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Ehemaliges Skandalunternehmen Vivantes will den Bereich Altersmedizin ausbauen

Vor einem Jahr verlor der Klinikkonzern vor dem Europäischen Gerichtshof gegen eine ehemalige Mitarbeiterin, die Pflegemissstände angeprangert hatte.

Berliner Krankenhaus Am Urban des Unternehmens Vivantes (Foto: Gerit Borth/dapd)

(RP/dapd-bln). – Der Klinikkonzern plant einen Ausbau im Bereich Altersmedizin. “Schon jetzt sind über 40.000 unserer stationären Patienten im Jahr älter als 75 Jahre alt und der Altersdurchschnitt wird noch steigen,” sagte Dorothea Dreizehnter, Geschäftsführerin des Klinikmanagements. Es gelte daher, in allen Fachabteilungen eine altersgerechte Versorgung aufzubauen. Zudem sollten insgesamt drei altersmedizinische Zentren in Berlin entstehen. Im Herbst will Vivantes am Standort des Wenckebach Klinikum ein Hospiz mit 16 Plätzen eröffnen.

Vivantes ist nach eigenen Angaben der größte kommunale Krankenhauskonzern in Deutschland. Zu ihm gehören neun Krankenhäuser, zwölf Pflegeheime, zwei Seniorenwohnhäuser, eine ambulante Rehabilitation, medizinische Versorgungszentren, ambulante Krankenpflege sowie Tochtergesellschaften für Catering, Reinigung und Wäsche. Nach Angaben der Geschäftsführung beschäftigte der Klinikbetreiber im vergangenen Jahr knapp 14.000 Mitarbeiter.

Die Geschäftszahlen

Der landeseigene Klinikkonzern hat 2011 weniger Gewinn gemacht als im Jahr zuvor. Diese Zahlen wurden gestern auf einer Bilanzpressekonferenz in Berlin bekannt gegeben. Der Umsatz im Vergleich 2010 stieg zwar um drei Prozent auf 865 Millionen Euro. Der Jahresertrag belaufe sich aber nur auf 5,1 Millionen Euro statt 6,3 Millionen Euro im Jahr zuvor. Grund dafür sind nach Angaben der Geschäftsleitung höhere Ausgaben im Personal- und Materialbereich.

Trotz schwieriger Rahmenbedingungen schreibe Vivantes damit bereits das siebte Jahr in Folge schwarze Zahlen, sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Joachim Bovelet. Vor allem ein Zuwachs an Patienten habe zu den höheren Umsätzen geführt. Dagegen seien die Ausgaben für Material im Vergleich zu 2010 um 18 Millionen Euro gestiegen (200 Millionen Euro). Die Personalkosten bezifferte er auf 603 Millionen Euro. Das seien 28 Millionen Euro mehr als 2010.

Kreditaufnahme ohne Landesbürgschaft

“Was die Patientenzahlen betrifft, haben wir 2011 einen neuen Rekord verzeichnen können”, sagte Dorothea Dreizehnter. Knapp eine halbe Million Menschen (496.312) seien ambulant und stationär behandelt worden, das seien etwa 18.700 mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig sei die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Patienten von 6,6 auf 6,5 Tage gesunken. “Damit liegen wir noch unter dem Bundesdurchschnitt von 7,3 Tagen”, fügte Dreizehnter hinzu.

Um weiterhin leistungsfähig zu bleiben, seien jedoch weitere Investitionen notwendig, betonte Bovelet. Da die Investitionsförderung des Landes Berlin dazu allein nicht ausreiche, habe man sich als erster kommunaler Krankenhausbetreiber entschlossen, in diesem Jahr einen Kredit ohne Landesbürgschaft aufzunehmen. Als “dringlichste Investitionsvorhaben” nannte Bovelet den Neubau der Psychiatrie am Klinikum Hellersdorf und den Ausbau des Klinikums in Friedrichshain.

Wie Brigitte Heinisch Missstände aufdeckte

Brigitte Heinisch dürfte wohl Berlins bekannteste examinierte Altenpflegerin sein. Sie arbeitete für zwei Pflegeheime des Unternehmens “Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH”. Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass Heimbewohner bis zum Mittag in Urin und Kot lagen und andere ohne richterlichen Beschluss in ihren Betten fixiert wurden.

Die vom Klinikkonzern Vivantes gekündigte Altenpflegerin Brigitte Heinisch am 21.07.2011 in Berlin bei einer Pressekonferenz zu ihrem juristischen Erfolg vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (Foto: Berthold Stadler/dapd)

2008 schrieb sie darüber das Buch “Satt und sauber? Eine Altenpflegerin kämpft gegen den Pflegenotstand” (rowohlt Verlag, Reinbek, 224 S., 12 Euro), das über 10.000 mal verkauft wurde.

Sie wies ihre Vorgesetzten ab 2002 mehrfach auf Missstände hin – ohne Erfolg. Im nächsten Schritt stellte sie über ihren Rechtsanwalt Strafanzeige, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. Vivantes reagierte 2005 mit der fristlosen Kündigung.

Heinisch verlor zunächst sämtliche Prozesse, errang aber schließlich im Juli 2011 ein „gerade für Deutschland einmaliges Urteil“ („Der Tagesspiegel“) vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Dieser hielt es für zulässig und geboten, dass Mitarbeiter derartige Missstände öffentlich bekannt machen dürfen. Dies sei in einer demokratischen Gesellschaft wichtiger als die Wahrung der Geschäftsinteressen eines Unternehmens. Arbeitsrechtliche Sanktionen durch Arbeitgeber wie beispielsweise durch eine Kündigung verstoßen gegen dieses Recht auf freie Meinungsäußerung.

Heinischs Kampf hatte auch unmittelbare Folgen für die Pflegebedürftigen. An Heinischs einstigem Arbeitsplatz hat sich einiges geändert: Bei Kontrollen schneidet das Haus inzwischen gut ab, berichtet der „Tagesspiegel“.

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