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SCHILDbürgerstreich in Rödelheim: Freie Farce für Alle

Rollstuhlfahrer warten beim angeblich behindertengerecht geplanten Bahnhof in Frankfurt-Rödelheim vergebens auf die „Verstehen Sie Spaß?“-Kamera. Da hat es jemand richtig ernst gemeint. Von Judith Göbel (Text und Fotos)

Man kann sich so oft man will in den Arm zwicken, aber das Schild ist real.

Rödelheim, ein Frankfurter Stadtteil, dessen Bewohner mit einer Übermacht an Bäckereiketten und Spielcasinos klarkommen müssen, hat nach mehrjähriger Umbauzeit eine neue Bahnhofsunterführung. Wer auch nur ansatzweise mit der Bahn oder mit dem örtlichen Verkehrsverbund unterwegs ist, weiß um den maroden Zustand vieler S- und U-Bahnhöfe, und so war die Ankündigung, der Bahnhof solle endlich behindertengerecht werden, eine Ansage, die viele Rödelheimer dazu brachte, mit Freudentränen in den Augen ihre Ersparnisse in den angrenzenden Bäckereiketten und Spielcasinos zu verzocken.

Rödelheims Bahnhof hat jetzt auf der östlichen Seite eine Amphitheater-artige Treppe (die „Aida“-Aufführung zur Eröffnung steht noch aus, die dazugehörigen Elefanten aus dem nahegelegenen Opel-Zoo sind vorbestellt) und eine geschwungene Rampe, die ein kleines Wildkräuter-Feuchtbiotop umschließt. Auf der westlichen Seite sind Treppe und Rampe nicht ganz so prätentiös geraten. Zusätzlich gibt es Aufzüge mit unsteten Funktionszeiten. So weit, so normal.

“Befahren für Rollstuhlbenutzer verboten“

Die neu gebaute Rampe ist für Rollstuhlfahrer verboten. Macht ja nichts, es gibt doch schließlich Treppen…

Nun gab es in der gesamten Planungs- und Bauphase einige Verzögerungen und Querelen, die sich unter anderem um die jeweilige Zuständigkeit bestimmter Bauabschnitte drehten, über die sich Stadt und Bahn nicht ganz einig sind. So weiß ich leider nicht, wer für dieses Schild zuständig ist. Dieses Schild, das an der neuen Unterführung angebracht ist, dieses Schild, das jeden unvorbereiteten Besucher mit einem Mindestmaß an Sensibilität schlichtweg aus den Puschen haut. Denn auf dem Schild steht: „Befahren für Rollstuhlbenutzer verboten“.

Hä?! Falscher Film? Versteckte Kamera? Beziehungsweise: Seid Ihr denn komplett bescheuert? Gut, der Bauvorgang ist noch nicht vollständig abgeschlossen. Aber es handelt sich nicht um einen provisorisch angetackerten Zettel, der auf eine vorübergehende Unannehmlichkeit aufmerksam macht, sondern um fest montierte Schilder, jeweils am oberen und unteren Ende und zu beiden Seiten der Unterführung angebracht. „Befahren für Rollstuhlbenutzer verboten“: Diese Schilder hat sich jemand überlegt, er hat sie für richtig erachtet und für gut befunden, sie wurden geplant und in Auftrag gegeben, jemand hat den Text formuliert, jemand hat sie gestaltet, gedruckt und gestanzt, und jemand hat sie montiert.

Geplant, geprüft, abgenommen

Das Wildkräuter-Feuchtbiotop hat bereits erste Siedler angelockt.

Wurde da also eine Rampe gebaut (geplant, geprüft, abgenommen), bei der man kurz vor Fertigstellung der gesamten Anlage feststellte, dass sie zu steil oder zu glatt oder zu breit oder zu eng ist? Und dies nur für Rollstuhlfahrer, von denen man ja weiß, dass sie grundsätzlich nicht in der Lage sind, Bremsen zu benutzen bzw. Schwung zu holen bzw. geschoben zu werden. Bei der wackeligen Omma mit ihrem Rollator hingegen besteht keine Gefahr, dass es sie aus der Kurve trägt, und auch das Kleinkind darf mit seinem ökozertifizierten Holzrad und beherztem Schwung in die Hacken der Fußgänger brettern? Für wen also ist diese Rampe? Für den Zug der Trottellumme gen Süden, für den nächsten Faschingsumzug oder die Parade der Pogostick-Liebhaber? Und wenn die Rampe für Rollstuhlbenutzer verboten ist, sollte dann nicht auch die Treppe für Zweibeinbenutzer gesperrt sein?

Was ist das im Übrigen für eine Sprache: „Befahren für Rollstuhlbenutzer VERBOTEN“? Kommt sofort der Bundesgrenzschutz, falls ein dreister Rolli zur Benutzung ansetzt? Und wird man dann gleich in die nächste Grüne Minna gehievt und am Stadtrand ausgesetzt? Oder bekommt man Wegfahrsperren angelegt?

Hätte es ein „Benutzen auf eigene Gefahr“-Schild nicht auch getan? Wer denkt sich so was aus? Ist Hirnbenutzung in diesem Bereich generell unerwünscht?

Mit den Verantwortlichen sollte man es so halten, wie es der Legende nach einst Friedrich der Große oder zumindest der Schwippschwager seines Gärtners formulierte: „Teert sie, federt sie, und jagt sie aus der Stadt.“


Was die Deutsche Bahn zu diesem SCHILDbürgerstreich sagt


Zuletzt von Judith Göbel auf ROLLINGPLANET erschienen: Neulich in Istanbul: Schrei, wenn Du kannst

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1 Kommentar

  1. gudrun göbel22. Juli 2012 at 22:21Antworten

    Es ist unbegreiflich was sich in städtischen “Amtsstuben” abspielt !!
    Bekommt man für Arbeiten dieser Art auch Geld und später auch noch eine
    Pension ? Und zahlt diesen Schwachsinn der deutsche Steuerzahler ??
    Ja leider ist es so und was können wir dagegen unternehmen?
    Wir machen eine Demo und werden von der Polizei verhauen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses ! Und das wars dann mal wieder.
    Ich werde die Nachricht senden an die Landesgeschäftsstelle des VdK Hessen-Thüringen Elsheimerstr. 10 in Ffm und an die Bezirksgeschäftsstelle, Ostparkstr. 37, 60385 mit der Bitte sich der Sache mal anzunehmen. Sollte ich daraufhin keine positive Reaktion bekommen werde ich aus diesem Verein austreten !!! Schaun wir mal – bis dahin – Tschüss !!

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