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Die Regenbogen-Rentner: Europas erstes Mehrgenerationenhaus für Schwule und Lesben

Alt werden, ohne sich verstecken zu müssen: In Berlin wurde das (teilweise rollstuhlgerechte) Modellprojekt „Lebensort Vielfalt“ eröffnet. Vor ein paar Jahrzehnten wäre das auch in Deutschland noch undenkbar gewesen.

Kampagnenmotiv für „Lebensort Vielfalt“

Wenn ein Mensch sich seinen Ruhestand verdienen kann, dann trifft das auf Bernd Gaiser zu. Jahrzehntelang kämpfte der 67-jährige Berliner für die Rechte von Schwulen und Lesben. Der pensionierte Buchhändler war Aktivist der ersten Stunde. „Als ich Ende der 60er Jahre aus Baden-Württemberg nach Berlin kam, drohte einem als schwuler Mann in Deutschland noch Gefängnis“, erinnert er sich. Was ihn und seine Mitstreiter nicht daran hinderte, auf der Straße demonstrativ Händchen zu halten. Damals war das ein gesellschaftlicher Affront. Und ein politisches Statement.

Nun hat sich Gaiser zur Ruhe gesetzt, unter Gleichgesinnten. Im Stadtteil Charlottenburg bezog er eine Maisonette-Wohnung im „Lebensort Vielfalt“ – zu dessen Initiatoren er gehört. Ihren Angaben zufolge ist es das erste Mehrgenerationenhaus für Schwule und Lesben in Europa.

Annäherungsprozess nicht ohne Komplikationen

Bernd Gaiser (Foto: privat)

„Der erste Arbeitstitel“, berichtet Gaiser, „lautete noch ,Rosa Villa‘. Eine Villa ist es dann ja nicht geworden, dass es ein Mehrgenerationenhaus werden sollte, war allerdings von Anfang an unser Wunsch. Und genau dies hat letztlich auch zum Erfolg geführt. Es sollte eben kein Alters- oder Pflegeheim für schwule Männer werden, sondern etwas sehr Lebendiges, wo Männer, Frauen, Schwule, Lesben und Heteras unter einem Dach leben. Dieses Konzept hat dann auch die Lottostiftung (Anm.d.Red.: sie steuerte zwei Millionen Euro zu dem Projekt bei) überzeugt.“

Bis der Traum realisiert werden konnte, gab es auch Konflikte unter den Initiatoren. „Zum Beispiel bedurfte es eines Annährungsprozesses zwischen den Schwulen und den Frauen. Wir haben uns über die letzten fünf Jahre alle 14 Tage getroffen und gemeinsame Aktivitäten unternommen – Spaziergänge, Theaterbesuche, Sonntagsbrunchs“, erinnert sich Gaiser. „Dabei haben sich nicht nur unterschiedliche Vorstellungen des Zusammenlebens herauskristallisiert, sondern auch so manche Vorbehalte. Eine Mitstreiterin beispielsweise, die ganz am Anfang noch sagte, sie könne sich nur vorstellen, in einer reinen Frauenetage zu wohnen, hat diese Berührungsängste inzwischen völlig abgelegt. Das war nur über diesen langen, intensiven Kennlern- und Kommunikationsprozess möglich. Knatsch gab es immer wieder mal, aber wir hatten das Glück, dass in diesen Diskussionen die Schwulenberatung schlichtend eingegriffen und moderiert hat.“

Zentrum: Integrationsbetrieb für Menschen mit Behinderung

In dem Haus in der Niebuhrstraße 59/60 riecht es noch nach frischer Farbe. Hier und da legen Handwerker den letzten Schliff an. Über ein Jahr wurde das zuletzt als Kindertagesstätte genutzte Gebäude komplett umgebaut.

Im Erdgeschoss soll das Café-Restaurant „Wilde Oscar“, ein Integrationsbetrieb für Menschen mit Behinderungen, zum neuen Zentrum der queeren Community Berlins werden. Eine komplette Etage hat die Schwulenberatung Berlin bezogen, eine weitere dient als Wohngemeinschaft für insgesamt acht Demenzkranke und Pflegebedürftige, die von einem Mitarbeiter und einem 24-Stunden-Pflegedienst betreut werden.

In den anderen Etagen samt Dachgeschoss gibt es 24, teils rollstuhlgerechte, Wohneinheiten, in denen nun ältere schwule Männer gemeinsam mit Menschen unterschiedlichsten Alters, Geschlechts und sexueller Identität in Vielfalt leben können.

Die Wohnungen sind begehrt, fast alle sind schon vergeben: Der Jüngste ist um die 30, der älteste Bewohner 84 Jahre alt. Draußen vor dem Eingang wehen die bunten Regenbogen-Fahnen, Symbol der Schwulen und Lesben. Zur Eröffnung war auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gekommen und staunte über das sechs Millionen Euro teure, „einzigartige Modellprojekt“.

„Das ist gelebte Nachbarschaft“, sagt Marcel de Groot, Geschäftsführer der Berliner Schwulenberatung. Der Verein hat das Wohnprojekt initiiert und im Mehrgenerationenhaus eine Etage bezogen. Bei Sorgen und Nöten haben es die 26 Bewohner also nicht weit. Und die haben Schwule und Lesben auch heute noch, selbst im so vermeintlich liberalen Berlin. „Diskriminierung gehört für viele zum Alltag. Sie ist latenter als früher, aber noch da“, sagt de Groot. In traditionellen Seniorenheimen trauten sich Schwule nur selten zu outen, aus Angst vor Abweisung und Demütigung.

Frühe starben viele, bevor sie ins Seniorenheim kamen

Schwule in Seniorenheimen, das ist tatsächlich ein neueres Phänomen. Viele homosexuelle Männer starben früher vor dem Rentenalter an Aids. Bernd Gaiser kann gar aufzählen, wie viele seiner Bekannten der Immunschwächekrankheit erlegen sind. „Mein Freundeskreis ist wegen Aids ganz schön dezimiert“, sagt Gaiser. Etwa ab Mitte der 90er Jahre kamen dann die ersten wirksamen Medikamente auf den Markt, heute kann man in Deutschland auch mit einer HIV-Infektion alt werden.

Im Mehrgenerationenhaus fand Gaiser schon neuen Anschluss, so hat sich der 67-Jährige mit seinem Nachbarn eine Tür weiter angefreundet. „Der ist Tischler und gerade am Einziehen“, sagt der Buchhändler erfreut und zeigt anerkennend auf ein paar Holzmöbel vor der Haustür des neuen Nachbarn. Der Bücherwurm und der Handwerker – den beiden werden die Gesprächsthemen so schnell nicht ausgehen.

(Haiko Prengel, dpa/RP/Deutsche AIDS-Hilfe)

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1 Kommentar

  1. Wheeli5. Dezember 2014 at 23:53Antworten

    Ich schaffe es nicht. Ich habe aber bock …zum ersten Mal Ich finde keine Kontakte … WEM GEHTS GENAUSO und kann mir (uns) helfen damit klarzukommen? Tschau

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