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Wie gut ist das Exoskelett von Ekso Bionics?

In Potsdam testen acht Querschnittsgelähmte einen Roboter, der Schritte auf eigenen Beinen ermöglichen soll. Für wen ist er geeignet? Was kostet er? Experten warnen vor zu hohen Erwartungen. Von Marion van der Kraats und Birgit Freudenberg

Gestern in der Rehaklinik in Potsdam: Physiotherapeut Dennis Veit (hinten) erklärt Peter Koßmehl den Roboter EKSO. (Foto: Bernd Settnik dpa/lbn)

„Es ist ein schönes Gefühl aufrecht zu sein, zu laufen und jemanden auf Augenhöhe zu begegnen“, sagt Peter Koßmehl und strahlt. Hinter dem 40-Jährigen aus Brandenburg liegt ein Test mit einem Roboter, der Querschnittsgelähmten wieder eigene Schritte ermöglichen soll.

Als eine der ersten Einrichtungen in Europa testet das Rehazentrum Potsdam das sogenannte Exoskelett (das ist der Fach- und Sammelbegriff für Gehroboter) der US-Firma Ekso Bionics. Im Herbst 2011 präsentierte das Unternehmen den Roboter Ekso, nun soll er weltweit an Querschnittgelähmten, aber auch an Schlaganfall- und Multiple-Sklerose-Patienten oder anderen gehbehinderten Menschen erprobt und für den heimischen Gebrauch weiterentwickelt werden. Mitte Mai stellte die Firma ihr deutsches Team vor (ROLLINGPLANET berichtete:
Gehroboter Ekso ist in Deutschland angekommen)

Das Skelett wiegt 23 Kilo

„In Deutschland haben bislang nur Patienten in Aachen den Roboter Ekso vor ein paar Wochen getestet“, sagt Firmensprecher Bastian Schink. In Potsdam sind es nun acht Menschen, die das etwa 23 Kilo schwere Skelett umschnallen und ausprobieren können. Mit vier Motoren an Beinen und Hüfte, 15 Sensoren in den Füßen und zwei leistungsstarken Batterien ist der Geh-Roboter ausgestattet. Das Herzstück bildet ein Computer, in den die Daten des Patienten eingegeben werden und der die Länge der Schritte festlegt.

Das Gehen wird bei einem geübten Patienten von ihm selbst ausgelöst. Dazu verlagert er das Gewicht des Oberkörpers, den er durch Krücken stützt. Je nach Fitnessgrad und Konzentration kann er so nach einigen Wochen Training mehr als eine Stunde am Stück selbstständig laufen. Insgesamt nutzten bislang rund 400 Personen weltweit das Skelett als Teil der Therapie. “Mit dem Gerät soll die Gangart trainiert werden“, erklärt Manuel Landeirea-Marino, der Ekso-Vertriebsleiter für Deutschland.

„Ich möchte meine Patienten die Chance geben, frühstmöglich wieder aufrecht zu stehen”, sagt Physiotherapeutin Bettina Quentin. Der 46-Jährigen obliegt die therapeutische Leitung im Rehazentrum. „Mich interessiert vor allem, ob die Technik die Betroffenen im Alltag voran bringt. Es ist eine große Chance für die Patienten, und motiviert sie sehr”, so Quentin.

Im Gegensatz zu anderen Geräten habe das Skelett den Vorteil, das man es auch auf Hausbesuche mitnehmen könne. “Und die Patienten sehen tatsächlich die zurückgelegte Strecke”, fügt Quentin hinzu. “Es ist für sie ein großer psychologischer Effekt, wieder auf Augenhöhe zu stehen.”

Dass Gehen nicht nur für die Muskeln und den Kreislauf wichtig ist, sondern auch für die Aktivität im Gehirn, erklärt Thomas Winter. Er ist ärztlicher Leiter des Rehazentrums und Facharzt für Neurologie. “Gehen ist ein äußerst komplexer Bewegungsablauf”, sagt Winter. Gesteuert werde die Bewegung vom Kopf aus. Im Falle einer Querschnittslähmung müsse der Patient aber auch das erst wieder erlernen. “Die Therapie leitet auch heilende Vorgänge im Gehirn ein”, erklärt er.

Die Experten warnen jedoch vor allzu großen Erwartungen. „Wer gut auf seinen Rollstuhl eingespielt ist, wird mit diesem immer schneller sein als mit dem Skelett“, meint Professor Jan Schwab von der Abteilung Experimentelle Neurologie an der Charité Berlin. „Allerdings ist der psychische Vorteil nicht zu unterschätzen, wenn ein Patient sieht, dass er aufrecht steht.“

Keine Alternative zum Rollstuhl

Die Reaktionen der Potsdamer Patienten verdeutlichen dies ebenfalls: „Es ist ein schönes Gefühl zu stehen», sagt auch Andreas Klitzsch. Die Freude, wieder gehen zu können, ist dem 54-Jährigen deutlich anzusehen. Gleichwohl wünscht er sich eine deutliche Weiterentwicklung der Technologie: „Ich laufe nicht selbst. Es ist nur ein passives Laufen.“ Auch Koßmehl sieht noch viel Entwicklungsarbeit. „Aber es ist genau das richtige Hilfsmittel für die Reha.“

Eine Alternative zum Rollstuhl sei der Roboter nicht, betont auch Rüdiger Rupp, Leiter der Abteilung für experimentelle Neurorehabilitation am Querschnittszentrum des Universitätsklinikums Heidelberg. Zumal die Gehhilfe nicht für alle Patienten geeignet sei.

Insgesamt gebe es rund 60.000 Querschnittgelähmte in Deutschland. „Davon kommen weniger als zehn Prozent dafür infrage“, sagt Rupp. “Das ist ein sehr handverlesenes Publikum“, erklärt er. „Jemand wie der bei “Wetten, dass…” verunglückte Kandidat Samuel Koch hätte ein großes Problem, weil er den Rumpf kaum aktivieren kann.»

Verschiedene Technologien

Die querschnittsgelähmte US-amerikanische "Testpilotin" Amanda Boxtel präsentierte am 27.10.2011 während einer Pressekonferenz in einem Hotel in München zusammen mit dem geschäftsführenden Ekso-Bionics-Direktor Andy Hayes (l) und dem Ingenieur Thomas Dwyer (M) den anziehbaren, intelligenten Roboter Ekso. Mit dem so genanntem Exoskelette ist es der querschnittsgelähmten Frau möglich, erstmals seit ihrer Verletzung wieder aufzustehen und zu gehen. Das batteriebetriebene Gerät wird über Handbewegungen mittels Sensoren gesteuert und erkennt computergestützt in Echtzeit die Bewegungsabsichten des Anwenders. (Foto: Peter Kneffel dpa/lby)

Weltweit gibt es verschiedene Technologien, die Behinderten mehr Mobilität verschaffen sollen. Eine Möglichkeit ist die Elektrostimulation. Bei dem stimulierten Gehen fehlt jedoch die Stabilität. Experten halten darum durchaus viel von der Robotik, die ihren Ursprung im militärischen Bereich hat. Soldaten sollen mit der Gehhilfe rund 100 Kilogramm Last tragen können, ohne gesundheitliche Schäden zu riskieren. Rund um den Globus arbeiten Firmen an Modellen für Gehilfen, so beispielsweise auch in Israel, Japan und Neuseeland.

Vor kurzem fanden sich bei der Leipziger Messe ORTHOPÄDIE + REHA-TECHNIK (15. bis 18. Mai 2012) erstmals alle Hersteller von Exoskeletten an einem Tisch zusammen, um die Perspektiven dieser Technologie zu diskutieren Exoskelette sind eines der großen Themen.

In den USA sind die Roboter laut Ekso Bionics seit Ende 2011 in zehn Reha-Zentren im Einsatz. Auch Kliniken in Dänemark, Spanien und der Schweiz testen nach Unternehmensangaben das Gerät. Dabei soll unter anderem untersucht werden, ob die Geräte einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben. So könnten etwa Wundstellen vermieden, die Durchblutung gefördert, Osteoporose eingedämmt und Gelenke flexibel gehalten werden.

Das Gerät kostet etwa 120.000 Euro

Für die Betroffenen könnte die Gehilfe mehr Unabhängigkeit bedeuten: „Der Patient könnte zu Hause üben und wäre nicht ans Zentrum gebunden“, sagt Schwab. Dafür müsste die Technologie allerdings finanzierbar sein. Bislang liegt der Preis jedoch bei etwa 120.000 Euro pro Gerät. «Das soll günstiger werden“, so Firmensprecher Schink. Das Unternehmen peilt Kosten zwischen 50.000 bis 60.000 Euro für den Roboter Ekso an.

„In den kommen 12 bis 18 Monaten wird er aber nur an Kliniken ausgeliefert, um die Studien durchzuführen“, so der Firmensprecher. Man wolle sich der Unterstützung der Ärzte sicher sein. Aus Sicht des Heidelberger Experten Rupp der richtige Weg. „Schließlich ist noch ist unklar, welche Spätschäden möglich sind.“

dpa/dapd

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1 Kommentar

  1. Mario28. August 2012 at 21:23Antworten

    Schönes Teil das Exoskelett,
    kann ich mir gut vorstellen als inkomletter Querschnitt.
    Mit guter Restfunktion der Beine ist es bestimmt sehr gut.

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