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Treppen, Türen, Toiletten: Dr. med. Istmirdochegal

ROLLINGPLANET-Dossier: In Deutschland gibt es viel zu wenige barrierefreie Arztpraxen. Einem ROLLINGPLANET-Autor hätte das fast das Leben gekostet. Nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch viele andere Gruppen wie blinde, gehörlose oder geistig behinderte Menschen haben ein enormes Problem, wenn sie medizinische Hilfe brauchen. Die Stiftung Gesundheit schlägt Alarm.

Erika Dittner, Rollstuhlfahrerin und Vorstandsmitglied des Allgemeinen Behindertenverbands Mecklenburg-Vorpommern, in der Innenstadt von Schwerin am Eingangsbereich einer nicht-barrierefreien Arztpraxis. (Foto: Frank Hormann/dapd)

Zu wenige behindertengerechte Arztpraxen

Stufen, zu schmale Türrahmen, schwer lesbare Hinweise: Bitte warten Sie doch draußen! Für Menschen mit Behinderung ist es oft nicht leicht, eine Arztpraxis zu finden, in der sie sich problemlos bewegen können. In Deutschland gibt es der Stiftung Gesundheit (Hamburg) zufolge noch zu wenige behindertengerechte Arztpraxen. “Das, was wir an Versorgung in diesem facettenreichen Feld haben, ist unzureichend”, sagte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Peter Müller, der Nachrichtenagentur dapd. Deutschland sei noch “sehr weit entfernt” von einem “hinnehmbaren Level”.

Die Stiftung Gesundheit sammelt barrierefreie Adressen in Deutschland.

Dem Ärzteverzeichnis der Stiftung zufolge gibt es in der Bundesrepublik 68.000 Ärzte, die in ihren Praxen in gewisser Form auf behinderte Patienten eingestellt sind. Dabei würden zum Teil aber nur minimale Voraussetzungen erfüllt, etwa ein Behindertenparkplatz, sagte Müller. Aber es werde noch keine volle Barrierefreiheit gewährleistet. Die Praxen von 152.000 Ärzten seien dagegen nicht behindertengerecht oder die Ärzte hätten sich nicht zurückgemeldet.

Letzteres allerdings muss laut ROLLINGPLANET-Erfahrung nicht allzu viel heißen: Auch bei von uns durchgeführten Um- und Anfragen ist die Zahl der Nichtantworter immer wesentlich größer als die derjenigen, die Auskunft geben.

Die freie Arztwahl für Menschen mit Behinderungen sei stark eingeschränkt, kritisierte Müller. Nur ein kleiner Teil der Gynäkologen hätte beispielsweise verstellbare Untersuchungsmöbel. Eine Rollstuhlfahrerin, die zu einer Frauenärztin wolle, habe daher mitunter große Schwierigkeiten, ein geeignetes Angebot in ihrer Nähe zu finden.

“Barrierefreiheit ist viel mehr als Rollstuhlgerechtigkeit”

Nach dem Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen sind Gebäude dann barrierefrei, wenn sie für Behinderte “ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind” (siehe dazu auch ganz unten: Kriterien für Barrierefreiheit). Für Arztpraxen bedeutet das der Stiftung zufolge, dass Rollstuhlfahrer problemlos in die Behandlungsräume gelangen sollten. Aber auch Orientierungshilfen für sehbehinderte Menschen oder behindertengerechte Toiletten gehören zu einer barrierefreien Praxis.

“Barrierefreiheit ist viel mehr als Rollstuhlgerechtigkeit”, erläuterte Müller. So sei beispielsweise für sehbehinderte Menschen wichtig, dass Türgriffe farblich gekennzeichnet seien. “Vieles sind Dinge, die – wenn man sie rechtzeitig bedenkt – keinen Cent mehr kosten”, sagte er.

Projekt „Barrierefreie Praxis“

Insgesamt seien entsprechende Umbaumaßnahmen aber mit hohen Kosten verbunden. Dies stelle ein großes Problem dar, weil Ärzte die Ausgaben derzeit noch selbst tragen müssten. Das widerspreche jedoch dem Solidarprinzip als Grundpfeiler der Sozialversicherung. Der Gesetzgeber fordere unter anderem auch von den gesetzlichen Krankenkassen, in Informationssysteme und den Ausbau von barrierefreien Arztpraxen zu investieren.

Die Fördergemeinschaft der Stiftung Gesundheit ist der Träger des Projektes “Barrierefreie Praxis”, mit dem Behinderte bei der Arztsuche unterstützt werden sollen. Es handelt sich dabei um ein Verzeichnis aller niedergelassenen Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten mit Angaben dazu, auf welche Arten der Behinderungen eine Praxis eingestellt ist.


Beispiel Brandenburg

Wappen BrandenburgViele Arztpraxen in der Mark sind nicht auf Menschen mit Behinderung eingerichtet. Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg schätzt, dass nur knapp die Hälfte der rund 3.000 Praxen und ambulanten Versorgungszentren für Rollstuhlfahrer zugänglich sind. Daten zu Behinderungen anderer Art werden nicht systematisch erfasst.


Beispiel Mecklenburg-Vorpommern

Wappen Mecklenburg-VorpommernIn Mecklenburg-Vorpommern sind nur 9,7 Prozent aller Arztpraxen rollstuhlgerecht (ROLLINGPLANET berichtete und war seinerzeit noch sehr skeptisch, dass es wirklich so wenige barrierefreie Adressen gibt: Schlampige Daten: Kann man dem Sozialbericht Mecklenburg-Vorpommern vertrauen?).

> Hausärzte sind für Rollstuhlfahrer besonders schlecht zu erreichen: Nur 2,8 Prozent der Praxen sind für sie zugänglich.

> Die Fachärzte schneiden durchgängig besser ab – am höchsten ist die Quote bei den Zahnärzten: 27,3 Prozent ihrer Praxen sind rollstuhlgerecht. Die Psychiater und Psychotherapeuten landen mit 6,4 Prozent auf dem letzten Platz der Fachärzte.

> Für Rollstuhlfahrer kommt es oft darauf an, wo sie wohnen: Bei der Zahl der zugänglichen Praxen gibt es große regionale Unterschiede. In Schwerin ist der Anteil mit 17,3 Prozent am größten, alle Landkreise liegen darunter.

> Eine rollstuhlgerechte Praxis ist noch nicht automatisch barrierefrei. Dazu muss es etwa auch Orientierungshilfen für Blinde geben. Insgesamt sind 0,5 Prozent aller Arztpraxen in Mecklenburg-Vorpommern barrierefrei.

> Zehn Hausarztpraxen sind für alle Behinderten zugänglich. Das sind 0,3 Prozent aller Allgemeinmediziner.

(Quelle: Bericht des Sozialministeriums)

Trotz dieser Bestandsaufnahme müssen behinderte Menschen in Mecklenburg-Vorpommern offenbar noch länger auf mehr barrierefreie Arztpraxen warten. Das Sozialministerium sieht derzeit “keine rechtliche Handhabe”, um Ärzte zur Umrüstung ihrer Behandlungsräume zu verpflichten, erklärte heute ein Sprecher des Sozialministeriums. Es sei auch kein entsprechendes Gesetz geplant. Immerhin (das kostet auch nichts): “Wir appellieren natürlich an die Ärzte und freuen uns über jede barrierefreie Praxis.”


Beispiel Hessen

Wappen HessenNur etwa jede zweite Arztpraxis in Hessen (55 Prozent) verfügt über einen rollstuhlgerechten Zugang. Eine Befragung unter allen niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten im Jahr 2007 habe ergeben, dass 6.200 von 11.200 Praxen für Rollstuhlfahrer und Menschen mit Rollator gut erreichbar seien, sagte ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd.

Über die Barrierefreiheit für seh-, hör- und lernbehinderte Menschen konnte die KVH keine präzisen Angaben machen. Behindertenbeauftragten zufolge gibt es noch viele Probleme beim Abbau der Barrieren für behinderte Menschen.

Seit 2007 verschickt die KVH den Angaben zufolge bei Neueröffnung einer Praxis Fragebögen, um die Barrierefreiheit zu erfassen. Das Ausfüllen der Fragebögen ist jedoch freiwillig. Auch würden die Angaben nicht vor Ort kontrolliert.

Für die Barrierefreiheit in Arztpraxen gebe es “noch Luft nach oben”, sagte der KVH-Sprecher. Ziel sei es, Barrieren weiter abzubauen. Über die Befragung bei einer Neueröffnung hinaus sei bislang keine Kampagne oder Flyer zur Aufklärung für Ärzte und Psychotherapeuten geplant. Das könne aber überdacht werden.

Dem Behindertenbeauftragten des Arbeitskreises “Kommunale Behindertenbeauftragte Hessen”, Frank Schäfer, zufolge entsprechen viele Praxen nicht den heutigen Maßstäben der Barrierefreiheit. Die freie Arztwahl sei nach wie vor “stark eingeschränkt”, sagte Schäfer. Neben eines rollstuhlgerechten Zugangs bräuchten Hörbehinderte unter Umständen einen Gebärdendolmetscher oder technische Geräte zur Kommunikationsverstärkung. Sehbehinderte seien auf Informationsmaterial in Blindenschrift angewiesen.

Neue Praxen müssen Anforderungen an Barrierefreiheit erfüllen

Das Sozialministerium hat im vergangenen Jahr einen Leitfaden herausgegeben, um Barrieren in der Praxis abzubauen. Der Leitfaden solle für die spezifischen Bedürfnisse der verschiedenen Behindertengruppen sensibilisieren, sagte eine Sprecherin.

Zudem sind konkrete Anforderungen an die Barrierefreiheit in der Hessischen Bauordnung niedergelegt. Sie ist für neu gebaute Praxen sowie bei Nutzungsänderungen von Gebäuden verpflichtend, sagte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Wird aus einer Rechtsanwaltskanzlei zum Beispiel eine Arztpraxis, müsse sie die Anforderungen an die Barrierefreiheit erfüllen, erläuterte er.

Der Umbau bereits bestehender Praxen von Ärzten und Psychotherapeuten sei zwar gewünscht, liege jedoch in der “Eigenverantwortlichkeit der Praxen”, führte der Sprecher aus. Besondere Fördermittel des Landes würden für den Umbau nicht zur Verfügung gestellt.

Dem Behindertenbeauftragten Schäfer zufolge seien jedoch beim Neubau von Praxen stärkere Kontrollen nötig. Seiner Erfahrung nach würden die Festlegungen zur Barrierefreiheit nicht überall ausreichend umgesetzt. “Da geht vieles durch die Lappen”, sagte er. Auch ein stärkerer Umbau bereits bestehender Praxen sei wünschenswert.


Ist Dr. med. Istmirdochegal in Wirklichkeit Dr. med. Ichbinratlos?

Ratlosigkeit bei den Docs: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) räumt ein, dass es noch Aufholbedarf beim behindertengerechten Zugang von Arztpraxen gibt. “Natürlich ist da was zu tun in Sachen Barrierefreiheit. Vieles ist aber schon da”, sagt KBV-Sprecher Roland Stahl. Eine vollständigen Überblick über die Anzahl barrierefreier Praxen habe er aber nicht.

Ein Grundproblem sieht Stahl vor allem in den hohen Kosten, die mit einem entsprechenden Umbau verbunden sind. “Das würde so manche Praxis in den Ruin treiben”, sagt er. Er sieht besonders die Krankenkassen in der Pflicht, Mittel zur Verfügung zu stellen. Aber auch Förderprogramme der Länder seien eine mögliche Lösung.

Ähnlich sieht es auch Peter Müller von der Stiftung Gesundheit: Dass Ärzte die Ausgaben für einen Umbau ihrer Praxen für Behinderte selbst tragen müssten, widerspreche dem Solidarprinzip als Grundpfeiler der Sozialversicherung.


Sie sind weder Dr. med. Istmirdochegal noch Dr. med. Ichbinratlos, sondern Dr. med. Naklarmachichdas?

Wenn sich junge Ärzte niederlassen wollen, ist eine barrierefreie Praxis keine Voraussetzung. Bei der Neuzulassung dürfe dieses Kriterium wegen der fehlenden rechtlichen Grundlage keine Rolle spielen, sagte eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung. Mit Blick auf den Ärztemangel betonte sie: Eine Pflicht zur Barrierefreiheit würde die Neuzulassung auch “sehr erschweren”. Erfreulich: “Jüngere Ärzte legen erfahrungsgemäß viel Wert auf einen barrierefreien Zugang,” so die Kassenärztliche Vereinigung.

Falls Sie so ein jüngerer Arzt sind und gerade ROLLINGPLANET lesen: Unterstützung gibt es möglicherweise von der staatseigenen Förderbank KfW. Als Praxiseigentümer können Ärzte Geld aus dem Förderprogramm “Altersgerecht Umbauen” beantragen, wie ein Sprecher der Bank sagte. Zudem gibt es für alle kleinen und mittleren Unternehmen einen zinsgünstigen KfW-Unternehmerkredit.


Webseiten

Arztsuche der Kassenärztlichen Vereinigung: www.kvmv.info
Website zum Projekt “Barrierefreie Praxis”: http://www.stiftung-gesundheit-foerdergemeinschaft.de
Zahnarztpraxen in Hessen, in denen Blindenhunde willkommen sind: www.lzkh.de
Wheelmap: www.wheelmap.org


Manchmal können 15 Zentimeter riesig werden: Bloß eine einzige Treppenstufe trennt Erika Dittner von der Arztpraxis in der Schweriner Innenstadt. “Aber das reicht schon”, sagt die Rollstuhlfahrerin. Helfende Hände bringen sie auch nicht weiter: Der Elektro-Rollstuhl wiegt mehr als 200 Kilogramm. Und selbst wenn sich mehrere starke Menschen finden würden: “Wenn beim Tragen irgendwas am Rollstuhl kaputtgeht, dann steh’ ich da.”

Bei Krankheiten bekommen behinderte Menschen ein Riesen-Problem: Zu wenige Praxen in Deutschland sind für alle ohne fremde Hilfe zu erreichen. Im Ärzteverzeichnis der Stiftung Gesundheit sind rund 220.000 Praxen registiert (siehe auch linke Spalte). 152.000 davon sind den Angaben zufolge nicht behindertengerecht, oder die Ärzte machten keine Angaben dazu.

Immerhin 68.000 Ärzte seien in gewisser Weise auf behinderte Patienten eingestellt. Dabei würden zum Teil aber nur minimale Voraussetzungen erfüllt wie etwa ein Behindertenparkplatz, sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Peter Müller. Volle Barrierefreiheit werde aber noch nicht gewährleistet.

Besonders problematisch scheint die Situation etwa in Mecklenburg-Vorpommern: Nach einem Bericht des Sozialministeriums vom März dieses Jahres ist gerade mal jede zehnte Praxis rollstuhlgerecht. Oft fehlen zudem Orientierungshilfen, damit auch Blinde den Weg in den Behandlungsraum finden. Komplett barrierefrei ist dem Bericht zufolge nicht mal eine von 100 Praxen. Die Kassenärztliche Vereinigung nennt hingegen nur Zahlen, die auf Selbstauskunft der Ärzte beruhen. Zwei Drittel der Befragten bezeichnen demnach ihre Praxis als rollstuhlgerecht.

Ständig um Hilfe bitten zu müssen, frustriert

Erika Dittner hat glücklicherweise in der Nähe ihrer Wohnung verschiedene Fachärzte gefunden, in deren Praxen sie auch mit ihrem Rollstuhl kommt. Oft muss sie jedoch einige Hindernisse überwinden.

Die schwere Glastür am Eingang einer Praxis etwa kann sie nur mit viel Kraft öffnen. Mit der rechten Hand drückt sie dann die Tür auf, während die linke zum Steuerhebel auf der rechten Seite des Rollstuhls greift. Anschließend stößt sie die Tür weg und fährt schnell über die Türschwelle.

Eine positive Ausnahme: Dittner verlässt das barrierefreie “Zentrum für Gesundheit und Ambulante Medizin” in Schwerin. (Foto: Frank Hormann/dapd)

Schwere Türen kennt Dittner aus anderen Situationen, etwa wenn sie einkaufen will. Oft klopft sie dann an die Ladentür oder bittet andere Menschen, ihr zu öffnen. “Aber irgendwann ist das frustrierend”, sagt die 66-jährige Rentnerin. Am liebsten sind ihr automatische Schiebetüren.

Fehlende Toiletten und zu hohe Empfangstresen

Dittner ist gerne selbstständig. Die Ökonomin hat bis zu ihrem Ruhestand in der Schweriner Stadtverwaltung gearbeitet. Das ging auch im Rollstuhl, den sie vor sieben Jahren bekommen hat. Mit sieben Knöpfen und einem Hebel bedient sie das Gerät. Der Rollstuhl fährt mit einer Geschwindigkeit von sechs Stundenkilometern, für längere Strecken nimmt Dittner die Straßenbahn.

In Gebäuden helfen ihr Fahrstühle oft weiter, aber auch nicht immer. Manchmal sind sie so eng, dass die Tür gar nicht schließen kann, weil die Räder des Rollstuhls überstehen.

In Arztpraxen hat Dittner mit weiteren Problemen zu kämpfen: Mal fehlt die barrierefreie Toilette, mal ist der Empfangstresen zu hoch. “Ich muss mich dann erst weit wegstellen oder rufen.” Eventuelle Informationsblätter auf dem Tresen kann sie auch nicht sehen. Und im Behandlungsraum sind Liegen oft nicht höhenverstellbar.

Weniger barrierefreie Arztpraxen auf dem Land

Damit Rollstuhlfahrer einen Arzt vor Ort finden, bietet die Kassenärztliche Vereinigung in Mecklenburg-Vorpommern eine Online-Suche an. Von den 2.100 dort verzeichneten Ärzten geben zwei Drittel an, sie hätten eine rollstuhlgerechte Praxis. Jedoch sind dort offenbar nicht alle Ärzte erfasst: Im Bericht des Sozialministeriums ist von insgesamt mehr als 6.800 Praxen die Rede.

Zudem werden im Bericht – anders als bei der Online-Suche – klare Kriterien definiert, in welchen Fällen ein Ort als rollstuhlgerecht gilt. Zum Beispiel müssen Türen mindestens 90 Zentimeter, Gänge mindestens 1,20 Meter breit sein. Ergebnis der Untersuchung: Nur zehn Prozent der Praxen entsprechen den Vorgaben.

In Schwerin haben Rollstuhlfahrer demzufolge immerhin die vergleichsweise größte Auswahl an Ärzten. In der Landeshauptstadt gibt es laut Bericht 117 rollstuhlgerechte Praxen und damit mehr als in der anderen kreisfreien Stadt Rostock und in jedem Kreis im Land.

Damit sich die Situation auch auf dem Land bessert, engagiert sich Dittner im Landesvorstand des Allgemeinen Behindertenverbands Mecklenburg-Vorpommern. Sie fordert, dass sich Ärzte künftig nur niederlassen dürfen, wenn die Praxis barrierefrei ist. Doch die Kassenärztliche Vereinigung winkt ab: Derzeit gebe es “keine rechtliche Handhabe”, um solche Kriterien zur Auflage für eine Zulassung zu machen, sagt eine Sprecherin.

Müssen überhaupt alle Praxen barrierefrei werden? Dittner sieht vor allem das Problem, wenn behinderte Menschen einen Facharzt suchen und deswegen lange Wege in Kauf nehmen müssen. “In manchen Gegenden ist überhaupt keine barrierefreie Arztpraxis.”

Der Schnellcheck von ROLLINGPLANET-Mitarbeitern

München gilt als eine der behindertenfreundlichsten Städte Deutschlands. Doch auch hier ist es nicht immer einfach, einen Mediziner zu finden, wie die ROLLINGPLANET-Mitarbeiter aus der bayerischen Landeshauptstadt immer wieder feststellen. Und was häufig vergessen wird: Man möchte auch nicht gezwungen werden, den nächstbesten Doc zu nehmen, nur weil dieser barrierefreie Räumlichkeiten hat.

Eine nicht repräsentative Auswahl der ROLLINGPLANET-Redakteure beginnt im Münchner Stadtteil Giesing: Selbst in dem erst vor zwei Jahren neu erbauten Ärztezentrum am Bahnhof sind nicht alle Praxen komplett hürdenfrei zugänglich. Die Architekten und der Bauherr haben es sogar fertig gebracht, ein Stockwerk so zu gestalten, dass man eine dort untergebrachte Mini-Klink nur über einen von zwei Eingängen erreichen kann. Über den zweiten Eingang landet man bei Stufen, für die es zwar einen Treppenlift gibt. Alleine dürfen Patienten diesen jedoch nicht benutzen – indes: eine Klingel fehlt, um das Personal der Arztpraxis auf sich aufmerksam zu machen.

Münchner Marienplatz: Viele Menschen sind hier unterwegs – aber plötzlich ganz wenige, die in Frage kommen, einen Rollstuhlfahrer Stufen hinaufzuziehen.

Seit Jahren ist der Internist Dr. med. R. der „Leibarzt“ von ROLLINGPLANET-Mitarbeiter Dirk. Im Februar zog Dr. R. um – und wählte eine neue Adresse am zentralen Marienplatz, die nur über zwei hohe Stufen zu erreichen sind. Rollstuhlfahrer Dirk ist seinem Dr. R. treu geblieben, ärgert sich aber: „Obwohl der Marienplatz so frequentiert ist, dauert es manchmal zehn Minuten, bis ich jemanden gefunden habe, der mich die beiden Stufen hochzieht. Man möchte auch nicht jeden älteren, vorbeigehenden Herrn ansprechen und fürchten, dass er sich wegen Dir den Rücken kaputt macht.“

Patient in Gefahr? Tut uns leid, Treppen!

Besonders frappierend erlebte ROLLINGPLANET-Autor X. (den wir hier nicht outen wollen), ebenfalls Rollstuhlfahrer, das Problem, als er kürzlich auf einen Psychiater angewiesen war. Nach einem Zusammenbruch und Selbstmordwünschen wurde es bei ihm dringend. Als er für sich das Schlimmste befürchtete, machte er sich an einem Sonntag freiwillig auf die Suche nach einer Klinik: „Ich stand vor der Psychiatrie in München-Haar und habe nicht einmal den Eingang erreicht.“ Unverrichteter Dinge kehrte er nach Hause zurück und versuchte am nächsten Tag, eine Alternative zu finden, die es ihm ermöglichte, ohne viel Aufsehen Hilfe zu bekommen: „Zu einem Psychiater zu fahren, ist für mich immer noch ungefähr so, als steuerte ich ein Porno-Kino an. Da versucht man ja auch, möglichst unerkannt hereinzukommen, ohne aufzufallen.“

In München ist – wie in ganz Deutschland – die Suche nach einem Psycho-Doc allerdings schwierig: Es gibt einfach zu wenige, und besonders bei seelischen Problemen ist es wichtig, dass die „Chemie“ zwischen dem Patienten und seinem Seelenklempner passt. Drei Probestunden zahle die Krankenkasse, erfuhr X., ehe er sich entscheiden müsse, bei wem er in Behandlung gehe. X. kann darüber nur lachen – er fand zunächst nicht einmal einen einzigen Nervenarzt: „Bei fast allen gab es monatelange Wartezeiten, und wenn doch jemand sofort einen Termin frei hatte, stellte sich heraus, dass es Treppen oder viele Stufen gab.“ Nach 40 erfolgreichen Anrufen war X. niedergeschmettert: „Und das in einer Situation, in der ich ohnehin kaum die Kraft hatte zu telefonieren.“ Dann wurde ihm eine bekannte Tagesklinik empfohlen – als X. dort ankam, erfuhr er, dass man auf Rollstuhlfahrer nicht eingestellt sei: „Sie sind zwar hier hereingekommen“, sagte ihm die Ärztin im Wartezimmer, „aber die Therapien und Gespräche haben wir in Zimmern, die nur über Treppen zu erreichen sind.“

Am Schluss fand X. zwar doch einen Arzt – beim Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt. „Aber viel länger hätte die Suche nicht dauern dürfen. Man kann sagen, dass mich das fast das Leben gekostet hat“, erinnert sich unser Kollege.

Behindertenverbände fordern mehr barrierefreie Artzpraxen

Derweil fordert das Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit mehr behindertengerechte Arztpraxen in Deutschland. “Es gibt eigentlich keine Region, von der man sagen könnte, es gäbe barrierefreie Arztpraxen”, sagt Hannelore Loskill, Vorstandsmitglied des Zweckverbands von 15 Sozial- und Behindertenverbänden. Sie pocht daher auf einen Aktionsplan.

Kliniken oder Praxen, die als behindertengerecht deklariert würden, seien meist nur für Rollstuhlfahrer geeignet, nicht aber für Menschen mit anderen Behinderungen wie etwa Blinde oder Gehörlose, kritisiert Loskill.

Hannelore Loskill, Vorstandsmitglied des Bundeskompetenzzentrums Barrierefreiheit (Foto: BAG Selbsthilfe)

Es reiche nicht aus, wenn eine Praxis ebenerdig oder mit einem Aufzug zu erreichen sei. So hätten sehbehinderte Menschen beispielsweise große Schwierigkeiten, den Aufzug überhaupt zu finden, wenn er aus Glas sei. Neuen Patienten werde beim ersten Arztbesuch dann meist noch ein Formular in die Hand gedrückt, das Sehbehinderte nicht alleine ausfüllen könnten. “Und in dem Moment, in dem sie das sagen, wird man sie schon nicht sehr freundlich behandeln”, so Loskill.

Begriff zu weit gefasst

Der Begriff Barrierefreiheit sei ohnehin zu weit gefasst: “Die alleinige Aussage barrierefrei sagt eigentlich gar nichts.” Der Begriff werde unterschiedlich interpretiert. Hilfreicher sei eine klare Unterscheidung, auf welche Arten von Behinderungen eine Arztpraxis eingestellt sei. Außerdem müssten Angaben von Ärzten zur Frage, ob ihre Praxen behindertengerecht seien, kontrolliert werden – etwa im Rahmen einer Zertifizierung.

Mit der fortschreitenden Überalterung drohe eine Verschärfung des Problems, warnt Loskill. Zum einen werde es mehr Menschen mit altersbedingten körperlichen Einschränkungen geben. Zum anderen würden sich aber auch Ärzte zur Ruhe setzen und ihre Praxen schließen. “Vielleicht auch gerade die, die auch jetzt schon im Erdgeschoss barrierefrei angesiedelt sind. Wer übernimmt die dann?”, fragt Loskill.

Behindertenbeauftragter will Barrierefreiheit als Zulassungskriterium

Die Zulassung für Arztpraxen in Brandenburg soll nach Ansicht des Behindertenbeauftragten Jürgen Dusel auch an die Barrierefreiheit der Einrichtungen geknüpft werden. Er teilt damit die Ansicht von Erika Dittner. “Die medizinische Infrastruktur im Land muss für alle Menschen – egal ob mit oder ohne Behinderung – gleichermaßen zugänglich sein”, sagte Dusel der Nachrichtenagentur dapd. “Ähnlich wie die Richtlinien zum Brandschutz oder Hygieneverordnungen sollte die Barrierefreiheit selbstverständlich ein Kriterium sein.”

Diese Einschätzung sei eine logische Konsequenz der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, erklärte Dusel. Dort werde ein barrierefreier Zugang zur medizinischen Versorgung verlangt. Deshalb sieht der Behindertenbeauftragte auch den Staat in der Pflicht, sich für Barrierefreiheit zu engagieren. “Die Kommunen, das Land und der Bund müssen dafür sorgen, dass diese Rechte den Menschen tatsächlich auch gewährt werden können.”

Nicht nur an Rollstuhlfahrer denken

“Barrierefreiheit ist aber mehr als Rollstuhlgerechtigkeit”, bekräftigte Dusel ähnlich wie Hannelore Loskill. Die Problematik betreffe zum Beispiel auch Sehbehinderte, Gehörlose oder Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung. “Auch die haben ein Recht auf freie Arztwahl, eine umfassende Aufklärung durch den behandelnden Arzt und die Achtung ihrer Persönlichkeit”, sagte Dusel. Besonders beim Umgang mit geistig behinderten Menschen sehe er deutliche Defizite. Dies deckt sich mit einer Forderung der Ärztekammer Bremen, die im Herbst vergangenen Jahres eine bessere medizinische Versorgung für Menschen mit geistiger Behinderung angemahnt hatte. Vizepräsidentin Heidrun Gitter regte seinerzeit eine Zentralambulanz als Anlaufstelle für betroffene Patienten an und wollte Bremen damit zur bundesweiten Modellregion machen.

Dusel halte es für “schlichtweg rechtswidrig” und zudem “unethisch”, bestimmte Personen von der medizinischen Infrastruktur auszuschließen, erklärte der Behindertenbeauftragte. Deshalb sei ein Wandel im Bewusstsein der Gesellschaft nötig – aber auch in der konkreten Arbeit der Mediziner selbst. “Das Thema muss Eingang in die akademische Ausbildung der Ärzte finden”, forderte Dusel.

Zwar sei zurzeit ein Bewusstseinswandel zu beobachten, doch die Verantwortlichen müssten noch stärker auf die Menschen mit Behinderung und deren Verbände zugehen: “Diese sind Experten in eigener Sache und wissen am besten, was sie für einen barrierefreien Zugang zur Medizin brauchen.”

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1 Kommentar

  1. Barbara Wiedenmann22. Juli 2012 at 10:40Antworten

    Der CBF München hat auf Initiative und mit finanzieller Unterstützung der Comeback – Stiftung unter dieser Adresse Arztpraxen für Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte in München getestet und aufgelistet : http://www.cbf-muenchen.de/aerzte

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