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Wie Olympia-Teilnehmer Marc Zwiebler dem Rollstuhl entkam

Deutschlands Pionier in Sachen Badminton fährt als Europameister mit ehrgeizigen Zielen nach London. Von Manuel Rösler

Marc Zwiebler (Pressefoto)

Ehrfürchtig starrt Marc Zwiebler auf den Federball, der ganz langsam auf der Feldseite seines schwedischen Kontrahenten auf die Linie trudelt. Die typische “In”-Bewegung des Linienrichters bekommt Deutschlands Parade-Badmintonspieler gar nicht mehr mit. Er sinkt ungläubig zu Boden, zieht sich das Shirt über den Kopf und verharrt für einige Sekunden regungslos auf dem Spielfeld. Ganz so, als würde er gar nicht begreifen, was da gerade geschehen ist.

Eine deutsche Sportsensation

Es ist der 21. April dieses Jahres im schwedischen Karlskrona. Marc Zwiebler ist gerade Europameister geworden. In einer Sportart, in der Deutschland zwar seit ein paar Jahren in Europa als Topnation etabliert ist, aber vom großen Titelkuchen bis dato nur wenig naschen durfte.

Der EM-Titel des 28-Jährigen ist eine Sensation. Eine deutsche Sportsensation. Badminton in Europa wird seit einem gefühlten Jahrhundert von Dänemark dominiert. Die Dänen um ihren Superstar Peter Gade haben den EM-Titel abonniert und bieten den so dominanten Asiaten im Kampf um die wichtigsten Trophäen der Federball-Welt erfolgreich die Stirn.

Doch die bedeutendste Trophäe im europäischen Badminton steht jetzt im Schrank eines Deutschen. Marc Zwiebler hat den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere erreicht. “Es ist toll, was man durch den Sport alles mitbekommt, andere Länder und Kulturen. Es macht riesigen Spaß”, sagt Zwiebler der Nachrichtenagentur dapd. Vor den Spielen in London trainierte er fünf bis sechs Mal in der Woche, jeweils zwei bis zweieinhalb Stunden. “Ich bin Profi”, macht Zwiebler klar.

Im Rollstuhl durch die Wohngemeinschaft

Der Körper machte nicht mehr mit: Marc Zwiebler. (Pressefoto)

Und dabei hätte alles ganz anders verlaufen können. Im Alter von nur 21 Jahren stand seine Karriere als Leistungssportler vor dem Aus. Ein hartnäckiger Bandscheibenvorfall zwang Zwiebler zu einer zweijährigen Pause. Sein Körper hatte gestreikt. Die zahlreichen Trainingseinheiten, die er seit seinem sechsten Lebensjahr absolvierte, machten sich nun bemerkbar. Sein geschundener und ausgebrannter Körper machte ihm unwiderruflich klar, dass es nicht mehr weitergeht.

Später wird er sagen, dass er zeitweilig nicht mal mehr in der Lage war, sich seine Socken überzustreifen. Kollegen in der Wohngemeinschaft in Saarbrücken mussten das für ihn übernehmen. Phasenweise saß er sogar im Rollstuhl, weil ein normales Gehen nicht mehr möglich war. Die Karriere schien vorbei.

An ein Comeback als Leistungssportler in einer der schnellsten Sportarten der Welt war nicht mehr zu denken. Erst eine nicht ungefährliche Operation schaffte Linderung und ermöglichte Zwiebler, an seinem Comeback zu arbeiten. Nach sechs Monaten intensivem Reha- und Aufbautraining stand er im Jahr 2007 wieder auf den Badmintoncourts dieser Welt und legte ein atemberaubendes Comeback hin, das ihm neben sechs Turniersiegen sogar noch das Olympiaticket für Peking bescherte.

In Deutschland kaum bekannt, in Asien ein Star

Cool, abgezockt, variantenreich. Es bedarf keiner großen Kenntnis über die seit dem Jahr 1992 olympische Sportart, um zu sehen, dass Zwiebler ein Könner seines Fachs ist. Unter Experten wird Zwieblers starke Defensive gepriesen. Der 1.80 Meter große Athlet erwischt auch scheinbar aussichtslose Bälle. Aus allen vier Feldecken kratzt er die Bälle in letzter Sekunde mit dem Schläger vom Boden und bringt seine Gegner so schier zur Verzweiflung. Dabei schafft er sogar noch, eine raffinierte Täuschung drauf zu setzen. Das schaffen in ganz Europa nur wenige. In Deutschland keiner.

In weiten Teilen Asiens, wo Badminton eine der populärsten Sportarten ist und zehntausende Zuschauer in die Arenen strömen, ist Zwiebler bereits ein Star. Er wird auf der Straße erkannt und in den Shoppingcentern von Jakarta, Kuala Lumpur oder Peking um Autogramme gebeten. Ein Status, den er in Deutschland als Pionier in einer von den Medien kaum beachteten Sportart nicht genießen darf. Die Olympischen Spiele in London könnten das ändern.

Zwiebler will mehr, als nur dabei zu sein

Der leidenschaftliche Schallplattensammler hat sich fest vorgenommen, um eine Medaille zu spielen. Um das reine Dabeisein geht es ihm längst nicht mehr. Sein Anspruch ist ein anderer. Der Europameister will jedes Spiel gewinnen. Und an einem sehr guten Tag kann er fast jeden Spieler auf der Welt besiegen.

Marc Zwiebler ist jemand, der Menschen mitreißen und in seinen Bann ziehen kann. Sein EM-Triumph hat einer ganzen Generation von jungen Badmintonspielern Mut gemacht, es auch als Deutscher bis in die absolute Weltspitze zu schaffen. Auf so einen Typen hat Badminton-Deutschland lange warten müssen.

(dapd)

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2 Kommentare

  1. ARKESILAS28. Juli 2012 at 03:38Antworten

    Wenn man sich über Ausdrücke, wie „an den Rollstuhl gefesselt“ mokiert, sollte man wohl dann auch nicht schreiben, daß jemand „dem Rollstuhl entkam“, sondern einfach neutraler und wertfreier, daß jemand beinahe zum Rollstuhlfahrer geworden wäre oder so.

  2. Rollingplanet28. Juli 2012 at 10:58Antworten

    Wir versuchen Rollstuhlfahrer nicht zu fesseln, werden ihnen/Ihnen/uns allerdings nicht ersparen, dass wir sie hin und wieder jagen. So viel Spaß muss sein.

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