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„Hasta la Vista“: Die Filmkritik

Wir wollen endlich Sex (und Liebe)! Aber Menschen mit Behinderung wird das nicht immer so einfach gemacht. Die Tragikomödie begeistert mit Humor und Herzenswärme, findet Peter Claus.

Filmszene aus “Hasta la Vista”: Wo bitte gibt es Sex für Behinderte? Drei Männer wollen es wissen!

Wie schon bei „Ziemlich beste Freunde“ war ROLLINGPLANET auch bei „Hasta la Vista“ eines der ersten Onlinemagazine, das auf den neuen Film (Start: 12. Juli 2012) hinwies. ROLLINGPLANET-User konnten bereits im vergangenen Monat 20 Tickets gewinnen. Wir hatten Ihnen eine Filmkritik versprochen – hier ist sie nun. Bitte beachten Sie, dass der Autor nichtbehindert ist.

Junge Männer, die den Mädchen hinterherhecheln, gibt es im Kino dutzendfach. Derart liebevoll wie in der belgischen Tragikomödie „Hasta la Vista“ aber wurden sie nur selten in einem Spielfilm gezeigt. Erzählt wird eine ebenso spritzige wie anrührende Geschichte um drei Behinderte, die nach dem berühmt-berüchtigten ersten Mal gieren und schließlich sehr viel mehr als den Spaß am Sex entdecken.

Philip (Robrecht Vanden Thoren) ist vom Hals an abwärts gelähmt, Jozef (Tom Audenaert) blind und Lars (Gilles de Schryver) nach einer überstandenen Krebserkrankung auf den Rollstuhl angewiesen. Als die drei Über-Zwanzigjährigen von einem Bordell in Spanien erfahren, das auf behinderte Kunden spezialisiert sein soll, machen sie sich auf den Weg. Sie organisieren sich heimlich den nächstbesten, vermeintlich männlichen Fahrer Claude (Isabelle de Hertogh), der sich bald als Frau herausstellt, und begeben sich auf eigene Faust in einem Kleinbus auf die Reise. Die soll sie aus ihrer wohlbehüteten belgischen Heimat an die spanische Küste und damit direkt an den Ort ihrer Träume führen, in den Puff.

Doch die Reise konfrontiert sie mit sehr viel mehr Hindernissen, als sich das Trio vorab auch nur vorstellen kann. So erleben wir ein ganz besonderes Roadmovie (ein in den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten aufgekommenes Filmgenre, bei dem die Handlung auf Landstraßen und Highways stattfindet, und die Reise zur Metapher für die Suche nach Freiheit und Identität der Hauptdarsteller wird). Regisseur Geoffrey Enthoven sagt dazu: „Zwar mag ein Betroffener mit einer körperlichen Behinderung von Liebe, Hingabe und Engagement umgeben sein, aber was ist, wenn er mehr als das will? Und kämpfen wir nicht alle darum, unsere Träume zu verwirklichen?“

Kein Schmuddelwitz, sondern Humor

Die auf Tatsachen beruhende Story klingt in Stichworten nach Klischees, Schmuddelwitz und Oberflächlichkeit. Doch Enthoven und sein gut aufgelegtes Darstellerteam lassen den gängigen Fäkalwitz links liegen und segeln ohne Abstürze auf den Höhen intelligenten Humors voller Herzenswärme. Nie lacht das Publikum über die Protagonisten, sondern stets mit ihnen.

Gelegentlich bleibt dem Publikum das Lachen im Halse stecken. Die starken Sprüche etwa, mit denen die Behinderten sich selbst ironisch aufs Korn nehmen, wollen erst einmal verdaut werden – jedenfalls, wenn man nicht behindert ist. Durch sie und durch einige deutliche Szenen zum Thema aber wird jede drohende Sentimentalität umschifft. Gerade die drastische Sprache und die schonungslose Darstellung von zum Beispiel körperlichen Schwierigkeiten geben dem Film eine staunenswerte Authentizität. Der Spaß und die Spannung werden davon jedoch nicht beeinträchtigt.

„Hasta la Vista“ setzt die nun schon beachtlich lange Serie von Spielfilmen über den Alltag von Behinderten mit Witz, Charme und Einfallsreichtum fort. Wie im deutschen Kinohit „Vincent will Meer“ oder zuletzt im französischen Welterfolg „Ziemlich beste Freunde“
steht auch hier das Nachdenken über Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und der Persönlichkeitsentwicklung im Mittelpunkt. Über den Spaß hinaus kann also auch dieser Film einiges zum unverkrampften Miteinander von Behinderten und Nicht-Behinderten beitragen – wenngleich es glücklicherweise auch Behinderte geben wird, die sagen werden: Sex? Wo ist das Problem? Hab ich trotz meiner Lebenssituation. ROLLINGPLANET ist überzeugt: Das Problem sind nicht die Behinderten – sondern die Menschen, die, im wahrsten Sinne des Wortes, Berührungsängste haben. Aber will man mit denen überhaupt Sex haben?

Die wahre Geschichte

Hasta la Vista wurde im Sommer 2011 auf dem Montreal World Film Festival mit drei Preisen („Gran Prix des Amériques“; „People`s Choice Award“; „Prize of the Ecumenical Jury – Special Mention“) ausgezeichnet.

Wie bei „Ziemlich beste Freunde“, das auf einem Buch des gelähmten Ex-Champagner-Managers Philippe Pozzo di Borgo beruht, steht hinter „Hasta la Vista“ eine wahre Geschichte: Vorlage für „Hasta la Vista“ ist der Behinderte Asta Philpot, der in England lebt, und gemeinsam mit seinen Eltern und zwei ebenfalls behinderten jungen Männern, die er im Internet kennengelernt hatte, eine solche Reise nach Spanien unternahm. Die BBC-Doku “For One Night Only” (Nur für eine Nacht) hatte darüber berichtet. ROLLINGPLANET zeigt unten ein später aufgezeichnetes Video mit Asta Philpot, in dem er über seine Erfahrungen berichtet. Er hat auch eine eigene Webseite: www.astaphilpot.co.uk

(dpa/RP)

Trailer

Asta Philpot

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