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documenta 13: Sogar Brad Pitt war schon da, aber der ist ja auch nicht behindert

Veröffentlicht am von in Hessen, Kassel, Kultur 0 Kommentare
Die Weltkunstausstellung feiert einen Besucherrekord. In seiner Halbzeit-Bilanz weist der Geschäftsführer Kritik wegen mangelnder Barrierefreiheit zurück. Ein bisschen Kultur und Gossip gibt es in unserem Bericht auch.

Ziemlich cooler Auftritt: US-Superstar Brad Pitt besuchte mit seinen Sicherheitskräften die documenta 13

Halbzeit bei der documenta – „und von Kritik und Skandalen kaum eine Spur“, heißt es in Medienberichten. Woran man sieht, dass die Spur nicht so oft zu behinderten Menschen führt – denn als Skandälchen lässt es sich schon bezeichnen, dass eine Weltkunstausstellung dieser Größe und Bedeutung im Vorfeld offensichtlich nicht ausreichend an Barrierefreiheit gedacht hat. „Wir müssen draußen bleiben“, beklagten vor einem Monat der Behindertenbeirat der Stadt Kassel und der Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab).

“Nicht nur, dass Standorte gewählt wurden, die ohnehin nur mit hohen Kosten barrierefrei zu gestalten wären, wie der Weinberg oder der Bunker, sondern es wurden zusätzlich Holzhütten in der Karlsaue neu erbaut, die nur über Stufen zu erreichen sind. Zudem ist der neu aufgeschüttete und zum Teil nicht festgewalzte Schotter für Rollstuhlfahrende kaum nutzbar. Führungen in Gebärdensprache oder für Schwerhörige mit Induktionsschleifen, sowie besondere Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen, bei denen Kunstwerke angefasst oder besonders ausführlich beschrieben werden gibt es nicht. Solche Führungen gehörten schon vor fünf Jahren zum Angebot der Documenta 12″, kritisierte laut Kobinet Birgit Riester vom Vorstand des Vereins zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab).

Riester: “Wir waren verwundert und empört, dass die documenta 13 plötzlich wieder hinter diesem Standard erheblich zurückbleibt und fühlen uns diskriminiert und von der documenta-Leitung mit unseren Bedürfnissen nicht wahrgenommen”.

Der Behindertenbeirat der Stadt Kassel habe sich schon frühzeitig an die Geschäftsführung der documenta gewandt, zitiert Kobinet den Beiratsvorsitzenden Helmut Ernst. Der Beirat sei vor der Eröffnung nur vertröstet worden.

documenta-Geschäftsführer hat nachgebessert

Alles halb so wild, beteuerte nun documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld bei seiner Halbzeitbilanz. Die vom Kasseler Behindertenbeirat kritisierte mangelnde Barrierefreiheit wies er gegenüber der Nachrichtenagentur dpa zurück. Mittlerweile habe die documenta auch Behinderten-Führungen ins Programm aufgenommen, zudem dürfen Blinde bestimmte Kunstwerke mit Handschuhen berühren – das ist sonst streng verboten. „Wenn nun Führungen möglich sind, haben wir schon viel gewonnen“, reagierte der Beiratsvorsitzende Helmut Ernst.

Auch ohne möglicherweise abgeschreckte behinderte Kunstliebhaber steuert die weltweit wichtigste Schau der zeitgenössischen Kunst auf einen Besucherrekord zu. Bis heute Abend, zur Hälfte der Schau nach genau 50 Tagen, rechnen die Macher mit rund 378.000 Besuchern, wie die documenta gestern mitteilte. Bei der zwölften Ausgabe im Jahr 2007 waren es zur Halbzeit 330.000 und am Ende rund 750.000 Besucher.

Leifeld ist hochzufrieden: “Diese Ausstellung ist präzise, nicht beliebig. Jedes Kunstwerk spricht für sich.“ Auch diese documenta habe Maßstäbe festgelegt, „an denen sich andere abarbeiten“.

Durchweg positives Echo: „Unbedingt hinfahren!“

Viel Lob gibt es für die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev (Foto: Eduardo Knapp/Folhapress, ILUSTRADA)

„Besonders glücklich macht mich, dass viele Besucher mehrmals wiederkommen, sich bei sich uns zu Hause fühlen in einer Ausstellung, die sowohl sinnliche, perzeptuelle Erfahrungen bietet, als auch eine intellektuelle Herausforderung darstellt“, sagt die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev. Bereits jetzt wurden mehr als 10.000 Dauerkarten verkauft, viel mehr als während der gesamten 12. Ausgabe. Damals waren es 5.901 Dauerkarten.

Das Medienecho fiel schon zu Beginn der Schau durchweg positiv aus. „Unbedingt hinfahren!“, sagte Kasper König, Direktor des Kölner Museums Ludwig und einer der einflussreichsten deutschen Ausstellungsmacher. „Eine Weltkunst-Schau, die sich lohnt“, schrieb das „Hamburger Abendblatt“. „Die Welt“ urteilte über Christov-Bakargiev: „Auf hoch respektable Weise setzt sie die Geschichte des stolzen Ausstellungsformats fort.“

Und Skandale, wie sie bei vorherigen Ausstellungen immer wieder vorkamen? Abgesehen von den Vor-documenta-Überlegungen Christov-Bakargievs zu einem Wahlrecht für Erdbeeren und Hunde und einem kurzen Aufreger über eine nicht zur documenta gehörende Skulptur auf einem Kirchturm – nichts. Und es scheint, als kommt auch nichts mehr. „Wir haben keinen Skandal geplant“, sagt Leifeld lachend.

Vielleicht geben ja die Finanzen etwas her: Durch das Konzept der vielen Orte – allein in der Karlsaue stehen die rund zwei Dutzend vom Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter kritisierten Holzhäuser – ist die Ausstellung deutlich teurer als ihre Vorgänger. Sie freue sich, dass viele Besucher „die vielen Standorte spazierend erkunden“, sagt Christov-Bakargiev. Viele Ausstellungsorte bedeuten aber auch viel Personal bei der Kartenkontrolle, bei der Nachtbewachung oder den Mieten. Die Mehrausgaben würden durch Mehreinnahmen zum Beispiel durch bei Sponsorengeldern aufgefangen, betonte Leifeld, ohne Zahlen zu nennen. Das Fünfjahres-Budget war bei 24,6 Millionen Euro angesetzt.

Brad Pitt und das Massenpublikum interessieren sich

Eingangshäuschen zur documenta

Auch wenn dieses Foto anderes vermuten lässt: Der Besucherandrang bei der documenta (13) ist so groß wie noch nie. (Foto: Nils Klinger)

Laut Leifeld wird die Schau zunehmend von einem Massenpublikum wahrgenommen. Der Besuch von Hollywood-Star Brad Pitt sei Thema in der „Bunten“, auch in der „Vogue“ werde berichtet. „Möglicherweise ändert sich das Publikum.“ Oft sind junge Leute und Familien mit Kindern zu sehen. „Das wandelt sich, ist mein Eindruck.“

US-Superstar Brad Pitt war am Donnerstag, 14. Juni, in die Neue Galerie gekommen. Wie immer in Begleitung seiner Sicherheitskräfte – aber die waren offensichtlich weniger verhaltsauffällig als die von Johnny Depp (ROLLINGPLANET berichtete: Haben Johnny Depps Bodyguards einer behinderten Frau sogar die Hose herunter gerissen?)

Unbestritten zu den Höhepunkten der Ausstellung zählt das Werk des Frankfurter Künstlers Thomas Bayrle: Bundespräsident Joachim Gauck war genauso beeindruckt wie Filmstar Pitt. Bayrle hat ein acht Meter hohes und über 13 Meter breites Schwarz-Weiß-Bild eines Flugzeugs entworfen, das aus unzähligen kleinen Flugzeug-Bildern zusammengesetzt ist. Sieben auf Podeste montierte Automotoren „beten“ Bayrle zufolge und kommentieren so den Traum vom Fliegen.

Kunst ist „Life“

Für einen besonderen Moment sorgt auch die schottische Künstlerin Susan Philipsz am Kulturbahnhof. Dort erklingt eine 1943 vom jüdischen Komponisten Pavel Haas im Konzentrationslager Theresienstadt geschriebene Melodie. Ein Jahr später kam er in Auschwitz ums Leben. Die sieben Lautsprecher sind an jenen Kasseler Bahngleisen installiert, von denen 1941 und 1942 Juden nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert wurden.

„Wie die Künstlerin mit so einfachen Mitteln eine Wirkung erzielt, ist beeindruckend“, sagt documenta-Besucherin Jutta Bohnen aus Kassel. „Dort zu stehen, wo einst Juden deportiert wurden, macht einen sprachlos.“ Auch Leifeld betonte, die Arbeit habe eine große Emotionalität.

Als Publikumsliebling entpuppt sich die Installation „Leaves of Grass“ von Geoffrey Farmer. Der Kanadier hat Hunderte Fotos aus 50 Jahrgängen des amerikanischen „Life“-Magazins auf feste Grashalme geklebt und so eine bestimmt 20 Meter lange Collage gebastelt. Zu sehen sind Tiere, Autos und Menschen, Albert Einstein, die Beatles, der junge John Travolta und die Hochzeit von Lady Diana und Prinz Charles, aber auch Werbung, Panzer und Fotokameras.

Die documenta (13) hat ihre Tore seit dem 9. Juni geöffnet, sie schließt am 16. September. Die Weltkunstschau findet nur alle fünf Jahre in Kassel statt.

(Timo Lindemann/dpa/RP)

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