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Melissas langer Weg zur gleichwertigen Bildung

Seit Monaten kämpfen die gehörlose Melissa und ihre Eltern für einen Gebärdensprachdolmetscher. Denn die Siebenjährige möchte eine normale Schule besuchen. Doch wer trägt die Kosten? Vor Gericht kam es heute zu einem Vergleich – der Kampf ist aber noch nicht gewonnen. Von Christine Cornelius

Melissas Eltern, Turan Sentürk-Eichwald und seine Frau Marina, sind ebenfalls gehörlos und erklärten heute im Sozialgericht Augsburg (Schwaben) ihren Standpunkt in Gebärdensprache. (Foto: dpa)

Die Szene vor der 15. Kammer des Augsburger Sozialgerichts ist ungewöhnlich: Vor dem Richterpult sitzen an diesem Mittwoch zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen. Sie übersetzen in dem voll besetzten Saal, der nur 30 Plätze bietet, den gehörlosen Eltern der kleinen Melissa, was Richterin Christiane Hohlen sagt.

Mutter und Vater der Siebenjährigen haben gegen den Bezirk Schwaben geklagt – sie wollen, dass er einen Gebärdensprachdolmetscher für ihre Tochter bezahlt. Das Mädchen besucht eine herkömmliche Grundschule in Neu-Ulm. Zuletzt wurde Melissa schon von einem Dolmetscher unterstützt. Wer diesen jedoch langfristig zahlt, ist unklar. „Unsere Tochter hat ein Recht auf gleichwertige Bildung“, hatte sich Melissas Vater Turan Sentürk vor dem heutigen Verfahren geäußert.

Genervt von den ständigen Begutachtungen

Vor Gericht erscheint die Erstklässlerin nicht. Ihre Eltern wollen sie vor dem Medienrummel schützen, informiert eine Gerichtssprecherin. Der Streit ums Geld (die Kosten für den Gebärdensprachdolmetscher werden mit monatlich rund 7.500 Euro angegeben) dauert bereits Monate an. Die Schülerin sei inzwischen sehr genervt von den ständigen Begutachtungen, erzählt Psychologe Oliver Rien.

Doch es wird weitere geben. Anfang 2013 soll Rien noch einmal feststellen, ob es für Melissa am besten ist, auf eine normale Schule zu gehen. Darauf einigten sich ihre Eltern und der Bezirk in dem heutigen Vergleich. Melissas Mutter sagt in Gebärdensprache mehrmals: „Melissa ist noch so klein und dass sie auf solche Barrieren stößt, ist so schade.“

Eine Vertreterin des Bezirks behauptet: „Es ist nicht so, dass der Bezirk nicht zahlen will.“ Einen Antrag der Eltern auf einen Gebärdensprachdolmetscher hatten die Behörden aber abgelehnt, weil Melissa in einem Förderzentrum besser aufgehoben sei. Die Siebenjährige will aber weiter ihre Neu-Ulmer Grundschule besuchen. Der Bezirk sei wohl anfangs auch etwas überfordert gewesen, versucht Richterin Hohlen zu vermitteln. „Es hat so was ja noch nie gegeben.“

Inklusion – am Anfang eines langen Prozesses

Beim Thema Inklusion steht Bayern noch am Anfang eines langen Prozesses – das sagt auch der Sprecher des Kultusministeriums, Ludwig Unger. „Hier ist noch Lernbedarf auf beiden Seiten – sowohl bei den Bezirken als auch beim Kultusministerium.“

Vor einem Jahr hatte der Freistaat das Inklusionsgesetz beschlossen, das behinderten Schülern den Zugang zu herkömmlichen Schulen ermöglichen soll. Was in der Theorie gut klingt, ist in der Praxis zuweilen noch problematisch, wie der Fall Melissa zeigt.

Ihr Gebärdensprachdolmetscher wird nun bis März 2013 erst einmal über ein Modellprojekt des Kultusministeriums finanziert. Dem nun geschlossenen Vergleich muss der Freistaat allerdings noch zustimmen, denn er sieht vor, dass Bayern die Kosten bis März 2013 auch endgültig übernehmen müsste. Ob anschließend der Bezirk einspringt, wird sich Anfang 2013 nach dem weiteren Gutachten zeigen. In Bayern sind für die Eingliederungshilfe die Bezirke zuständig – in diesem Fall in Form eines Gebärdensprachdolmetschers. Alles hängt also von dem erneuten Gutachten nächstes Jahr ab: Wird darin der weitere Besuch einer Regelschule empfohlen, will der Bezirk ab April 2013 die Kosten für einen Gebärdensprachdolmetscher für die gesamte Grundschulzeit übernehmen. Bis dahin soll der Freistaat zahlen.

Von dieser Entscheidung ist auch die gleichaltrige und ebenfalls gehörlose Vanessa aus Mering (Kreis Aichach-Friedberg) betroffen, die ebenfalls auf eine Regelschule geht.

Melissa wäre in einem Förderzentrum unterfordert

Probleme auf ihrer Schule scheint Melissa nicht zu haben. „Es sind wohl alle ein wenig überrascht, dass es so gut läuft“, sagt Richterin Hohlen. In Melissas Zwischenzeugnis stehe, dass sie am Unterricht aktiv teilnehme und ihre Leistungen überdurchschnittlich seien. Gutachter Rien zufolge wäre die Schülerin in einem Förderzentrum unterfordert – an einer normalen Schule kann sie danach besser einen Abschluss erreichen, der ihrem Niveau entspricht. Ihre ebenfalls gehörlosen Eltern hätten Melissa schon früh an Bücher herangeführt, weshalb sie in der Schule Vorteile habe.

Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge hat Bayern bei der Inklusion noch Nachholbedarf. Danach besuchte im Schuljahr 2010/11 gut ein Fünftel aller bayerischen Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule. Das war etwas weniger als im deutschlandweiten Durchschnitt mit 22,3 Prozent. Von den Spitzenreitern war Bayern aber sehr weit entfernt: In Schleswig-Holstein gingen im selben Zeitraum 49,9 Prozent aller behinderten Schüler auf eine reguläre Schule.

Lesen Sie dazu auch: Die Richterin denkt rein defizitorientiert – ein Kommentar von Karin Kestner

Die Gebärdensprache

448px-Aristotle_Altemps_Inv8575Der griechische Philosoph Aristoteles (Foto: Büste) fällte ein hartes Urteil über Menschen ohne Gehör: „Wer des Gehörs entbehrt, ist bildungsunfähig“, behauptete er im 4. Jahrhundert vor Christus. Zwar gibt es nur wenige Zeugnisse von der Gebärdensprache aus früheren Jahrhunderten. Klar ist jedoch: Seit es Gehörlose gibt, existiert auch eine Gebärdensprache, die auf visueller Wahrnehmung beruht.

Doch erst der US-amerikanische Linguist William Stokoe beschrieb 1960 zum ersten Mal die sprachliche Struktur von Gebärden und zeigte, dass die Gebärdensprache eine vollwertige Sprache ist. Bis dahin galt sie als primitiv. 1987 eröffnete die Universität Hamburg das Zentrum für deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser. Rund 80.000 Menschen in Deutschland sind gehörlos, seit Mai 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS) gesetzlich anerkannt.

Sie verfügt über ein umfangreiches Lexikon und eine komplexe Grammatik und kann prinzipiell dasselbe leisten wie jede Lautsprache. Klar strukturierte Handzeichen spielen ebenso eine Rolle wie Mimik, Körperhaltung und tonlos gesprochene Wörter. Gebärden werden zu Sätzen verknüpft, die eine andere Reihenfolge und einen anderen Aufbau haben als bedeutungsgleiche Sätze in der Lautsprache.


Julia Probst ärgert sich über falschen Begriff

Angesichts der aktuellen Berichterstattung in den Medien über Melissa ärgert sich die gehörlose Julia Probst einmal mehr, dass die Journalisten den Begriff „Gebärdendolmetscher“ statt „Gebärdensprachdolmetscher“ verwenden. Auf ihrem Blog gibt sie „eine kleine Aufklärungsstunde“:

„Nochmal in aller Kürze: Der Beruf eines Dolmetschers heißt Gebärdensprachdolmetscher, damit allen klar ist, dass der Dolmetscher aus der Lautsprache in die Gebärdensprache übersetzt und umgekehrt!

Dieses Bild hilft euch hoffentlich noch besser, warum Gebärdendolmetscher ein unsinniger Begriff ist: Man sagt oft: ‚Er/Es/Sie hat sich wie verrückt gebärdet.‘ Diese Erwähnung von Gebärde in diesem Satz hat aber nullkommanull was mit der Gebärdensprache zu tun. Und klar ist auch, dass jeder Mensch irgendwann mal Gebärden benützt, also solche Handbewegung ausführt, die aber NICHTS mit der Gebärdensprache zu tun haben.“

Allerdings ist „Gebärdendolmetscher“ nicht, wie Probst glaubt, eine vor allem „Bild“-typische-Spezialität – auch die beiden großen Nachrichtenagenturen dpa und dapd schreiben konsequent das Wort „Gebärdendolmetscher“, das so von den meisten Redaktionen unbesehen übernommen wird.

(dpa/RP)

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