Rollingplanet | Portal für Behinderte und Senioren

Banner-Schottland-fuer-alle

News & Berichte

Contergan-Skandal: Grünenthal hat immer noch keine Gewissensbisse

Nach dem Aufsehen erregenden Contergan-Urteil in Australien gelingt dem Unternehmen immer noch keine menschliche Reaktion, und es kündigt den Aufmarsch seiner Juristen an.

Lachen kann ja so einfach sein, wenn man Arme und Beine hat: Die aktuelle Konzernleitung von Grünenthal (Foto: Grünenthal)

Lynette Suzanne Rowe wurde ohne Arme und Beine geboren, da ihre Mutter während der Schwangerschaft ein Schlafmittel mit dem Contergan-Wirkstoff Thalidomid eingenommen hatte. Nachdem die 50-Jährige vom Pharmakonzern Diageo, der Nachfolgegesellschaft der damaligen britischen Vertreiberfirma Distillers, eine hohe Wiedergutmachung erstritten hat (ROLLINGPLANET berichtete vor einigen Stunden: Australisches Contergan-Opfer zwingt Vertriebsfirma in die Knie), steht demnächst ein weiterer Prozess gegen den früheren Contergan-Produzenten Grünenthal an.

In einer ersten Stellungnahme kündigte das Unternehmen heute an, nicht einlenken und sich weiter „juristisch verteidigen“ zu wollen. Grünenthal sei nach wie vor davon überzeugt, dass man „stets verantwortlich bei der Entwicklung von Thalidomid“ gehandelt habe. Alle Aktivitäten seien mit dem damaligen Stand der Wissenschaft im Einklang gewesen.

Der Opferverband „Untersuchungsausschuss Conterganverbrechen“ (U.A.C.) sieht das Aachener Unternehmen nach dem Vergleich in der Pflicht: „Wenn schon ein Lizenznehmer von Contergan bereit ist, eine solche Vergleichssumme zu zahlen, was muss dann der Hauptschuldige des Conterganverbrechens, die Firma Grünenthal und dessen Eigentümer, leisten?“, fragte Verbandssprecher Stephan Nuding aus Bergisch Gladbach.

Deutsche Opfer können nicht mehr klagen

Deutsche Conterganopfer haben keine Möglichkeit, gegen Grünenthal zu klagen. Mit Gründung der Contergan-Stiftung 1972, die die Rentenansprüche der Opfer regelt, waren alle etwaigen Forderungen nach Schadenersatz gegen den Contergan-Hersteller erloschen.

Grünenthal ist dadurch gut weg gekommen. Zudem haben die Betroffenen es sehr schwer, Schäden geltend zu machen, die damals noch nicht bekannt waren. Erst jüngst hatte eine Studie des Instituts für Gerontologie (Altersforschung) der Universität Heidelberg offenbart, dass Contergan-Opfer Blut- und Nervenbahnen von Contergan-Geschädigten anders verlaufen als die anderer Menschen. Dies bedeutet unter anderem lebensgefährliche Risiken bei Operationen.

Das Forschungsprojekt zeigte außerdem, dass die meisten Betroffenen mit den Entschädigungszahlungen nicht ihre täglichen Kosten für Pflege- und Assistenzkosten bewältigen können. (ROLLINGPLANET berichtete: Contergan-Opfer stärker geschädigt als bekannt).

Australische Opfer können hoffen

„Es ist großartig, dass mein Fall auch anderen helfen wird“, sagte Lynette Suzanne Rowe mit Blick auf mehr als 100 andere noch lebende Betroffene in Australien, die nun ebenfalls Hoffnungen auf eine Entschädigung haben können. „Man braucht keine Arme oder Beine, um die Welt zu verändern. Ich sage immer: Sieh den Menschen und nicht die Behinderung.“ Ihr Anwalt Peter Gordon rief die Herstellerfirma dazu auf, die Verantwortung zu übernehmen.

Der Wirkstoff Thalidomid sei nicht ausreichend getestet worden und habe nicht als völlig unbedenklich verkauft werden dürfen, heißt es in der Klage. Schon Jahre bevor Grünenthal 1961 das Mittel vom Markt genommen habe, sei der Wirkstoff Thalidomid mit Missbildungen bei Neugeborenen in Verbindung gebracht worden, erklärten die Kläger weiter.

(dpa/RP)

Print Friendly

Stichworte

Diesen Artikel mit anderen teilen

Über Rollingplanet

Wir sind seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, und in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, seit Januar 2012 online, ist Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein inklusives, von Menschen mit und ohne Behinderung ehrenamtlich irealisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Wenn Sie noch mehr ROLLINGPLANET wollen, empfehlen wir Ihnen unseren Newsletter (hier kostenlos registrieren) mit zusätzlichen Gewinnspielen und anderen Extras.

Was ist Ihre Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Das sind wir

ROLLINGPLANET ist Deutschlands führendes Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung, Senioren und Freunde. Tagesaktuell, unabhängig, kritisch. Und geil aufs Leben.

ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, ehrenamtlich realisiert von Menschen mit und ohne Behinderung. Seit 1. Januar 2012. Weitere Infos: Über uns

Tipp

Tipp-PfeilWenn Sie sich weiter unten auf dieser Seite befinden und wieder schnell nach oben kommen wollen: Einfach auf das schwarze Kästchen mit dem Pfeil – rechts unten am Bildschirm – klicken.
  • A A A


  • Alleine auf eine Party gehen ist doof

    ziemlich-beste-begleiter-bigteaser

    Gott ist happy, wenn Roland tanzt

    • Gott ist happy, wenn Roland tanzt

    Ist Australien behindertenfeindlich?

    • Ist Australien behindertenfeindlich?

    Knigge für den respektvollen Umgang mit behinderten Menschen

    • Knigge für den respektvollen Umgang mit behinderten Menschen
    Werbebanner der Firma Rehability
    Druck

    Neueste Parkplatzschweine

    • Falschparker/in: WI-AQ 8615
    • Falschparker/in: COE-G 614
    • Falschparker/in: BOR-ZV 583
    • Falschparker/in: BOR-XA 319
    • Falschparker/in: AH-PA 153
    • Falschparker/in: COE-KR 698
    • Falschparker/in: COE-JK 40
    • Falschparker/in: BOR-BS 45

    Barrierefreie Hotels

    • Erstes Embrace-Hotel in der Schweiz
    • Verein „Ohne Barrieren“ eröffnet Hotel Sportforum in Rostock
    • Hotel am Kurpark (Bad Herrenalb)
    • Refugium am See (Teupitz)
    • Hotel Hanseatic Rügen & Villen (Ostseebad Göhren)
    • „So wie Du“ und nicht so wie die meisten Hotels
    • Alling: Lichtblick Hotel