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Das macht Spaß: Hängt doch mal Rollstuhlfahrer auf

Veröffentlicht am von in Deutschland 3 Kommentar(e)
Der Hochseilgarten im Kletterpark Much bietet schwindelfreien Menschen ein besonderes Erlebnis – und zeigt nichtbehinderten Freunden, dass nichts unmöglich ist. Von Sandra Hottenrott

Bloß nicht runter schauen. Die Angst ist Melanie deutlich anzusehen, als sie in einem Rollstuhl sitzend von einem Holzturm baumelt. “Schau zu mir, gleich bist du da”, ruft ihr Klettertrainer Christoph Conraths zu. Er steht auf der Plattform des Turmes in acht Meter Höhe. Dicke Seile sichern Melanie und ihren Sitz. Die 14-Jährige ist mutig: Sie hat sich als erste aus ihrer Klasse gemeldet, den rollstuhlgerechten Hochseilgarten im bergischen Much zu testen. Much ist eine Gemeinde im im Süden Nordrhein-Westfalens mit 15.000 Einwohnern und liegt 30 Kilometer von Köln und Bonn entfernt. Nur wenige Kletterparks in Deutschland sind auch für Behinderte geeignet.

“Ziehen, ziehen”, feuert Co-Trainerin Pirko Klein mehrere Klassenkameraden am Boden an. Die Schüler der Frida-Kahlo-Schule aus Sankt-Augustin zerren an einem Seil, Stück für Stück bewegt sich Melanie im Rollstuhl auf die Plattform zu. Je höher sie steigt, desto mehr Angst bekommt sie vor ihrer eigenen Courage. Leises Schluchzen ist zu hören. Doch dann überwiegt die Freude über die schöne Aussicht: Melanies Blick schweift über in Nebel gehüllte Wipfel und Häuserdächer. Auf zwei schmalen Balken schiebt Conraths sie im Rollstuhl zu einem benachbarten Turm. Dann saust Melanie aus schwindelerregender Höhe über eine 80 Meter lange Seilrutsche in die Tiefe.

Mit dem Rollstuhl in die Höhe

Schwankend steigt die 14-Jährige nach der Fahrt aus dem Stuhl. “Ich hatte ein bisschen Höhenangst”, gibt sie zu. “Wenn man dann runter rutscht, ist man froh”, fügt sie hinzu und blickt etwas beschämt zu Boden. Im Rollstuhl zu sitzen hat ihr nichts ausgemacht. Seit sie vor einigen Jahren operiert wurde, ist sie daran gewöhnt. “Ich bin schnell erschöpft und sitze deswegen öfters im Rollstuhl”, erzählt sie. Auch ihr Gleichgewichtssinn hat nach der Operation gelitten. Jeweils zweimal in der Woche geht sie deshalb zur Krankengymnastik und Ergotherapie. Der Hochseilakt dürfte trotz leichter Höhenangst eine willkommene Ablenkung sein.

Klassenkamerad Marc sitzt sonst nicht im Rollstuhl. Er hat die Angst vor der Höhe bereits überwunden. Oben auf der Kletterstation schiebt er sich im Rollstuhl sogar selbst zur Seilrutsche. “Alles klärchen”, ruft der 14-Jährige seinen Zuschauern zu. Dann rutscht er mit ausgebreiteten Armen und lautem Gejohle das Seil hinunter. Trotz aller Freude, im Rollstuhl zu sitzen stimmt den Jungen nachdenklich. “Wenn man querschnittsgelähmt ist, kann man sich einfach nicht wie wir bewegen”, sagt er leise, als hätte er die Bedeutung dieser Worte erstmals richtig begriffen.

Nicht mehr in Watte gepackt

Trainer Christoph Conraths ist stolz auf die Klasse. Die Kletterübungen stärken Selbstvertrauen, Teamgeist und Einfühlungsvermögen. “Denk doch mal nach, das geht nicht, wir haben einen Rollstuhlfahrer”, zitiert der 38-Jährige mehrere Schüler. Diesen Satz bekommt er inzwischen regelmäßig zu hören, wenn er eine Aktivität vorschlagt, bei der Rollstuhlfahrer schwer mitmachen können. Dass in Much auch Behinderte einen Hochseilgarten besuchen können, freut Co-Trainerin Klein besonders: “Behinderte werden sonst immer in Watte gepackt. Jetzt bekommen sie zumindest mal das Gefühl, sich einer Gefahr aussetzen zu können”, erklärt sie.

Risiken gehen die Trainer jedoch nicht ein. Schüler Alex ist für eine Tour im Rollstuhl durch den Hochseilgarten zu schwer behindert. Er schwingt deshalb nur in einem großen blauen Tuch wenige Meter über dem Boden. Vorsichtig schubsen Melanie und Trainer Conraths ihn an, wie beim Schaukeln. “Unverschämt, du schläfst und wir machen hier so einen Aufstand”, scherzt der 38-Jährige, der auch für Notfälle beim Klettern geschult ist. “Ich bin schon einmal zu einem Kind geklettert und habe jeden einzelnen Finger aufgebogen”, erinnert er sich. Das Kind wollte von einer Kletterstation herunter, hatte sich in einem spastischen Anfall jedoch vollständig verkrampft.

Melanie hat Vertrauen zu den Trainern und in den Hochseilgarten gefasst. Sie legt Conraths einen Arm um die Hüfte. “Kann ich gleich noch mal hoch?”, fragt sie mit großen Augen. Die anfängliche Angst vor der Höhe ist wie weggeblasen.

(dapd)

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3 Kommentare

  1. Sammy22. Juni 2012 at 17:29Antworten

    eine andere Art der Integration, finde ich richtig gut, beispielhaft.

  2. Michael Ziegert22. Juni 2012 at 23:32Antworten

    Wer es mal selbst ausprobieren will… – der Kletter-Park gehört zum Hotel Fit.
    http://www.hotel-fit.de/

    Es ist ein integratives Hotel und gehört zu einer ganzen Kette von integrativen Hotels, nämlich den Embrace-Hotels:
    http://www.embrace-hotels.com/

  3. Michael Ziegert22. Juni 2012 at 23:35Antworten

    Ach ja, ich vergaß:
    Much ist einer der schönsten Orte der Welt.
    ;-)

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