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Blindenfußball: MTV Stuttgart kassiert erste Niederlage seit 2008

Die Bundesliga hat ihre erste faustdicke Überraschung. Vom zweiten Spieltag in Neumünster berichtet Dieter Hanisch.

Mulgheta Russom (r.) vom MTV Stuttgart gegen Jörg Fetzer vom Chemnitzer FC. (Foto: Tim Riediger/dapd)

(dapd) – “Voy, voy” schallt es über das 20 mal 40 Meter große Spielfeld. Der aus dem Spanischen kommende Begriff für “Ich gehe” ist der internationale Schlachtruf des Blindenfußballs, der auch am Samstag beim zweiten Spieltag der Blindenfußball-Bundesliga in Neumünster nicht fehlen durfte. Sobald sich ein Spieler in Richtung Ball bewegt, muss er diesen Ruf ausstoßen, damit sein Gegenspieler sich orientieren kann und beide nicht im vollen Lauf zusammenprallen.

Die Bundesliga spielt gerade ihre fünfte Saison, und in Neumünster gab es heute die erste faustdicke Überraschung – der amtierende Meister MTV Stuttgart kassierte seine erste Niederlage seit 2008. Der Chemnitzer FC siegte per verwandeltem Strafstoß ausgerechnet durch den Ex-Stuttgarter Jörg Fetzer 1:0, nachdem Torhüter Marko Raseta den Chemnitzer David Lippmann gefoult hatte.

Gespielt wird Blindenfußball auf einem ausgerollten Kunstrasen mit seitlicher Bandenbegrenzung. Der Ball enthält eine Rassel, der Torwart ist sehend, darf den Ball aber nur in seinem Mini-Torraum spielen. Er gibt seinen Deckungsspielern Anweisungen, während die jeweiligen Angreifer von einem Guide, der hinter dem Tor des Gegners steht, per Zuruf dirigiert werden.

Männer und Frauen laufen in einer Mannschaft auf

Diesen Part hatte diesmal Heike Schmid bei den Schwaben übernommen, doch viele ihrer “Steuerungsrufe” wurden einfach vom böigen Wind verweht. Bei zwei Stuttgarter Acht-Meter-Penaltys, die verhängt werden, wenn ein Team innerhalb einer Hälfte (Spielzeit 25 Minuten) mehr als drei Fouls begeht, klopfte sie an die Begrenzungen des Handballtores, um dem MTV-Nationalspieler Mulgheta Russom Orientierung zu geben. Dieser traf aber beide Male den Ball nicht richtig, sodass keine Gefahr für die Sachsen entstand.

In Höhe Mittellinie haben beide Teams zudem ihren jeweiligen Coach stehen, der ebenfalls lautstarke Anweisungen geben darf. Auf dem Feld sind neben dem Keeper auf jeder Seite vier Akteure mit Augenbinden und darunter noch einmal mit abgeklebten Eye-Pads. Die meisten Spieler oder Spielerinnen, denn die Aufstellung ist geschlechtergemischt, tragen zudem einen Kopfschutz, um die Verletzungsgefahr zu minimieren.

Viel wird über die Außenseite gespielt und richtungsweisend wie als zusätzliche Stütze für die Spieler die Bande mit einbezogen. Rassige Sprints, Dribblings, Bandenduelle, Fernschüsse und auch schon mal ein Lupfer – Blindenfußball ist mehr als nur planloses Gekicke und Ballgestochere. Schnelligkeit und Athletik haben in den vergangenen Jahren zugenommen. “Das heute war noch extrem langsam”, fasst Alex Fangmann vom MTV zusammen. Nach einer Knie-OP ist der 27-Jährige noch nicht optimal fit.

Immer wieder Gerüchte über die Sehkraft der Spieler

Erst 2006 ist der Blindenfußball in Deutschland aus der Taufe gehoben worden. Daher hat es seitdem auch erst 22 Länderspiele gegeben. Die Paralympics finden im Übrigen ohne deutsche Beteiligung statt, weil man bei der EM im Vorjahr – zugleich das Qualifikationsturnier – den achten und letzten Platz belegt hatte.

Die Spiele der Bundesliga werden auch in Neumünster im besten Hörfunk-Stil live von Maurizio Valgolio kommentiert. Die Audio-Übertragung kann so von Blinden vor Ort per Kopfhörer verfolgt werden, aber auch ein Livestream über mehrere Internetsender vermittelt Live-Atmosphäre. Michael und Katja Löffler, Blindenfußballer der ersten Stunde vom FC St. Pauli, sind diesmal nur als Zaungäste dabei, da sie verletzt sind beziehungsweise noch Trainingsrückstand aufzuholen haben. Genau wie in Stuttgart wird auch in Hamburg zweimal pro Woche trainiert.

Wie ehrgeizig es zugeht in der Bundesliga, zeigen auch immer wieder Diskussionen und Gerüchte über die tatsächliche Blindheit mancher Spieler oder deren Kategorisierung mit einer entsprechend geringen Rest-Sehkraft. “Ich will keinem zu nahe treten, aber anhand der Ballannahme und Ballbeherrschung lassen sich bei einigen wenigen Spielern schon bestimmte Vermutungen anstellen”, findet Michael Löffler kritische Worte.

Nächste Station für die Bundesliga mit ihren acht Teams bzw. Spielgemeinschaften ist am 16. Juni in Heidelberg.

Ergebnisse: blindenfussball.de

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