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„Der Seidenfächer“: Die Mädchen mit den verkrüppelten Füßen

Behinderung und lebenslange Schmerzen: Am Donnerstag (28.6.2012) startet ein Kinofilm, der auch von dem alten, chinesischen Schönheitsideal der Lotusfüße erzählt.

Filmplakat

„Der Seidenfächer“ erzählt die Geschichte der beiden siebenjährigen Mädchen Snow Flower und Lily, denen im Kindesalter ihre Lotusfüße gebunden werden. Ein verharmlosender Name für die qualvolle Prozedur im Namen der Schönheit, bei denen Frauen im Kaiserreich China fast 1000 Jahre lang die Füße extrem eingebunden wurden. Mit Ausnahme der großen Zehe wurden alle Zehen gebrochen und unter die Fußsohle gebogen.

Ein spektakuläres Thema, das der Film „Der Seidenfächer“ aufgreift – ohne dass es jedoch wirklich nur darum geht. Viel eher ist es Vorwand und historischer Bezugspunkt für eine Geschichte zweier Frauen in der chinesischen Gegenwart, die mit sozialkritischer Absicht erzählt wird – aber nicht immer überzeugen kann und mit oftmals künstlich erzeugten Parallelen argumentiert. Möglicherweise wäre die Geschichte, um die es Regisseur Wayne Wang geht, auch ohne die verkrüppelten Füße zu erzählen gewesen – ihm hätte dann aber vermutlich ein cineastisches Verkaufsargument gefehlt. Und der eindrucksvollere, opulente und melodramatische Teil des Filmes.

Snow Flower und Lily werden im China des 19. Jahrhunderts am selben Tag geboren und erhalten ihre Lotusfüße zeitgleich. So werden sie zu Laotongs, Schwestern im Geiste, deren Schicksale für alle Ewigkeit miteinander verknüpft sind. Isoliert und einsam in ihren jeweiligen Ehen kommunizieren sie miteinander, indem sie sich in einer Geheimschrift für Frauen namens „Nu Shu“ zwischen den Falten eines weißen Seidenfächers schreiben.

Geheimnisvoller Auftakt in kühlen Tönen

Nina (Bingbing Li) am Krankhausbett ihrer besten Freundin Sophia (Gianna Jun).

Aber beginnen wir mit der Gegenwart, denn so beginnt auch der Film, und zwar vorwiegend in kühlen Farbtönen: Die erfolgreiche Geschäftsfrau Nina (Bingbing Li) hat gerade einen lukrativen Auftrag bekommen. Mit ihrem Freund und Partner soll sie in New York eine Zweigstelle ihrer Firma leiten. Eines Nachts wird die junge Frau von einem Telefonat geweckt. Eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung teilt ihr mit, dass eine gewisse Sophia (Gianna Jun) mit einem Fahrrad bei einem Verkehrsunfall verunglückt sei… Nina und Sophia sind beste Freundinnen. Als Teenager haben sie sich geschworen, ein Leben lang wie Schwestern verbunden zu bleiben.

Das ist der etwas geheimnisvolle Auftakt für ein Drama, bei dem im Shanghai von heute zwei Frauen – die, wie man später erfährt, Nachfahren der beiden Laotongs sind – darum ringen, die Nähe ihrer eigenen Kindheitsfreundschaft nicht zu verlieren. Kein leichtes Unterfangen angesichts zeitraubender Karrieren, komplizierter Liebesleben und dem allgemeinen Stress der Metropole Shanghai. Wenn sie sich nicht für immer verlieren wollen, müssen die beiden jungen Frauen – so die Botschaft des Films – aus der Vergangenheit lernen und die in den weißen Seidenfächern versteckte Geschichte ihrer Jahrhunderte alten Verbindung verstehen.

„Zwei Geschichten stehen im Mittelpunkt,“ heißt es in der Pressemitteilung, „zwischen denen Generationen liegen und die dennoch verknüpft sind durch ewig gültige Vorstellungen von Liebe, Freundschaft und Hoffnung.“ Der filmische Wechsel zwischen den Epochen – nicht weniger als drei Zeitebenen – ist allerdings oft abrupt und nicht immer nachvollziehbar, wenngleich wunderschöne Bilder zu bewundern sind.

Mit der Chinesin BingBing Li (“Forbidden Kingdom”) und der Koreanerin Gianna Jun (“Das Haus am Meer – Il Mare”) wurden die Doppelrollen mit zwei der bekanntesten Schauspielerinnen Asiens besetzt. BingBing Li macht ihre Sache überzeugend – Gianna Jun dagegen hat weniger Möglichkeiten, sich auszuzeichnen – ein Großteil ihrer Rolle besteht darin, dass sie nach einem Unfall im Koma liegt oder aus anderen, nicht immer ersichtlichen Gründen, schweigt. Superstar Hugh Jackman („X-Men“) überzeugt mit einem Gastauftritt als Nachtclubbesitzer, der seine Tanz- und Gesangskünste präsentiert.

Historischer Hintergrund

Normale und abgebundene Füße, um 1902.

Der Brauch des Füßebindens geht angeblich auf eine Geliebte des Kaisers Li Houzhu zurück, des letzten Kaisers der Tang-Dynastie. Diese Tänzerin bandagierte sich die Füße, um auf der goldenen, lotosblütenförmigen Bühne, die der Kaiser ihr bauen ließ, besondere Leistungen vollbringen zu können.

Jahrhundertelang haben in China Großmütter und Mütter das Binden der Lotusfüße an ihren Töchtern vorgenommen, um sie für potentielle Ehemänner attraktiv zu machen. Denn die kleinen Füße, die durch das Brechen der Zehen und kontinuierliches Bandagieren zu Klumpfüßen verwachsen waren, galten jahrhundertelang als Schönheitsideal. Sie symbolisierten in der patriarchalischen chinesischen Gesellschaft die Unterwürfigkeit der Frau und galten als ihr erotischster Körperteil.

Frau mit Lotusfüßen, um 1900.

Die Trippelschrittchen, mit denen sich die jungen Damen fortan fortbewegen mussten, sollten auf Männer anziehend wirken und die etwas hilflosen, balancierenden Bewegungen ihren Beschützerinstinkt wecken. Außerdem sollte der schwankende Gang die Oberschenkelmuskulatur kräftigen und die Vagina verengen.

Durch die Lotusfuß-Tradition wurden aber nicht nur die Füße der Frauen malträtiert. In den kostbaren, kleinen Spezialschuhen konnten sie kaum das Haus verlassen. Dieser Zwang zur Häuslichkeit wurde zur Tugend stilisiert. Als sittsame chinesische Ehefrau eines wohlhabenden Mannes hatte die Gattin den Haushalt zu verwalten und sich nur im eigenen Heim aufzuhalten.

Erst 1988 schloss die letzte Fabrik

Es dauerte lange, bis das Schönheitsideal ein Ende fand. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Binden von Lotusfüßen in China zunächst gesellschaftlich geächtet und 1911 dann verboten. Dennoch wurde es immer noch bis in die 1930er Jahre fortgeführt. Nach Gründung der Volksrepublik China 1949 wurde der Brauch unter Mao Zedong endgültig verboten. Die letzte Fabrik, die Spezialschuhe für abgebundene Füße herstellte, schloss – 1988. Noch heute leben in China ältere Frauen mit sogenannten Lotusfüßen.

Der Film basiert auf dem Bestseller von Lisa See (Originaltitel: Snow Flower and the Secret Fan, 384 Seiten, 9,90 Euro), der bei uns bereits vor sieben Jahren erschien. Wer das Buch gelesen hat, wird von dem Film jedoch enttäuscht sein, der relativ wenig mit der Textvorlage gemeinsam hat. Der moderne Spiegelteil der Jetztzeit fehlt in dem Roman gänzlich.

Mit Texten und Informationen von Wikipedia. Großes Schwarzweißfoto: C.H. Graves. Kleines Schwarzweißfoto: Underwood & Underwood.

Trailer

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