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Ulrich Brinker: Der Gipfelstürmer vom Mont Ventoux

Der behinderte Radsportler will unbedingt in den “Club der Bekloppten” und an einem Tag drei Mal den gigantischen Berg in der Provence bezwingen. Von Jean-Charles Fays.

Ulrich Brinker, hier noch auf einer Straße in Lingen mit seinem Rennrad. Der Radsportler mit einer Schwerbehinderung von 60 hat sich in den Kopf gesetzt, Mitglied im “Club der Bekloppten vom Mont Ventoux” zu werden. Voraussetzung dafür ist, dass er drei Mal an einem Tag den Mont Ventoux erklimmt. (Foto: Markus Hibbeler/dapd)

Extremsport ist seine Therapie, und er will offensichtlich lieber in den “Club der Bekloppten” als in den Club der Behinderten – gut so. Bei der Geburt hatte Ulrich Brinker einen offenen Rücken und wäre beinahe querschnittsgelähmt gewesen. Humpeln, Klumpfüße und dünne Unterschenkel zeugen immer noch von seiner Schwerbehinderung.

Doch der Emsländer will allen zeigen, wie leistungsfähig Behinderte sein können. „Vielleicht wurde irgendwann der Wunsch geweckt, zu zeigen, dass man trotz Behinderung Ungewöhnliches schaffen kann. Mir ist es deshalb insbesondere ein wichtiges Anliegen zu zeigen, dass es sich lohnt für Träume zu leben und zu kämpfen um auch das Selbstbewusstsein für Sportler mit Handicap zu fördern und zu stärken“, betont Brinker.

Am Donnerstag ist der 54-Jährige aufgebrochen, um drei Mal an einem Tag den 1.912 Meter hohen Mont Ventoux in der Provence (Frankreich) zu erklimmen und Mitglied im “Club der Bekloppten vom Mont Ventoux” werden. Der einstige heilige Berg der Kelten wurde erstmals 1336 bekannt durch die Besteigung des italienischen Dichters und Geschichteschreibers Francesco Petrarca, dem Mitbegründer des Humanismus. Der Name des Berges leitet sich wahrscheinlich von dem lateinischen „Mons Ventosus“ (Windiger Berg) ab.

Rennradschuhe statt orthopädische Schuhe

Wie ein Extremradsportler sieht Brinker nicht aus, jedenfalls stellt man sich solche anders vor. Bei der letzten Fahrt im heimischen Lingen im Emsland wölbt sich sein Bauch unter dem engen Radsporttrikot deutlich ab. Seine kleinen Füße fallen auf dem Rennrad allerdings kaum auf, denn die normalen orthopädischen Schuhe der Größe 32 hat er gegen größere Rennradschuhe getauscht. Die dicken Oberschenkel wirken im Vergleich zu den extrem dünnen Unterschenkeln sogar umso kräftiger.

Den will er bezwingen: Brinke mit einem Foto des Bergmassivs “Mont Ventoux” (Foto: Markus Hibbeler/dapd)

Brinker vertraut auf ihre Kraft, um an einem Tag in den kommenden drei Wochen rund 4.400 Höhenmeter zu überwinden. Zuvor fährt er sich zwei Wochen lang warm. Wenn er 800 Kilometer über 15 Alpenpässe gefahren ist, fühlt er sich für den Giganten der Provence gewappnet. Drei Tage will er danach am Fuße des Mont Ventoux pausieren, um den Trainingseffekt des Höhentrainingslagers mit auf den “Teufelsberg” zu nehmen, wie ihn die Radprofis der Tour de France nennen.

Der Angestellte im Lingener Stadtarchiv kennt die Tragödien, die Radsportlegenden dort erlitten. Der englische Radprofi Tom Simpson kollabierte 1967 beim Anstieg und starb noch auf dem Berg. Der belgische Tour-de-France-Sieger Eddy Merckx verausgabte sich drei Jahre später beim Anstieg so, dass er nachher einen Schwächeanfall erlitt und Sauerstoff benötigte. Zudem sterben jährlich Radamateure auf dem höchsten isolierten Berg im französischen Binnenland durch Überforderung oder Unfälle.

“Der Mistral-Wind hätte mich beinahe umgebracht”

Brinker selbst hätte im vergangenen Jahr fast selbst einen tödlichen Unfall erlitten. “Der Mistral-Wind, der mich mit 160 Stundenkilometern von der Seite erfasste, hätte mich beinahe umgebracht”, sagt er mit starrem Blick.

Der Mistral ist der legendäre Wind der Provence, der zuerst recht sanft und durch die Landmasse noch aufgewärmt und deshalb warm wehen kann. Nach einigen Stunden oder gar Tagen kann er jedoch ein starkes bis sehr starkes Naturereignis werden, der aus nordwestlicher Richtung über Frankreich in den Mittelmeerraum weht. Typisch ist dann ein wolkenloser, dunkelblauer Himmel, gute Fernsicht, nachts ein beeindruckender Sternenhimmel und ein erheblicher Abfall der Temperatur. Er kann tagelang wehen und tritt so häufig auf, dass die Bäume im Rhônetal oft in Windrichtung nach Süden hin gebogen sind.

Nur wenige Kilometer vor der Bergstation, erinnert sich Brinker, habe der Mistral auf 1.600 Höhenmetern bei zwölf Prozent Steigung mit einem Knall wie durch eine Peitsche ein Rad weggefegt. Mit letzter Kraft konnte er das Rad noch festhalten, musste dann aber mit angefrorenen Fingern und Eiskristallen an den Beinen wieder bergab fahren, so Brinker.

Verrückt genug, um zum Ventoux zurückzukehren

Der Mont Ventoux ist 1.912 Meter hoch und gehört zu den Attraktionen der Provence (Foto: clubcinglesventoux.org/)

Nach dem misslungenen Versuch von 2011 will er den Berg in den kommenden Wochen endlich bezwingen. “Ich hoffe, dass ich in diesem Jahr einen Tag erwische, an dem es passt”, sagt er. Um in den “Club der Bekloppten” aufgenommen zu werden, muss er alle drei Anstiege bewältigen. Und Brinker zitiert ein provençalisches Sprichwort: „„Du musst nicht verrückt sein, um den Ventoux hinaufzufahren. Aber du bist gewiss verrückt, wenn du auf ihn zurückkehrst.“

Um 7 Uhr morgens will er sich aus seinem südlichen Basislager Bédoin über die beschwerlichste Route zum Gipfel aufmachen. Die zurückgelegte Strecke wird über eine Karte kontrolliert, die er an Kiosken im Tal und auf dem Berg abstempeln lässt. Danach soll es etwa um 11.00 Uhr bergab gen Westen nach Malaucène und nach erneutem Gipfelsturm am frühen Nachmittag Richtung Osten nach Sault gehen, wo er zum letzten Anstieg aufbricht. Wenn er die 136 Kilometer lange Strecke hinter sich gebracht hat, will er nach zwölf Stunden planmäßig um 19.00 Uhr zurück in seinem Zelt in Bédoin sein.

Auch wenn selbst die Freunde lächeln: Er will es wissen

“Ich bin besessen von dem Ziel”, sagt Brinker. Er will einer der wenigen Deutschen unter weltweit rund 4.600 Menschen sein, die die Aufnahmeprüfung für den “Club der Bekloppten vom Mont Ventoux” seit 1988 bestanden haben. Dann hätte er es allen bewiesen, die ihn im Freundeskreis belächelten und sagten, das schaffe er nicht. “Denn wenn man nur lang genug sagt, das schaffst du nicht, dann wird man so wie ich”, sagt der Gipfelstürmer. Egal ob beim Klettern, Wandern oder beim Radfahren: Der Trotz war schon immer die Antriebsfeder, die den 1,63-Meter-Mann über sich hinauswachsen ließ.

Deshalb ist auch seine Frau Cornelia so überzeugt, dass der dreifache Familienvater die bislang größte Herausforderung seiner Extremsport-Therapie meistert. Nach mehr als drei Jahrzehnten mit ihm habe sie festgestellt: “Was er sich einmal in den Kopf setzt, das zieht er auch durch.”

Ulrich Brinker will mit seiner Fahrt auch ein Kinderhilfsprojekt in Tansania unterstützen: „Durch die Hilfe werden die Lebensbedingungen der Kinder nachhaltig verändert, indem ihnen Zugang zur Schul- und Berufsausbildung erleichtert wird und dadurch neue Einkommensmöglichkeiten geschaffen werden um ihre Ernährung und Gesundheit zu verbessern.“

(dapd-nrd/RP)

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