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Das Gipfeltreffen der Tetras: “Behinderte sind zweimal leistungsfähiger und cleverer”

Im „Spiegel“-Gespräch geben Philippe Pozzo di Borgo und Samuel Koch nicht nur private Einblicke, sondern plädieren auch für eine freundlichere Gesellschaft.

Neunseitige “Spiegel”-Titelgeschichte: Samuel Koch Philippe Pozzo di Borgo.

Mit spektakulären Behinderten lässt sich eben doch ordentlich Geld machen: Philippe Pozzo di Borgo (61) und Samuel Koch (24) sind die Titelhelden des morgen erscheinenden „Spiegel“ (4,20 Euro) – und ROLLINGPLANET glaubt, dass das Heft sich richtig gut verkaufen wird.

Ende Juni hatte das Nachrichtenmagazin die beiden Tetraplegiker in München zu einem Gespräch zusammengebracht. “Spiegel”-Autor Markus Feldenkirchen musste erst mal investigativ recherchierchen, wie man eigentlich Tetras, die ihre Arme nicht bewegen können, die Hände schüttelt. (Auflösung laut Samuel Kochs Vater: Über die Hand streicheln.) Koch & Pozzo di Borgo zeigen sich in der Veröffentlichung von ihrer besten Seite – humorvoll, kritisch, sanft und gutmütig (z.B. ziemlich doofe Posings für den Fotografen).

ROLLINGPLANET-Mitarbeiter Dirk Wessels (Paraplegiker) hatte heute sein ganz besonderes Aha-Erlebnis: Am Kiosk des Münchner Hauptbahnhofs hat die Kassiererin ihn erst übersehen, um zunächst mal drei andere Kunden zu bedienen. Wessels schwieg und protestierte nicht (Samuel-Koch-Syndrom!) und wartete geduldig. Als die Verkäuferin ihn endlich erblickte, schaute sie zuerst auf das “Spiegel”-Titelblatt, dann auf Wessels, und der meint, ein “Ach so” vernommen zu haben. Nun aber zur “Spiegel”-Lektüre.

Pozzo di Borgo („ich wurde mit einem silbernen Löffel im Mund geboren“), der bis zu seinem Paragliding-Unfall 1993 den Champagner-Konzern Pommery leitete, erzählt nicht nur seinen Lieblingswitz: „Wissen Sie, wo man einen Querschnittgelähmten findet? Dort, wo Sie ihn zurückgelassen haben.“ In „Ziemlich beste Freunde“, der Verfilmung seines Lebens, wurde daraus übrigens „Keine Arme, keine Schokolade.“ Das wiederum war Kochs Lieblingsstelle in der Komödie.

“Behinderte sind zweimal leistungsfähiger und cleverer“

Der adlige Kapitalist und ehemalige Top-Manager Pozzo di Borgo hält auch ein flammendes Plädoyer für Menschen mit Handicap. Es sei ungemein wichtig, dass sich „die Behinderung im täglichen Leben unserer Gesellschaft wiederfindet“.

Zwar reduziert er das Bild auf die eben doch nicht alle Behinderten repräsentierenden Rollstuhlfahrer, aber seinen Vorschlag geben wir dennoch gerne weiter: „Wenn man einen Rollstuhl in eine Versammlung stellt, schaffen Sie einen Teamgeist. Der Rollstuhl bildet dann einen sozialen Zusammenhalt, in der Politik, im Unternehmen, im Verein oder in der Familie, egal wo. Außerdem ist ein Behinderter zweimal leistungsfähiger und cleverer als einer, der auf zwei Beinen steht.“

Pozzo di Borgo erklärt, warum er für ein „Miteinander zwischen einer aufrecht stehenden und einer liegenden Menschheit“ ist: Es seien nicht nur die körperlich Behinderten, die bei dem Tempo unseres gegenwärtigen Gesellschaftssystems auf der Strecke bleiben, „dem Druck halten auch andere immer seltener stand. Nun frage ich Sie: Wo bitte steckt die Logik hinter einem System, das zu solch einem Ausschluss führt? Das hat doch eine selbstmörderische Seite.“

Ziel müsse es sein, die Menschen wieder ins System zurückzubringen: „Wenn es den Behinderten gelänge, den Gesunden ein wenig von dieser Vernunft zurückzugeben, dann wäre ich sehr glücklich.“

Bitte einmal Küsse statt Mitleid

“Spiegel” Nr. 29 vom 16.7.2012

Mitleid bringe niemandem etwas, erzählt Koch. Besser sei Mitgefühl. Nur so könne ein produktives Miteinander entstehen. Der ehemalige „Wetten, dass…“-Kandidat, der Dezember 2010 verunglückte, liefert den Steilpass für die Titelblatt-Schlagzeile des „Spiegel“ („Berührt uns“): „Umarmen und Küssen zum Beispiel hält uns am Leben.“

A propos Umarmen und Küssen: Viele User googeln die Suchbegriffe „Samuel Koch und Sex“, wie wir aus unseren Statistiken wissen. ROLLINGPLANET will Ihnen deshalb nicht die Antwort verheimlichen, die der bekanntlich fromme Koch auf die etwas dämliche Frage „Wie haben Sie diesen Verlust der Sexualität verkraftet“ (allerdings müssen wir zugeben, dass leider Pozzo di Borgo eben diese Formulierung kurz zuvor so verwendete) gibt: „Ich hatte schon vor dem Unfall mit mir selbst vereinbart, dass ich mich nur noch auf meine zukünftige Ehefrau konzentrieren und mich allen möglichen oder nicht möglichen Liaisons entziehen werde, um ganz konservativ oder naiv auf die Richtige zu warten.“

Da war er wieder, der nette Koch: Vielleicht lernt er es ja irgendwann einmal, einen Journalisten anzuknurren: Glauben Sie, dass ein Mensch seine Sexualität verlieren kann? ROLLINGPLANET fragt: Kann Mann nicht auch dann Sex haben, wenn man seinen Schwanz nicht in 0,3 Sekunden auf zwei Meter Länge bringt?

Freundlichkeit würde uns allen gut tun

Möglicherweise wird Koch aber nie lernen, Menschen anzubrüllen. Und vermutlich ist das gut so. Bereits im Rehazentrum habe man ihm einbläuen wollen, dass er nicht immer so höflich und freundlich sein solle. „Scheuch die Leute ruhig rum“, habe man ihn beibringen wollen, „es geht schließlich um Dein Leben.“ Das sei jedoch nicht sein Naturell, betont Koch.

Pozzo di Borgo pflichtet ihm bei: „Ich finde, dass nicht nur wir Behinderte freundlich sein sollten. In Wahrheit sind alle Menschen voneinander abhängig, wir brauchen uns alle gegenseitig. Wenn die Nichtbehinderten ebenfalls freundlicher wären, zu uns, aber auch untereinander, dann wäre die Welt angegenehmer. Freundlichkeit tut allen gut.“

Dem hat ROLLINGPLANET nichts hinzuzufügen.


Zum Themenschwerpunkt Samuel Koch
Zum Themenschwerpunkt Ziemlich beste Freunde


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