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“Der Beginner” von Georg Diebold (3): Die Rekonstruktion einer Liebe, die es niemals gab

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ROLLINGPLANET veröffentlicht vorab aus dem Buch das vierte Kapitel, in dem die Hauptfigur sich nicht mit der Wirklichkeit abfinden will – und sie einfach neu erfindet.









Georg Diebold:
Der Beginner

ist eines der Bücher, mit dem die EDITION ROLLINGPLANET im späten Herbst 2012 Premiere feiert. Vorab erscheinen daraus drei Kapitel auf ROLLINGPLANET.

Der Autor ist 52 Jahre alt, querschnittgelähmt und lebt in Hamburg.

Sein Roman handelt von einem Mann, der zu lieben wagt und nie ankommt. Immer wieder versucht er es von Neuem, irgendwann sogar in einem fernen und totalitären Land „mit gelben Häusern“. Dort verliebt sich die Hauptfigur einmal mehr, buhlt zudem um die Anerkennung der neuen Stieftochter und um die Gunst des Diktators – aber bald entwickelt sich die Reise zu einer Katastrophe: Aus der Liebe wird Verrat, aus der so verlockenden Zukunft eine nie wiederkehrende Vergangenheit, und der Widerstand gegen ein autoritäres System zu einer lebensgefährlichen Aufgabe. Der Mann bleibt namenlos. Folgerichtig heißt das Buch: „Der Beginner“.

Weder gelingt es dem Anti-Helden, ein Herz zu erobern, noch etwas an sich oder der Gesellschaft zu ändern, so sehr er sich auch bemüht. Am Ende kehrt er nach Hause zurück: “Es gab in den vergangenen Jahren viele Nächte, in denen der Beginner an seinem Küchenfenster saß und sich inmitten der Ruhe fragte, ob alle Menschen schon gestorben waren. Jene Nächte, in denen er ebenso verzweifelt wie vergebens horchte und darauf wartete, dass auf der Straße die hohen Absätze einer fremden Frau klapperten, die Schritte und ihre Ankunft ihm galten, und die Geräusche erst vor seiner Haustür verstummten. Ein Mensch, der ihn retten könnte.”

[0] 17. Mai 2012: Einleitung

[1] 18. Mai 2012: Kapitel 1: Eine Jugendliebe, ein dicker König

[2] 19. Mai 2012: Kapitel 3: Ein Foto und eine Vergesserin

[3] 20. Mai 2012: Kapitel 4: Rekonstruktion einer Liebe

Foto: CFalk/pixelio.de


enn man nicht vergisst, dachte der Beginner, könnte man sogar eine Liebe rekonstruieren, die niemals stattgefunden hat. In seiner Küche spricht er mit sich selbst und sagt: „Wir erinnern uns an die Vergangenheit, weil uns das weniger ausmacht als die Furcht, uns künftig zu verlieren.“

Weder Irida noch der Beginner vermögen zu sagen, ob das, was sie zusammenhielt, Zuneigung oder Gewohnheit war. Sie haben nie darüber gesprochen. Sie haben sich nie für ihre vermeintliche Liebe entschuldigt – was erforderlich gewesen wäre, weil sie gemeinsam ein Kind großzogen – oder ermittelt, warum sie es überhaupt miteinander versuchten; eine Unterredung mit ihr, die alles vergessen hatte, sogar die glücklichen Augenblicke, war aussichtslos.

Manchmal prüft der Beginner, auf seinem Küchenstuhl sitzend, die Uhrzeit und entscheidet sich, wenn der Abend noch nicht zu nah ist, die Liebe zwischen ihm und Irida neu zu erfinden. Das ist ein geradezu lebensgefährlicher Entwurf, mit dem er nicht ins Bett gehen darf; ein Gedankenspiel, das er nur tagsüber erträgt, weil er nicht mit einer Lüge einschlafen will.

Die Wahrheit ist, dass Irida oder das Ungeheuer, das sie befiel, ihn vernichtete. Eines Tages hatte sich Irida zum schlimmsten Verbrechen der Liebe entschieden: zum Verrat. Nicht aus Rache oder Enttäuschung, sondern weil es der einfachste Weg war, seinen Ruhm, sein Geld, seine Macht, seine Ideen, möglicherweise sogar die Bewunderung, die man ihm entgegengebrachte, zu stehlen. Trotz allem stellt sich der Beginner vor, wie diese Liebe anders hätte verlaufen können – sonst ist es ihm nicht möglich, die verschenkten Jahre zu rechtfertigen.

Buchstabe Irida würde ihm niemals gestehen, woran sie denkt, wenn sie auf ihre frühe Liebe – als ihre Pläne zur Intrige noch nicht geboren waren – zurückblickt. Also muss der Beginner ihre Gedanken erdichten. In seinem Fall wechseln Bilder von jugendlicher Anhänglichkeit mit denen ihrer biegsamen Körper. Er verlegt ihre Beziehung in eine andere Zeit und in ein anderes Land. Oft sieht er dann Irida am Bahnhof stehen und ihm, nachdem er sich aus ihren Armen gewunden hat, zuwinken und weinen. Jedes zweite Wochenende wiederholte sich diese Trennung. Drei Stunden dauerte die Zugfahrt zu seinen Eltern, die er regelmäßig besuchte, obwohl er, kaum bei ihnen angekommen, nicht weiß, wie er die Zeit totschlagen soll bis zu dem Moment, in dem er wieder Irida an sich drücken kann. Wie ein kleines Kind hüpfte sie auf ihn zu, sobald er nur seinen Koffer auf das Gleis schob. Was sie zusammenschweißte, war mit Sicherheit auch ihre Zuverlässigkeit: Kein einziges Mal in jenen Jahren des Studiums, wenn er von seinen Eltern zurückkehrte, kam sie zu spät zum Bahnhof oder einer Verabredung.

Die anderen Bilder gehören ihren Körpern, der von dem ihrigen dirigiert wird, obgleich sie jene ist, die ihn erwartet und empfängt. Als junges Mädchen und als Frau war sie so gelenkig, dass sie ihre Beine hinter ihren Kopf verbiegen konnte. Obwohl sie in dieser Position weder nach links noch nach rechts schauen, geschweige denn nach ihm greifen konnte, geschah nur das, was sie verlangte. Sein Körper folgte ihrem Willen, ohne dass sie je ein Wort sagen musste. Dies sind seine Bilder – welche Iridas sind, weiß er selbst in der erfundenen Rekonstruktion ihrer Liebe nicht.

Buchstabe Der Beginner war seinerzeit überzeugt, dass sie gemeinsam hätten alt werden können. Deswegen redet er sich jetzt die Illusion ein:

„Wir sind in den vergangenen vierzig Jahren nicht einmal länger als zwei Nächte voneinander getrennt gewesen. Sowohl Irida als auch ich sind Menschen begegnet, die Spekulationen aufgeworfen haben, welche Gemeinsamkeiten sich an der Seite einer anderen Frau oder eines anderen Mannes ergeben könnten, oder die Begierden ausgelöst haben. So drängend, dass man sich einen anderen Körper vorstellte, selbst wenn er nicht biegsam ist; dass man sich fragte, wie das Haus mit einem anderen Mitbewohner eingerichtet wäre; die Überlegung, wie sich das Herzklopfen anfühlt, wenn sich ein fremder Mensch am Bahnhof auf Dich freut. Aber weder Irida noch ich sind jemals das Risiko eingegangen, die Realisierung dieser Sehnsüchte einzutauschen gegen den Verlust unserer Liebe oder Gewohnheit, wie auch immer man unser Verhältnis bezeichnen möchte.

Noch heute eint uns ein Ritual, das wir uns versprochen haben, als Irida 24 Jahre und ich 29 Jahre alt war: Vor dem Schlafengehen schauen wir uns mehrere Minuten in die Augen. Wir zeichnen mit den Gedanken das Gesicht des anderen nach, um es nicht eines Tages zu vergessen. Seit damals, als wir uns das erste Mal berührten, werden wir uns der Gefahr bewusst, an jedem nächsten Tag blind zu sein oder uns zumindesten für ein Wochenende nicht mehr zu sehen. Für diesen Fall schauen wir uns seit damals, also seit Jahrzehnten, vor dem Schlafen in die Augen und halten dieses Ritual selbst dann ein, wenn wir hundemüde vom Tag sind.“

Buchstabe Aber die Wahrheit ist, dass sich Irida und der Beginner nur ein einziges Mal, wenn überhaupt, an einem Bahnhof trafen, an dem Tag, an dem er ihr Land – für immer – verließ, als er den Zug bestieg, der ihn zum Flughafen brachte. Bis heute ist sich der Beginner nicht sicher, ob sie ihm tatsächlich heimlich zum Bahnhof nachgelaufen war. Was ihm, zehn Jahre später, in Erinnerung bleibt, ist allein der flüchtige Schatten, der ihm folgte, und von dem er bis heute nicht weiß, wem er gehörte. Er möchte ihn Irida, noch lieber aber Annalena zuordnen. Aber es ist ebenso möglich, dass er einem anderen Verfolger gehörte, der sich da hinter dem Kiosk versteckte, um vom Beginner nicht erkannt zu werden, wenn dieser sich abrupt umdrehte. Möglicherweise auch gehörte der Schein einem der Soldaten Bújàws, der den Auftrag hatte, den Beginner zu töten, wenn er den Zug nicht bestieg.


Wir beenden damit die Vorausschau auf das Buch “Der Beginner” von Georg Diebold in der EDITION ROLLINGPLANET.

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