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Regional

Wie ein Stadtteil lernte, behinderte Menschen zu schätzen

Im einstigen Bauerndorf Dortmund-Berghofen waren Behinderte gar nicht willkommen. Bis ein Wohnheim errichtet wurde, das inzwischen als Vorzeigeprojekt der Inklusion gilt. Von Jean-Charles Fays

Sieglinde Didier ist Bewohnerin und Vorsitzende des Bewohnerbeirats “Haus Am Lohbach” (Foto: Sascha Schuermann/dapd)

Behinderte? Im einstigen Bauerndorf Dortmund-Berghofen, in dem heute 9.600 Menschen leben, herrschte Aufruhr. Als vor 15 Jahren die ersten Bewohner in ein umgebautes Einfamilienhaus zogen, fühlten sich die Anwohner in ihrer Idylle gestört. 1997 konnten die Dortmunder mit Inklusion noch nichts anfangen und hatten Angst vor den Menschen mit Behinderung. Die Autos der Krankenschwestern wurden zerkratzt, die Spiegel abgerissen. Heute werden sie freiwillig bewacht. Das älteste Wohnheim der Stiftung Bethel gilt als Vorzeigeprojekt der Inklusion. Sein Motto lautet: „Miteinander in Verschiedenheit“.

Renate Köster sitzt an einem Tisch im Beschäftigungsraum. In einer Tüte vor ihr liegen Briefumschläge, eine Plastikdose ist mit Wasser gefüllt, in eine weitere Dose legt sie die abgelösten Briefmarken, die an Philatelisten weiterverkauft werden. Die 75-jährige Epileptikerin sagt: “Was soll ich hier stundenlang die Wände angucken? Da mache ich mich doch lieber nützlich.” Die gebürtige Dortmunderin ist froh, dass sie 1997 nach 14 Jahren auf dem Bielefelder Behinderten-Campus in ihre Heimat zurückkehren konnte.

Das Haus am Lohbach war Bethels erste Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung und Mehrfachbehinderungen in einem Wohngebiet. Zuvor war das Selbstverständnis der Stiftungen der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, alle Behinderten in dem Bielefelder Campus wie in einem eigenen Dorf zusammenzuführen. Köster hat in beiden Modellen gelebt. Für sie ist klar, dass sie sich in dem Dortmunder Wohnprojekt mit 26 Plätzen deutlich wohler fühlt. “Hier will ich nicht wieder weg”, sagt sie.

Gemeinsam erlebter Sturm Kyrill schweißt zusammen

Durch die Beschäftigungen im Behinderten-Wohnheim kommt sie auch mit Nichtbehinderten in Kontakt. Bei einer offenen Gesprächsrunde zur Fastenzeit lernte sie eine mehr als 20 Jahre jüngere Freundin kennen. Die Dortmunderin besucht sie regelmäßig und fährt Köster gelegentlich sogar mit dem Auto zu ihren drei Dortmunder Geschwistern, die es mit mehr als 80 Jahren nicht mehr eigenständig zum Haus am Lohbach schaffen.

Durch den direkten Kontakt mit Behinderten wie Köster wurde den Anwohnern die Angst genommen. Neben den Gesprächsrunden gibt es einen Adventbasar, Sommerfeste und Kunstprojekte mit der Gemeinde. Es hilft aber auch, dass die Nachbarn sehen, wie Menschen mit Down-Syndrom vom Haus am Lohbach jeden Morgen Hunderte Meter bis zur Bushaltestelle laufen, um zur Arbeit in der Behinderten-Werkstatt zu gelangen. Dieser gelebte Alltag mit den Behinderten hat Vorurteile abgebaut und große Widerstände gebrochen.

Das Haus am Lohbach (Foto: Bethel)

“Während Anwohner früher meinen Autospiegel abbrachen und Riesenkratzer in mein Auto machten, bieten sie heute sogar freiwillig an, dass sie auf mein Auto aufpassen”, sagt die Krankenschwester Regina Platt. Die Heimleiterin Sigrid Meyer erzählt, wie sie gemeinsam mit den Behinderten den Nachbarn Mut zusprach, als durch den Sturm Kyrill vor fünf Jahren Bäume umknickten und auf ihre Häuser zu krachen drohten. “Solche Erlebnisse schweißen zusammen”, betont Meyer.

Dass die Nachbarn zudem schon mal klingelten, um sich ein Blutdruckmessgerät zu leihen, zeige, dass Inklusion in Dortmund-Berghofen nicht nur ein Modewort ist, sondern ein gelebter Prozess. Er zeigt, dass in der Nachbarschaft rundum das Haus am Lohbach vorweggenommen wurde, was in Deutschland erst seit wenigen Jahren politisch gewollt ist.

Erst im März 2009 wurde in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention zur Inklusion ratifiziert. Durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) werden im Ruhrgebiet in den kommenden Jahren Hunderte Behinderten-Betreuungsplätze entstehen. “Wir wollen dahin kommen, dass jeder Mensch dort leben kann, wo er leben möchte”, sagt der Sozialdezernent des (LWL). Mit Wohnheimen wie dem Haus am Lohbach sei ein erster großer Schritt in diese Richtung getan.

(dapd -nrw)

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