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Noch ein Kinofilm: Auch Mark O’Brien wollte Sex

Der Journalist und Poet war 40 Jahre lang auf die Eiserne Lunge angewiesen. Jetzt wurde sein Leben mit Starbesetzung verfilmt: “The Sessions”. ROLLINGPLANET stellt einen großen Kämpfer vor.

William H. Macy als Priester und John Hawkes als Mark O’Brien

An Filmen über behinderte Menschen mangelt es derzeit nicht. „Ziemlich beste Freunde“ – das sind der Tetraplegiker Philippe (Pozzo di Borgo) und sein unkonventioneller Pfleger Abdel Sellou (auf der Leinwand: Driss) – brauchen wir nicht mehr ausführlich erwähnen. Aber zur Erinnerung: Die beiden Regisseure Olivier Nakache und Eric Toledano waren auf den Stoff aufmerksam geworden, als sie eine Dokumentation über das ungewöhnliche Paar gesehen hatten.

„Hasta La Vista – Pflücke das Leben“ startete Anfang des Monats in unseren Kinos, ist indes trotz Vorschusslorbeeren und eines an und für sich knackigen Themas (drei behinderte Männer wollen Sex und machen sich auf den Weg zu einem Freudenhaus) nicht annähernd so erfolgreich und berührend wie „Ziemlich beste Freunde“.

Wie bei dem französischen Kassenschlager gibt es jedoch ebenso bei „Hasta la Vista“ eine reale Geschichte: die des Rollstuhlfahrers Asta Philpot aus Großbritannien, der keine andere Lösung sah, als in ein Bordell zu rollen, um Sex zu bekommen. Auch hier lieferte eine TV-Reportage (von BBC) den Anstoß zur Kino-Verfilmung.

Und nun eine männliche Jungfrau

Demnächst erwartet uns der dritte „Behindertenfilm“ in kurzer Zeit, der auf einer wahren Begebenheit beruht und dessen Hauptfigur ebenfalls schon einmal Mittelpunkt einer Dokumentation war: „The Sessions“ (Regie: Ben Lewin) erzählt die Nöte einer männlichen Jungfrau. Zutaten: Der schwerbehinderte Mark O’Brien, Sex und Religion.

ROLLINGPLANET-Prognose: „The Sessions“ (deutscher Titel noch nicht bekannt) wird nicht ganz so erfolgreich wie „Ziemlich beste Freunde“, aber im Gegensatz zu „Hasta La Vista“ ein „Haben Sie den schon gesehen?“-Gesprächsstoff für die Mittagspause. Allerdings wird es bis dahin noch etwas dauern: Voraussichtlich erst ab 3. Januar 2013 wird er in unseren Lichtspielhäusern zu konsumieren sein.

Das selbstbestimmte Leben des Marc O’Brien

Mark O’Brien (1949-1999) in seiner Eisernen Lunge. Foto: TrueLives

Mark O’Brien wurde in Boston (USA) an der Ostküste geboren, wuchs aber in der völlig entgegen gesetzten Richtung, in der kalifornischen Hauptstadt Sacramento an der Westküste, auf. Als Junge erkrankte er an Polio und war vom Nacken abwärts gelähmt. Seit seinem neunten Lebensjahr war er auf eine Eiserne Lunge angewiesen

Damit bezeichnet man das erste klinische Gerät, das eine maschinelle Beatmung eines Menschen ermöglichte. Um 1920 entwickelte der US-amerikanische Ingenieur Philip Drinker sie zur Beatmung lungenkranker Patienten.

Dabei liegt der Körper des Patienten bis zum Hals komplett im Inneren eines Hohlzylinders. Der Kopf bleibt außen. Das Gerät schließt am Hals luftdicht ab und erzeugt einen Unterdruck. Dadurch drückt der Umgebungsdruck Außenluft durch den Mund des Patienten in die Lungen. Entsprechend geschieht die Ausatmung durch den Aufbau eines Überdruckes in der Kammer. 40 Jahre lang hing Mark O’Briens Leben an dieser Maschine. Kein besonders angenehmer Mitbewohner, und schon gar nicht, wenn man mit einer Frau ins Bett möchte.

Karriere als Journalist, Dichter und Verleger

Trotz seiner schweren Behinderung studierte O’Brien ab 1978 an der University of California in Berkeley, wo er sich mit Hilfe einer fahrbaren Krankentrage fortbewegte – um nach den Vorlesungen in seine, wie die „New York Times“ schrieb, „winzige“ Wohnung zu eilen, wo die Eiserne Lunge bereits auf ihn wartete. O’Brien galt damals als Vorbild für viele behinderte Menschen in den USA, so die „New York Times“. 1982 machte er seinen Bachelor in englischer Literatur. Seine beiden großen Hobbys waren Baseball und Shakespeare.

Mark O’Brien, der einen Bruder und eine Schwester hatte, wird als überzeugter Katholik beschrieben, der aus seinem Glauben schöpfte und niemals aufgab. Während seines Studiums hatte er ein vielbeachtetes Essay zum Thema „Selbstbestimmtes Leben“ veröffentlicht. Sandy Close, leitende Redakteurin von Pacific News Service, einer Non-Profit-Medienorganisation, las diesen Beitrag und war begeistert – sie stellte den Autor als Korrespondenten ein.

Zunächst diktierte O’Brien seine Texte, später bediente er mit einem mundgesteuerten Stock seine IBM-Schreibmaschine. Eine eigene IBM-Schreibmaschine? Das war cool – die Jüngeren unter den ROLLINGPLANET-Lesern, die mit Computern aufgewachsen sind, werden den Stolz über den Besitz eines solchen Kugelkopfwunders gar nicht mehr kennen. O’Brien machte sich einen Namen als Journalist und Schriftsteller (seine Gedichte sind bislang noch nicht auf Deutsch erschienen). Später gründete er sogar einen Verlag.

O’Brien war 36 Jahre alt, als er seine Unschuld verlor und eine Überraschung erlebte – jene, dass man sich nicht vor seinem Körper ekeln muss:

„Nachdem sie von der Matratze aufgestanden war, nahm sie einen großen Spiegel aus ihrer Einkaufstasche. Er war ungefähr 60 Zentimeter hoch und hatte einen Holzrahmen. Sie hielt ihn so, dass ich mich darin betrachten konnte, und Cheryl fragte mich, was ich über den Mann im Spiegel dächte. Ich sagte, ich sei überrascht, ich schaue so normal aus, das war nicht ich, den ich mir immer mit dem furchtbar verdrehten und ausgemergelten Körper vorgestellt hatte. Ich hatte meine Genitalien nicht gesehen, seit ich sechs Jahre alt war, als mich die Kinderlähmung getroffen hatte. Sie hatte mich derart verschrumpelt, während die Brust hervorstand, dass eine Sicht auf meinen Unterkörper nicht mehr möglich war. Seither erschien mir dieser Teil ganz und gar unreal.“

Der Kurzfilm über O’Brien gewann einen Oscar

Drei Jahre vor seinem Tod, 1996, drehte Jessica Yu die 35-minütige Dokumentation „Breathing Lessons: The Life and Work of Mark O’Brien“. Sie wurde unter anderem ein Jahr später in der Kategorie „Bester Dokumentar-Kurzfilm“ mit dem Oscar ausgezeichnet.

Die Doku verknüpft die intensive Bildsprache in O’Briens Dichtung mit seinen offenen, schmerzlichen und tiefgehenden Überlegungen zu Freiheit, Sexualität, Tod und Gott. Sie münden in der Frage: „Was eigentlich macht das Leben lebenswert?“ Die Antworten darauf, die O’Brien gibt, sind, was im Grunde nicht verwundern mag, leidenschaftlich, widersprüchlich, mal sentimental, mal wütend, meistens aber zuversichtlich.

Regisseurin Jessica Yu erinnert sich: „Als ich diesen Film machte, sagten viele Leute: ‘Ein Schriftsteller in der Eisernen Lunge – ist das nicht deprimierend?’ Die Wahrheit ist: Mark O’Brien lebt in deprimierenden Umständen, aber er ist nicht deprimierend. Auf diese zwei Seiten möchte der Film hinaus: einerseits die Realität von Behinderung zu zeigen, und andererseits das Menschsein dahinter zu sehen.“

Mark O’Brien starb am 4. Juli 1999 in seinem Haus in Berkeley, Kalifornien, an den Folgen einer Bronchitis („Post-Polio-Syndrom“). Er wurde 49 Jahre alt.

Und was macht der Film daraus?

Wir müssen männliche ROLLINGPLANET-User enttäuschen: Leider sehen im wirklichen Leben nicht alle Sex-Therapeutinnen so gut aus wie Helen Hunt.

Was wird das Drama „The Sessions“ aus diesem eindrucksvollen Leben machen? Eine Schnulze, eine Gefühlsorgie?

Wir wissen es nicht, wir kennen nur den englischsprachigen Trailer – der uns allerdings neugierig macht und uns hoffen lässt, dass man – ähnlich wie bei „Ziemlich beste Freunde“ – zwischendurch herzhaft lachen kann.

Hauptdarsteller John Hawkes (“Winter’s Bone”, “From Dusk Till Dawn”) als Mark O’Brien scheint, wie wir aufgrund der wenigen Bewegtbilder (siehe unten) vermuten, schon mal ein echter Volltreffer zu sein. Tatsächlich wird er wird für seine Rolle als gelähmter Lebenskämpfer für den Oscar gehandelt.

Und mit Helen Hunt, die den Oscar schon hat (“Besser geht’s nicht”), als weibliche Hauptfigur kann eigentlich ohnehin nicht viel schief gehen. Außerdem hat sie (schauspielerische) Erfahrung mit Behinderten – ihre Karriere begann immerhin mit “Waterdance” (1992), bei dem es um drei Querschnittgelähmte geht.

„The Sessions“ feierte im Januar Premiere beim diesjährigen Sundance Film Festival, wo er allerdings noch unter dem Titel „The Surrogate“ lief. Das von Robert Redford vor 28 Jahren gegründete Sundance Film Festival findet jährlich in Park City und Salt Lake City, Utah, statt, gehört zu den größten seiner Art und gilt als weltweit wichtigste Plattform für unabhängige amerikanische und internationale Produktionen.

Sessions mit einer Sex-Therapeutin

Helen Hunt als Sex-Therapeutin und John Hawkes als Mark O’Brien.

„The Sessions“ konzentriert sich offensichtlich darauf, dass der Mann mit der Eisernen Lunge lange Zeit auf sexuelle Erlebnisse verzichten musste, während sein Bedürfnis nach körperlicher Nähe immer größer wurde. Schließlich sucht er den Beistand und Rat eines unkonventionellen Priesters. Wir waren zunächst verwirrt und fragten uns: Was macht denn hier plötzlich der Jürgen Drews? Aber es ist nicht Drews (ein Bett im Kornfeld ist einem Gelähmten schließlich auch nicht zuzumuten), sondern der ihm irgendwie sehr ähnlich aussehende William H. Macy, der den Kirchenmann spielt und O’Brien das Okay gibt, sich körperliche Zuneigung zu besorgen.

O’Brien will mit Hilfe einer Sex-Therapeutin (Helen Hunt) endlich seine Unschuld verlieren. Als Ersatz-Sexpartnerin soll sie ihm neue intime Erfahrungen ermöglichen, aber bald scheinen die beiden echte Gefühle füreinander zu entwickeln…

„Noch lässt sich nicht abschätzen,“ schreibt der Moviepilot, „ob ,The Sessions’ eine gelungene Mischung aus subtilem Humor und gut balanciertem Gefühl bietet – oder im Kitsch versinkt und es auf einen hohen Taschentuchverbrauch anlegt. In jedem Fall scheint das Drama aber sehr sensibel mit der schwierigen Thematik umzugehen.“

(RP)

Trailer

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2 Kommentare

  1. Christoph Albrecht26. Juli 2012 at 11:48Antworten

    Sehr interessant! Rolling Planet ist übrigens wirklich eine tolle Seite, für mich inzwischen nicht nicht nur eine Pflichtlektüre, sondern eine, die immer wieder viel Spaß macht und immer wieder überrascht.

  2. werner müller4. Juni 2013 at 18:08Antworten

    eure seite finde ich weltklasse. ich bin selbst schwerbehindert und komme hier endlich auf
    ganz neue ideen und fühle mich nicht mehr
    alleine. eure berichterstattung ist gegantisch
    soetwas hat es bisher nicht gegeben. danke.

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