für Birmingham!”

Und vom Nachtleben mal abgesehen…?

Für die Schönheit und den Stadtkern ein klares 1:0 für Birmingham. Hier gibt es mehr Kanalwege als in Venedig! Dialekt: Beide grausam! Ob manisch, middelhessisch oder Ozzy-Osborne-Brummisprech, beides verursacht Ohrenkrebs.

Gießen bezeichne ich gerne als die größte Open-Air-Psychiatrie Deutschlands, dafür sind zwei Drittel Studenten. Birmingham ist vom Verhältnis so international wie London. Schwer zu sagen, auch hier ein Patt.

Was Rolli-Freundlichkeit anbelangt: Klarer Punkt für Birmingham!

Ich bleibe mal konstant unkonsequent und sage: Alles in allem unentschieden.

Du bist Anhänger von Aston Villa oder Birmingham City?

West Bromwich Albion habt Ihr vergessen. Natürlich Aston Villa, strahlt mehr Charakter und Tradition aus, ist erste Liga. Allerdings: Bei City war ich schon bei einem Spiel, bei Villa ist es schwer, als Rolli an Karten zu kommen – da muss man auf Aussetzer der Dauerkartenbesitzer hoffen.

Das heißt, ich werde entweder Freitagnachmittags oder sogar Samstagvormittags angerufen und habe meistens nur eine halbe Stunde Zeit, einen Begleiter zu finden und mich zu entscheiden, ob ich 30 Pfund für ein Ticket hinblättern will. In dieser Saison meist für deftige Pleiten – Villa kann noch absteigen!

Teil 2 und Schluss: Die Barrieren-Abrissbirne von der Insel – über das Projekt Go Genie

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