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Real oder virtuell – in was für einer Welt wollen wir leben?

Die Protestkultur auf der Straße ist tot. Verführt das Internet auch behinderte Menschen dazu, Worte mit Taten zu verwechseln? Ein Diskussionsbeitrag von Angelika Mincke

Protest? Gefällt mir (Foto: istockphoto)

Angelika Mincke (53) ist Rollstuhlfahrerin. ROLLINGPLANET berichtete schon mehrfach über sie – weil sie nicht zu den vielen Behinderten gehört, die bevorzugt klagen, protestieren, belehren und fordern, sondern zu der Minderheit der Betroffenen, die konkret mit zahlreichen Projekten in der realen Welt etwas zu bewegen versuchen. Man könnte auch sagen: Die macht und tut. Außerdem hat Angelika Humor. Den gibt es in der virtuellen Beißwelt leider nicht allzu oft. Der nachfolgende Beitrag ist kein bloßes Gedankenpapier – sondern der Auftakt zu einem neuen Vorhaben, das der Wirklichkeit gilt (siehe unten am Ende des Beitrages).

Wenn man beide Seiten kennt…

Vor 1985 gingen mir Menschen mit Behinderung sehr am Popo vorbei. Ich kannte keine – und ich sah auch nie welche.

Das änderte sich 1985, da war ich auf einmal selbst behindert. Aber selbst damals interessierte ich mich noch nicht so wirklich für die Belange von Menschen mit Behinderung.

Dies änderte sich dann zum Glück, ich gründete den Verein „On the Move e.V.“ in Hamburg. Zu dieser Zeit war das World Wide Web noch nicht so verbreitet, und irgendwie gab es das für Normalsterbliche noch nicht so wirklich.

Aber auch ohne www haben wir viele gute Aktionen auf den Weg gebracht. Wir hatten Kampfgeist und wollten etwas verändern. Anstatt wie heute Mails zu schreiben sind wir „Klinken putzen“ gegangen, wenn wir Geld für eine Aktion brauchten. Man traf sich noch real, um Aktionen zu besprechen.

Ihr wollt unser letztes Hemd? Könnt Ihr haben

Einst war der europäische Protesttag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung – Protest. Ich erinnere mich an einen Protesttag in Hamburg auf dem Gänsemarkt mit anschließendem Demo-Zug zum Hauptbahnhof. Auf dieser Veranstaltung legten ich und viele andere ein Striptease hin. Frei nach dem Motto „Ihr wollt unser letztes Hemd – wir schenken es Euch“. Halbnackig ging es weiter im Demo-Zug zum Hauptbahnhof.

Diese und ähnliche Aktionen wurden zu der Zeit ohne www erfolgreich organisiert. Mittlerweile sitzt jeder an seinem Computer. Schnell sind Informationen verteilt, Aufrufe versendet und ist Öffentlichkeit hergestellt. Damals gab es die Krüppelbewegung, und viele sehr aktive Menschen im Behindertenbereich. Man hatte das Gefühl, es bewegt sich etwas.

Und heute mit der ganzen Kommunikationstechnik? Jeder Zweite hat, glaube ich, sein World Wide Web schon in der Tasche. Und was passiert? Meiner Meinung nach nicht mehr wirklich etwas.

Es gibt eine Unmenge von Blogs und Internetseiten – gute wie überflüssige. Jeder postet seine Meinung, die anderen machen ein Häkchen für „finde ich gut“.

Man sollte meinen, durch das www müsste es mehr innovative Aktionen geben. Ist das so? Meiner Meinung nach eher nicht.

Wenn Protest zu einer Werbeveranstaltung mutiert

Schauen wir auf den europäischen Protesttag. Dieser ist allzu häufig mutiert zu Werbeveranstaltung von großen und kleinen Einrichtungen. Eine Botschaft geht, wenn überhaupt noch, von wenigen Veranstaltungen aus.

Demo "Rettungsschirme für Alle!" am 27.4.2012 in Berlin (Bild: Aktion Mensch/Trappe)

Wir haben über 10 Millionen Menschen mit Behinderung (ok, hier sind auch Sucht und weitere körperlich nicht so einschränkende Erkrankungen und Behinderungen enthalten) – und in Berlin protestierten dieses Jahr gerade einmal 2.000 Menschen. Und das trotz vieler Aufrufe im www.

Ständig lese ich im Internet, dass die Politik versagt bei der Behindertenpolitik. Aber was ist mit uns? Versagen wir nicht auch? Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, sehe ich vor Ort drei Aktive, weitere kommen erst dazu, wenn wir sagen, die Presse ist da.

Unterstützer zu finden ist meiner Meinung nach sogar im www ein Kraftaufwand. Eine Petition jagt die nächste, und selbst da werden häufig nicht genug Unterschriften gesammelt, um einen Erfolg herbeizuführen.

Die Frage ist – was wollen wir? Eine Welt für alle? Warum sitzen wir dann ständig vor dem Computer? Können wir auf diese Weise die Welt verändern?

Texte versus Taten

Es gibt Konferenzen, Veranstaltungen und so weiter und so weiter. Hier treffen sich große Träger, die sehr darauf achten, dass ihr Engagement anschließend auch in der Zeitung zu lesen ist. Häufig sind diese Veranstaltungen für viele nicht erreichbar, selbst die Ergebnisse solcher Veranstaltungen sind häufig nicht zu finden. Aber das ist wohl auch egal, denn: Ob auf Papier oder digital – Texte sind sehr geduldig, wenn keine Taten folgen.

Etwas Widerstand findet man noch bei den Castor-Transporten, obwohl ich mir hier auch nicht mehr so sicher bin, ob Menschen sich nur noch aus reiner Gewohnheit an die Bahnschienen ketten, weil: das war immer so – also machen wir es weiter.

Hartz IV, Persönliches Budget, UN-Behindertenrechtskonvention, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Rettungsschirme für wen auch immer – nur nicht für uns, Benzinkosten, dies alles sind nur einige Themen, die einen kurzen Aufschrei auslösen – und dann? Nichts…

Wo ist der fühlbare, sichtbare, reale Protest? Im World Wide Web?

Seit Jahren pöbeln wir auf die Politik – sicher auch zu Recht -, aber was ist mir der restlichen Gesellschaft? Nehmen wir deren Ignoranz weiter hin? Warten wir auf entsprechende Gesetzesänderungen? Muss wirklich alles per Gesetz verabschiedet sein? Und wenn es dann so weit ist, wer hält sich daran? Dann gibt es mindestens genauso viele Ausnahmegenehmigungen.

Jo, und wat nun? Eine große Leere? Oder doch nicht?

Angelika Minckes neue Aktion

Ähnlich wie die Watchlist von ROLLINGPLANET möchte Mincke genauer hinschauen: Sie plant die Aktion „Barrieren-Boykott – Weg vom armen Behinderten-Klischee, hin zur Realität“. Dabei sollen Menschen mit Behinderung dazu aufgerufen werden, Geschäfte zu boykottieren, die nicht barrierefrei sind: „Wenn wir unsere Rechte nicht über die Politik durchsetzen können, dann doch einfach über unsere Kaufkraft. Ich weiß, ich bin ein Träumerin, aber diese Träume halten mich am Leben und erhalten mir meinen Humor. Und wer nicht wagt – der nicht gewinnt. No Risk, no Fun.“ Angelika Mincke bereitet ihre Aktion derzeit noch vor (Plakate, Internet etc.), um demnächst weitere Informationen bekannt zu geben. Sie ist über „Aktiv Barrierefrei Selbstbestimmt Leben e.V.“ zu erreichen. Mail: abs-sh@t-online.de

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10 Kommentare

  1. Andi2. Juni 2012 at 07:46Antworten

    Gefällt mir :-)

  2. Kattentidt2. Juni 2012 at 10:51Antworten

    So richtig ich Frau Minckes Idee auch finde, ein Boykottaufruf wird wohl wenig erfolgreich sein. Ein Behinderter wird ein nicht barrierefreies Geschäft sowieso nicht aufsuchen, er muss es also gar nicht erst boykottieren. Dann wiederum gibt es ja Fälle, in denen beispielsweise die Straße so holprig ist, dass man ein Geschäft erst gar nicht ansteuert. Dafür wiederum kann dann ein Geschäft nichts.

  3. Martens2. Juni 2012 at 11:19Antworten

    Ein interessanter Diskussionsbeitrag. Was die Protestkultur auf der Straße angeht: Liebe Frau Mincke, Sie haben die Occupy-Bewegung vergessen, und halbnackig gibt es heute immer noch, siehe Femen-Aktivistinnen in der Ukraine.

  4. Steffi2. Juni 2012 at 12:57Antworten

    Meine Antwort ist klar: In der realen Welt.

  5. angelika2. Juni 2012 at 13:28Antworten

    Hallo Kattentidt

    ich gehöre eher zu den optimisten die finde für jedes Problem eine Lösung.
    Von vornherein schon sagen bringt nichts, finde ich bringt nichts.
    ein schönes Wochenende wünsche ich Dir

    Hallo Martens

    für die Problem die wir hier haben finde ich es trotzdem zu wenig protestkultur, ich sprach in dem zusammenhang von Deutschland, das andere Länder noch so richtig Protest machen können ist mir nicht entgangen, so ja auch die Spanier Engländer und und, allerdings lebe ich in Deutschland ; )

    herzlichen Gruß
    Angelika

  6. Anz2. Juni 2012 at 15:11Antworten

    Internet bildet das reale Leben ziemlich gut ab: Schnelle Empörung, und dann weiter. Alles sehr oberflächlich. Von “Nachhaltigkeit” kann keine Rede sein. Auch wenn es so schön heißt, dass das Internet nichts vergisst, gibt es wohl nichts Vergänglicheres als dasselbige.

  7. Anz2. Juni 2012 at 17:15Antworten

    Angelika, tolle Idee. Aber auch ich bin skeptisch. In unserer, ich verkürze es, heutigen Konsumgesellschaft und in der verengten Perspektivwelt, in der viele keine Zusammhänge sehen können/wollen, sondern auf ihr eigenes Universum reduziert sind (das gilt im übrigen aber auch leider in erschreckendem Maße für Menschen mit Behinderung) funktioniert das nicht. Mir fallen da eigentlich nur Aktionen wie Peta ein oder Firmen, die wahnsinnig loyale Kunden haben. Im neuen Brandeins wirtschaftsmagazin wird die Firma Hess Natur vorgestellt, wo wohl der wirtschaftliche Idealfall eingetreten ist: die Firma hat sowohl kaufkraftstarke als auch konsumkritische und vom Grundsatz her lebensbejahende/positiv eingestellte Kunden, die sehr konsequent mitbestimmen bzw. auf die man extrem genau hört (hören MUSS).

    Aber sonst? Man nehme nur das Beispiel Apple. Unwürdigste Bedingungen für Arbeiter in den Zulieferbetrieben. Da klebt förmlich das Blut/der Tod/die Menschenrechtsverletzung an jedem iPhone, MacBook etc. Die Folge? Apple gilt immer noch als eine der coolste Marken dieser Welt, kaum einer der hippen Kunden interessiert sich dafür. Ich möchte nicht wissen, wie viele auch der Blogger, die so gerne das absolut moralische Recht für sich gepachtet haben, ein Apple-Gerät besitzen oder wie Du schreibst, das Internet in der Tasche haben. Für mich persönlich gilt, in Anlehnung an Peta, lieber nackt oder altmodisch als iPad, iPhone usw. Ich bin kein Apple-Hasser, sondern ein Hasser der von Apple provozierten Menschenrechtsverletzungen, und ich würde mit keinem Menschen gemeinsam protestieren wollen, der ganz stolz ein iPhone besitzt.

    Und so lange Facebook eine im Grund doch sehr harmlose Aktion Mensch Werbung als zu provokativ ablehnt, wie vor zwei Jahren geschehen, und andererseits Abermillionen ihre Daten an Facebook ausliefern, würde ich lieber nicht zu viel auf das Boykottbewusstsein und den kritischen Protestgeist des www und seiner User geben.

  8. angelika2. Juni 2012 at 22:44Antworten

    Hallo Anz

    Es wird immer eine kleine Gruppe von elitären Gruppen geben die sich für ganz bestimmte Dinge die in ihrem Leben wichtig sind oder manchmal vielleicht auch gerade nur ein Mode Trend sind stark machen.

    Die Realität zu dem o.g. Projekt schwächelt natürlich (aber du kennst unsere Plakat ja noch nicht ; ) ), nein Scherz beiseite, der Grundgedanke ist doch wirklich einmal weg von den Aufkleber Plakaten, Postkarten usw. wo wir uns selber als bemitleidenswert hinstellen, frei nach dem Motte „Wir dürfen hier nicht rein“ a’la Hundeschild vor jeder Schlachterei, ich meine das haben wir schon in den 80 igern gehabt.

    Selbst unser Cloaufkleber kann ich nicht mehr sehen. Wenn wir weiter so eine Art von negativer Werbung von uns machen was erwarten wir dann?

    U.a. auch die Postkartenaktion von Aktion Mensch „Sie ist Schüler Sprecherin“ im Bild eine Rollstuhlfahrerin, also ich brauche so was nicht und ich will so was auch nicht. Uns immer wieder aufs Neue als die besonderen Wesen darstellen, „jo die können sogar sprechen“ Kotz

    Mein Leitsatz fürs Leben ist „„Solange es im Sprachgebrauch noch eine Gruppe von Menschen gibt, die als nicht behindert gilt und es eine andere Gruppe gibt, die als behindert bezeichnet wird, verkörpert dies Diskriminierung und Ausgrenzung.“

    Ich kann mir schon vorstellen das wir durch die Plakataktion und eventuell kommt noch eine Videoproduktion dazu, zumindest mal anders auf uns aufmerksam machen, auf alle Fälle nicht als die ständigen Opfer
    Gruß Angelika

  9. Anz3. Juni 2012 at 20:46Antworten

    Hallo Angeika, ich wünsche natürlich, dass deine Aktion Erfolg hat! Das ist bei meinem Kommentar leider nicht herausgekommen.

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