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Die Weißwurst wartet schon: Wie ein evangelisches Heim gezielt Pflegekräfte aus Südeuropa holt

Weil der Fachkräftebedarf dramatisch zunimmt, wirbt ein großer Altenhilfe-Träger Frauen und Männer aus Portugal an. Von Florian Lieb

Mehrere Portugiesen sitzen an einem Tisch und schauen dabei zu, wie eine Weißwurst gegessen wird

Erst mal wird die deutsche Kultur nahegebracht: Bei ihren Integrationskursen begegnen die neuen Pflegekräfte einem Phänomen namens Weißwurst und Brezn

Die 80-jährige Helga Kast stört es nicht, von portugiesischen Pflegern betreut zu werden. “Spielt doch keine Rolle, woher die kommen”, sagt die Bewohnerin des Karl-Wacker-Heims in Stuttgart. Wichtig seien Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Acht portugiesische und eine spanische Pflegefachkraft hat die Evangelische Heimstiftung nach Stuttgart geholt. Hier sollen sie nach einem sechsmonatigen Integrationskurs fest zur Belegschaft des nach eigenen Angaben größten Altenhilfe-Träger in Süddeutschland stoßen. “Das ist kein Notnagel, sondern ein strategischer Baustein unseres Konzepts”, sagt Hauptgeschäftsführer Bernhard Schneider.

Sechs neue Pflegeheime hat die Heimstiftung 2012 in Baden-Württemberg eröffnet. Hierfür waren 70 neue Pflegestellen zu besetzen. “Wir müssen uns jedes Jahr fragen, wie wir den Fachkräftebedarf abdecken können”, führt Schneider an. Daher warb der Altenhilfe-Träger im Februar und März mit Erfolg in Portugal um Pflegefachkräfte. Dort war die Arbeitslosenquote mit 15,3 Prozent laut Statistischen Amt der Europäischen Union im März mit am höchsten in Europa.

Anerkennung ausländischer Abschlüsse problematisch

Einer der Neuankömmlinge ist Alexandre Fernando. “In Portugal wusste ich, dass ich keinen Job finden würde”, sagt er. “Das war unmöglich.” Der junge Portugiese hat im Februar seinen Abschluss zur Pflegefachkraft gemacht und sich früh für den Weg ins Ausland entschieden. Nur fünf Prozent ihrer Abschlussklasse hätten in Portugal eine Arbeit gefunden, berichtet Ana Carina Dias. Die Möglichkeit, nach Stuttgart zu gehen, beschreibt sie als “eine Chance, die nur ein Mal im Leben kommt”.

Aus insgesamt 70 Bewerbungen hatte die Evangelische Heimstiftung letztlich acht Portugiesen ausgewählt. Die Vorstellungsgespräche fanden im März in Porto statt. Seit Mai sind sie in Baden-Württemberg und erhalten bis Dezember Sprachunterricht. Nach bestandener Deutschprüfung werden ihre Praktikantenverträge dann durch langfristige Arbeitsverträge ersetzt.

“Das Problem ist immer die Anerkennung der ausländischen Abschlüsse”, sagt Schneider. Im Gegensatz zu Deutschland dauert die Ausbildung zur Pflegefachkraft in Portugal vier statt drei Jahre und wird mit dem Bachelor-Titel abgeschlossen. Die meisten Absolventen zieht es aufgrund der Arbeitslage in der Heimat anschließend ins Ausland.

Auch Ruben Castel aus Spanien. Er hatte seit Februar in Calw ein Praktikum absolviert, als er vom Projekt der Heimstiftung erfuhr. Auch er bekam einen Zuschlag.

Auf 1.800 Stellen kommen nur 600 Pfleger

Speziell im Südwesten ist der Fachkräftebedarf in der Pflege “schon ziemlich hoch”, erläutert Olaf Bentlage von der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit in Stuttgart. Im Pflegebereich kämen auf 1.800 offene Stellen nur 600 ausgebildete Altenpfleger, die einen Job suchen. “Drei Chefs schlagen sich sozusagen um einen Bewerber”, sagt Bentlage. Zustimmung erhält er von Bernhard Schneider: “Der Arbeitsmarkt für Pflegefachkräfte ist quasi leer gefegt”.

Ein Fachkräftemangel herrsche aber auch bei Ingenieuren, Maschinenbauern und Schlossern, führte Bentlage an. In den von der Wirtschaftskrise besonders gebeutelten Staaten Südeuropas suchen die Menschen dagegen verzweifelt Jobs. Auf eine Anwerbeaktion der Stadt Schwäbisch Hall hatten sich im Frühjahr 10.000 Portugiesen gemeldet.

Die Evangelische Heimstiftung will in Zukunft gut ein Drittel ihrer Pflegefachkräfte im Ausland gewinnen. Schneider erachtet dies angesichts der eklatanten Jugendarbeitslosigkeit in den südlichen EU-Ländern auch als “ethische Pflicht”. Um potenzielle Sprachbarrieren sorgt sich dabei zumindest Seniorenheimbewohnerin Helga Kast nicht. “Wenn die hier anfangen, wird man sich schon einigermaßen verständigen können.”

Text: dapd/Foto: Evangelische Heimstiftung

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1 Kommentar

  1. Anonym21. Juni 2012 at 12:38Antworten

    Es gibt mehr hochqualifizierte Pflegefachkräfte, als in den Medien immer dargestellt wird. Doch folgendes: diese sind selten über die Arbeitsgemeinschaft zu finden (denn Pflegepersonal ohne für den Arbeitgeber relevantes “handicap” – kleine Kinder, öfter krank etc..) ist dort weniger lang präsent). Zweitens klafft eine enorme Differenz zwischen dem Budget, dass die Arbeitgeber ausgeben können für ein beschäftigungsverhältnis auf Festanstellung oder Basis freier Mitarbeit, und dem (nachvollziehbaren) Anspruch an Entlohnung der Pflegekräfte. Selten verträgt sich daher auch Persönliches Budget und häusliche Intensiv/Beatmungspflege. Obwohl Pflegekräfte für beispielsweise Heimbeatmung mehr qualifiziert sein müssen als in der allgemeinen Pflege, werde gerade dort speziell von den ambulanten Pflegediensten nur magere Verdienstmöglichkeiten vorgeschlagen. Wer als Pflegefachkraft auf diesem Gebiet also ausgebildet ist, sucht sich eher weniger eine häusliche Pflege eines Pflegebedürftigen in einer 1-Zimmer-Wohnung. Noch weniger verträglich ist daher auch Persönliches Budget und häusliche Intensiv/Beatmungspflege. Mein Eindruck ist eher, dass jeder zwar eine Anhebung des Pflegeimages und standards wünscht in der Hoffnung, dass die Auswahl größer wird, aber tatsächlich würde es ein empörendes Empfinden auslösen, würde man den Pflegeberuf vom Wert mit dem eines Arztes zum Beispiel gleichsetzen. Aus einem ganz simplen Grund: nur wenige dürfen privilegiert sein, Spitzengehälter zu erhalten, die Masse verdient nur den Durchschnitt oder wie es aufgrund der historischen Entwicklung der Pflege noch in den Köpfen verankert ist: ein “Vergelts Gott!”
    Zusammenfassend: Pflegefachräfte gibt es auch innerorts. Leihpersonal wird beliebter (obwohl es den Auftraggeber mindestens genauso viel kostet wie eine selbständige Pflegekraft, nur hat der Lohnarbeiter im Endeffekt deutlichst weniger Stundenlohn), gerne werden ältere Pflegefachkräfte mit den alten Vertragen verabschiedet und glücklichsten ist nun die jetzige -gesetzesSituation, die im April letzten Jahres den auslädischen Pflegekräften die Grenzen geöffnet hat und im April dieses Jahres die ausländischen Diplome und Examina ohne weitere Verfahren anerkennt.

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