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Go Genie (2): Die Barrieren-Abrissbirne von der Insel

Im zweiten Teil des ROLLINGPLANET-Interviews schildert der in Birmingham lebende Student Jan Kampmann Einzelheiten zu dem Projekt “Go Genie”. Gemeinsam mit der Initiatorin Alison Smith baut der 24-Jährige als Community Manager eine weltweite Übersicht barrierefreier Adressen auf.

Schattiges Plätzchen: Jan Kampmann und Alison Smith bei einem Rundgang durch Birmingham, um barrierefreie Adressen zu finden. Foto: blog.gogenie.org


Teil 1 des Interviews: Go Genie (1): Jan Kampmann oder die geniale Methode, sich in den Rollstuhl zu setzen


Nun aber zu Deinem Projekt. Nach acht Monaten England wirst Du doch das Deutsch nicht verlernt haben. Warum gibt es Go Genie nur auf Englisch?

Guter Punkt, ich sollte mich um eine deutsche Edition kümmern. Da wir quasi ein Zwei-Mann-Unternehmen sind, Alison und ich, ist das Ganze leider nicht so einfach. Aber falls uns irgendjemand unter die Arme greifen will – kontaktiert mich!

Seit wann gibt es Go Genie?

Seit September 2011 ist die Beta-Version online. Gerade haben wir einen neuen Web-Entwickler an Bord geholt und hoffen, dass es jetzt schneller vorangeht.

Wer steckt außer Dir hinter dem Projekt?

Alison Smith, Netz-, Anti-Diskriminierungs- und Taubstummenaktivistin seit 17 Jahren, ist die Initiatorin von Go Genie. Sie ist ein Energiebündel sondergleichen. Auf dem “Birmingham Social Media Café”, einer Networking-Veranstaltung im Stadtzentrum, drückte sie mir ihre Visitenkarte in die Hand, mit dem Kommentar “Wir machen auch was mit Rollstuhlfahrern”.

Das fand ich erst mal eher daneben, habe die Karte aber aufgehoben und sie irgendwann wieder gefunden und mir überlegt, welches Projekt ich für das Modul “Production Lab” an der Uni machen könnte. Ich meldete mich bei Alison und warf meine Zweifel schnell über Bord.

Wie sahen die ersten Schritte aus? Wer macht die Technik?

Zu dem Zeitpunkt ging die Sache gerade mehr oder weniger online, ein Web-Entwickler kümmerte sich um die technische Seite, NOKIA unterstützte daneben eine Mobile-App mit 25.000 Pfund (Anm.d.Red.: zirka 31.000 Euro). Die gibt es auf der Website runterzuladen für Smartphones.

Für uns beide standen fortan ganz viele Brainstorming-Sessions zum Thema an, wie wir nun User dazu bewegen können, Infos, Fotos, Videos, Reviews (Bewertungen) und so weiter hochzuladen. Ich rätsle immer noch darüber, aber ich bin dabei, von den weltbesten Community Managern zu lernen und meine Strategie zu verfeinern.

Über Investoren und Arroganz

Kampmann schaut auch über den Tellerrand in der Medienwelt: hier bei Channel4 in London.

Und das Ding soll wirklich mal Geld machen?

Ich hab mir mal die Prognosen angeschaut, die anfangs gemacht wurden – wenn das Projekt durch die Decke geht. Dafür gibt es schon ein paar berechtigte Hoffnungen, die Seite könnte theoretisch Umsatz machen. Aber dazu müssen viele Leute daran glauben. Ich für meinen Teil bin wohl der Prediger.

Ihr werdet Investoren brauchen. Warum gehst Du nicht einfach zu „Aktion Mensch“, die haben doch genug Geld…?

Na ja, NOKIA und NESTA haben schon investiert, und es geht weiter mit dem Klinkenputzen, das heißt, ein paar weitere Bewerbungen sind raus. Aber klar, Investoren braucht man immer!

“Aktion Mensch” ist schon ein großer Player, aber ich weiß nicht, ob die Interesse daran hätten. Es muss ja immer auch die Gegenseite etwas davon haben. “TomTom” wäre zum Beispiel ein super Partner gewesen. Auf einer Veranstaltung hab ich sie angesprochen, und die Arroganz ist nur so auf mich herabgepurzelt.

Investoren zu finden ist wahrlich nicht easy, und bisher hat Alison das übernommen, sie hat mehr Erfahrung, ist der “Chef” und hat die Erfahrung. Ich bin nur der Greenkeeper (lacht). Der Zeugwart, das Mädchen für alles, das aber auch alle kennt und kennen muss.

Welchen Wettbewerbsvorteil hat Go Genie wirklich?

Wheelmap gibt es schon. Investoren werden natürlich als erstes fragen: Was ist der USP (Unique Selling Proposition), also das Alleinstellungsmerksmal von Go Genie?

Erst einmal sind wir international angelegt, also zielen auf Weltherrschaft (lacht). Solch einen globalen Ansatz gab es bis jetzt noch nicht, und ich denke, das hat schon Vorteile. Zweitens setzen wir auf den wechselseitigen Austausch zwischen Location und…

Du hast ja doch Dein Deutsch verlernt…

Sorry, ich weiß nicht, wie man „venue“ anständig übersetzt! Es gibt einfach kein gutes Wort dafür in Deutschland! Locations ist wenigstens schon eingedeutscht.

Also für uns sind das „Orte“. Demnächst soll es bei Euch „Interessensprofile“ geben. Was bedeutet das?

Ja, es wird demnächst Interessenpsrofile geben und einen Austausch zu den Profilen für Locations, so dass beide Seiten profitieren. Locations können User je nach ihren Interessen oder Lieblingsorten reduzierte Tickets, Freigetränke oder Gutscheine anbieten.

“Wir setzen sehr stark auf Offline”

Da gibt es keinen Konflikt mit Datenschutz?

Ich finde, jeder Google-Service steckt weitaus tiefer im Sumpf. Wenn bei uns Interessen eingetragen werden, dann wissen das andere Services mit Sicherheit bereits. Außerdem ist es natürlich freiwillig.

Tickets, Freigetränke oder Gutscheine klingt nach realer Welt.

Wir setzen sehr stark auch auf Offline-Kontakt, lokale Botschafter und Social Media – also die Community um Go Genie herum. Denn Barrierefreiheit hat mit vielen verschiedenen Leuten zu tun, die etwas testen. Die müssen sich gegenseitig befruchten und kennen lernen. Da reicht nicht, wie es viele Seiten machen, einen Rolli zu bezahlen, der sich Bars anschaut. Jeder Rolli ist individuell.

Außerdem stellen wir Informationen für möglichst viele Betroffene bereit, nicht nur zum Thema Rollstuhlfreundlichkeit, sondern auch Infos wie Braille-Schrift, Large Print etcetera für Blinde, für Gehörgeschädigte – Stichwort Induktionsschleifen -, Mütter mit Kinderwagen, für Leute, die Wi-Fi-Anschluss brauchen und so weiter.

Bei uns gibt es auch Fotos und, sofern gewünscht, Videos, einen Blog, auf dem wir unter anderem Änderungen anregen wollen – das ist ein weiterer wichtiger Punkt. Wir wollen auch etwas bewegen, wenn an einem Ort der Zugang sehr schlecht ist und wir solch ein Problem mit unseren Kontakten lösen können.

Zu guter Letzt haben wir die MobileApp – mit ihr ist in Zukunft noch einiges mehr machbar als bisher.

Aber MobileApps haben andere auch. Was gibt es sonst noch?

Ein paar von den kommenden Techniken und Strategien sind noch unter Verschluss – erst recht, wenn ich dieses Interview im Internet gebe. Alisons Ideen wurden schon einmal von einem damals potentiellen “Partner” dankbar abgenommen, das war 2009.

“Nichts ist so schlau und mächtig wie der Schwarm”

Wie die meisten Rollstuhlfahrer ist Kampmann offensichtlich kein Fan von Kopfsteinpflastern.

Ihr setzt auf das Prinzip „Crowdsourcing“, der Wissensbeschaffung durch kollektive Zusammenarbeit, bei der sich eine Masse von Freizeitarbeitern im Internet freiwillig beteiligt…

Nichts ist so schlau und mächtig wie der Schwarm! Das hat schon der Guttenberg-Fall gezeigt. Wir gehen proaktiv zu den Leuten, die wir haben wollen, die die gefragten Qualitäten haben, und schauen uns Bewerber erst mal an.

Wir sind heilfroh über jede Mithilfe, gehen aber auf die Leute zu. Erst mal geht es uns, besonders in der frühen Phase der Community, um Aktivität und Qualität. Dann kommt die Quantität von alleine.

Anders ausgedrückt: Ohne die Mitarbeit von Usern wird das Ganze ins Wasser fallen. Wir sind aufgrund eigener Erfahrungen bei ROLLINGPLANET skeptisch. Man braucht eine unglaublich große Anzahl von Besuchern, von denen nur ein Bruchteil auch wirklich aktiv ist. Was macht Dich zuversichtlich für Go Genie?

Klar, da gebe ich Euch absolut Recht. Hundert Prozent. Ich sage nur eins: Start small, focus on activity. Genau das. Wir starten klein, aber mit aktiven, enthusiastischen, begeisterten Usern. Mit einem kleinen Kern. Wer Community Management verstehen will, muss sich die erfolgreichen Seiten anschauen. Keine von denen ist “out of the box”, von heute auf morgen, entstanden. Keine von ihnen hatte großes Startkapital oder den “big launch”. Der große Tusch ist immer in die Hose gegangen.

Es wird Zeit brauchen, aber so ist das: Gut Ding will Weile haben. Das Wichtigste ist ein Kern von wirklich begeisterten, überzeugten Menschen. 20 Prozent der User machen immer 80 Prozent des Contents, daran wird sich auch nie etwas ändern. Aber die 80 Prozent braucht man genauso. Würde jeder so viel wollen wie die 20 Prozent, könnte man die Community nicht mehr unter Kontrolle halten.

“Richtig oder gar nicht”

Aber das Internet schreit immer nach schnellen Erfolgsmeldungen.

Zu schnelles Wachstum ist auch nicht gut. Niemand würde sich über Krebszellen freuen, oder? Das Gute am Community Management ist: Man kann nicht schummeln. Entweder man investiert Zeit und Begeisterung in richtige, persönliche Kontakte, oder man lässt es ganz.

Dafür muss man das Projekt lieben – und das tue ich. So lange das ein paar andere auch tun, entwickelt sich es Schritt für Schritt von ganz alleine. Später kann man dann größere Maschinerie auffahren, aber jetzt würde das nur zu hohe Erwartungen wecken.

Wheelmap hat es geschafft, wahrgenommen zu werden – auch dank TV-Spots, eines sehr internetaffinen Raul Krauthausen und des “First Mover Advantages”. Wie willst Du eine ähnliche Aufmerksamkeit erreichen?

Ich habe Rauls Kontakte nicht, die er über Jahre aufgebaut hat, und natürlich auch kein Angebot von Google, einen TV-Spot zu machen. Aber ich merke, wie schnell es dann doch geht, wenn man einigermaßen clever Networking betreibt.

Was die Inder, aber nicht die Deutschen verstehen

Warum macht man so etwas wie Go Genie? Um arm zu bleiben wie ROLLINGPLANET, ein Sozialheld wie Raul Krauthausen zu sein oder reich zu werden wie Larry Page?

Grundmotivation war, ein Projekt zu managen – das war mir von der Uni vorgegeben. Jeder meiner Mitstudenten, dem ich davon erzählte, beneidete mich und sagte: Boah, das ist total wichtig, da bewegst Du richtig was. Ich habe gemerkt, dass da wirklich etwas geht – ich habe keinen getroffen, der es nicht gut fand oder es als ausgelutscht betrachtete. Gerade weil wir die Sache noch ein bisschen weiterdrehen als andere Firmen und eine schön glatte, straighte Benutzeroberfläche haben.

Ob Ihr es glaubt oder nicht – ich mache das ohne ein bestimmtes persönliches Ziel.

Das behaupten wir von ROLLINGPLANET auch immer, aber keiner glaubt uns das.

Anfangs habe ich genauso gedacht – warum soll da jemand was beitragen? Ich würde das nie machen, wenn ich nichts dafür bekäme. Dann habe ich gemerkt, dass das ein kulturelles Problem ist. Als ich mich mit einem indischen Freund darüber unterhalten habe, fragte der erstaunt: Und ich muss dafür kein Geld bezahlen? Bei ihm war es umgekehrt, er konnte nicht glauben, dass er kostenlos einfach Gutes tun kann.

Das haben wir nicht verstanden.

Haha, bestes Beispiel! Genau das verstehen die Deutschen nämlich nicht (lacht). Wir Deutschen denken: Mich soll doch jemand dafür bezahlen, für umsonst tippe ich doch keine Informationen ein!

Der Inder denkt: Cool, ich bekomme kostenlos die Möglichkeit, anderen Menschen zu helfen. Super, dass man dafür nicht zahlen muss!

Wo wärst Du gerne beruflich in fünf Jahren?

Ganz ehrlich? Das hat mir gerade erst letzte Nacht den halben Schlaf gekostet. Geschichte, Sportjournalismus, Radio, TV, Online, Print, ich habe schon einiges ausprobiert, und es wird Zeit, sich zu entscheiden. Fragt mich noch mal, wenn wir in fünf Jahren mit Go Genie Google aufgekauft haben!

Vielen Dank für das Interview.

Links zu dem Projekt

Mail: jankampmann87@gmail.com
Blogs: blog.gogenie.org, www.jankampmann.de/blog, www.jankampmann.de/wp (Jans Blog zum Auslandsstudium)
Facebook: www.facebook.com/gogenieorg
Twitter: www.twitter.com/go_genie
Google+: nach “Go Genie” suchen
Alison Smith: peskypeople.co.uk (“pesky people” steht für “nervtötende Menschen”)

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1 Kommentar

  1. Murti12. Mai 2012 at 18:43Antworten

    Dieses Was wir Deutschen nicht verstehen macht sich immer gut. Ich bin selbst großer Indien Fan, habe ca. 4 Monate in Mumbai verbracht. Leider muss man erwähnen wie überall gibt es auch in Indien solche und solche…

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