Rollingplanet | Portal für Behinderte und Senioren

Banner-Schottland-fuer-alle

News & Berichte

„Fehlurteil“: Die Olympia-Premiere von Pistorius erregt weiter die Gemüter

Oscar Pistorius fragt sich, warum immer alle Leute von Anastassia und seinen Vorteilen, nicht aber von seinen Nachteilen sprechen.

Nichts entgeht der Weltöffentlichkeit: Oscar Pistorius trinkt einen Schluck Wasser während seiner heutigen Pressekonferenz in London. (Foto: dpa)

Nur einmal kam Oscar Pistorius heute auf dem großen Podium vor hunderten Journalisten verbal ins Straucheln. „Ich weiß gar nicht, wer das erfunden hat. Wir sind einfach gut befreundet und waren in New York ein paar Mal essen, mehr nicht“, sagte der “Blade Runner”, als eine russische Reporterin wissen wollte, ob er mit dem Topmodel Anastassia Khozisova liiert sei (da hatte das Klatschmagazin ROLLINGPLANET schon längst durchs Schlüsselloch geschaut: Das ist sie: Anastassia Khozzissova).

Ansonsten inszenierte sich der Südafrikaner, der als erster beidseitig unterschenkelamputierter Sprinter bei den Olympischen Spielen startet, gewohnt routiniert und konterte alle Gerüchte um die angeblichen Vorteile seiner Karbon-Prothesen.

„Ich verwende die Prothesen seit 1996. 97 Prozent aller behinderten Athleten nutzen die gleichen. Ich habe einfach ein außergewöhnliches Talent und keinen technischen Vorteil“, sagte Pistorius. „Sonst würden doch die anderen Behinderten auch so schnell rennen wie ich.“

Pistorius reagierte aber verständnisvoll auf Kritik, die der zweimalige Olympiasieger Michael Johnson (USA) am Auftritt des Prothesenläufers auf dem olympischen Parkett geäußert hatte. „Ich schätze Michael sehr. Ich glaube, er meinte die Zukunft, denn es könnten natürlich Prothesen entwickelt werden, die Vorteile bringen”, räumte er ein.

Ein Urteil – aber kein Ende der Kontroverse

In seinem Fall aber treffe das nicht zu. Seit seinem Sieg vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS), der 2008 entschieden hatte, dass Pistorius kein technisches Plus gegenüber nichtbehinderten Läufern habe, sei er ohnehin verpflichtet, den seit den 90ern zugelassen Prothesentyp zu verwenden. Und überhaupt: “Warum reden immer alle Leute von meinen Vorteilen und nicht von meinen Nachteilen?”

Er sei zwar wegen der amputierten Unterschenkel leichter, es fließe aber weniger Blut zur Förderung des Sauerstoffs durch seinen Körper. „Ich trainiere härter als 95 Prozent meiner Konkurrenten“, sagte Pistorius, der für die London-Spiele sein Körpergewicht um 13 Kilogramm reduzierte. „Ich glaube an Fairness. Man hat mich getestet, es gibt einfach keinen Vorteil.“

Der Südafrikaner hatte vor vier Jahren gegen das Startverbot durch den Leichtathletik-Weltverband IAAF bei seinen Titelkämpfen und den Olympischen Spielen vor dem CAS mit Erfolg geklagt. Die IAAF wollte ihm die Teilnahme an ihren Wettkämpfen in der Annahme verweigern, dass Prothesen einen Vorteil verschaffen würden. „Seit 1996 haben wir die gleichen Prothesen und bisher ist damit keiner unter 50 Sekunden gelaufen“, argumentierte Pistorius heute auf der Pressekonferenz in London.

Die Deutschen meckern

Der Einspruch kommt von höchster Stelle. Helmut Digel, Councilmitglied im IAAF, hält einen Start von Pistorius in London für problematisch. „Oscar Pistorius ist ein hervorragender Athlet, und das Gericht hat zu seinen Gunsten entschieden. Ich halte den CAS-Spruch jedoch für ein Fehlurteil auf Grundlage falscher Argumente. Im Moment haben wir noch die gleichen Bedingungen, aber das kann schnell vergänglich sein“, sagte der Tübinger Sportsoziologe ebenfalls heute der Nachrichtenagentur dpa.

„Man braucht keine biomechanische, sondern eine sportethische Expertise“, meinte Digel. Behinderte hätten bei den Paralympics ihre Regeln und Nichtbehinderte bei ihren Spielen. „Ich darf auch nicht bei den Behinderten antreten“, meinte er (ROLLINGPLANET empfiehlt: Einfach beide Beine abhacken). Außerdem habe die IAAF nach dem Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS) ihre Regeln nicht geändert.

Kritisch sieht auch der deutsche Leichtathletik-Präsident die Olympia-Zulassung von Pistorius. „Sportlich kann man ihn nur bewundern, aber sein Start ist mit der Grundphilosophie der Leichtathletik nicht vereinbar“, behauptete Clemens Prokop. „Leichtathletik ist die Summe von Talent und Training.“ Durch die Prothesen käme die Komponente der technischen Vergleichbarkeit hinzu: „Dies ist problematisch.“

Bei der Weltmeisterschaft 2011 in Daegu/Südkorea war Pistorius bis ins Einzel-Halbfinale gekommen und hatte mit der südafrikanischen Staffel Silber gewonnen. „Ich will bei Olympia auch ins Halbfinale laufen, das ist realistisch“, sagte der Langsprinter, dessen Bestzeit über 400 Meter bei 45,07 Sekunden steht. Bei den Paralympics in London, an denen er nach den Sommerspielen ebenfalls teilnehmen will, ist er damit nicht zu schlagen.

Seine beste Zeit soll aber erst noch kommen – 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. „Sprinter haben ihren Leistungshöhepunkt zwischen 27 und 29 Jahren – und ich werde in Rio 29 sein“, betonte Pistorius, den das „Time“-Magazin einst auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen auf der Welt setzte.

Jetzt erst mal viel schlafen und wenig essen

Oscar Pistorius verabschiedet sich, nachdem die Pressekonferenz zu Ende ist (Foto: dpa)

Der Läufer, dem im Alter von elf Monaten beide Unterschenkel amputiert wurden, erzählt: “Wenn mein Bruder Carl und ich in die Schule gegangen sind, haben meine Eltern immer gesagt: Carl, zieh deine Schuhe an. Oscar, zieh deine Prothesen an. Wir waren ganz normale Jungs. Gleichberechtigt”, erzählte er. Genauso gleichberechtigt, wie er sich in Südafrikas Läuferteam fühlt. “Ich trainiere mit den Jungs seit sieben Jahren zusammen. Da gibt es keine Vorbehalte oder Extra-Behandlung. Die Jungs frozzeln höchstens mal: Hey Oscar, was hast du heute wieder für coole Schuhe an.”

Weil er die Olympia-Norm des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF (45,30 Sekunden) im März unterbot (45,20) und den vom nationalen Verband geforderten zweiten Leistungsnachweis als Vize-Afrikameister Ende Juni in Benin (45,52) erbrachte, ist der viermalige Paralympics-Sieger „nun ein richtiger Olympionike. Schon allein der ganze Trubel im Olympischen Dorf. Unfassbar“, erzählte er.

Bis zu seinem ersten Start am Samstag im 400-Meter-Vorlauf ((4.8.2012, ab 11.35 Uhr) will der ab und an mit Gewichtsproblemen kämpfende 25-Jährige „viel schlafen und möglichst wenig essen“. Dann könnte es wie im Vorjahr bei der WM in Daegu (Südafrika gewann Silber, Pistorius wurde nur im Vorlauf eingesetzt) mit der erhofften Medaille klappen. “Ich glaube, in der Staffel über 4 x 400 Meter haben wir eine gute Chance, das Podium zu erreichen.”

Gestern war bekannt geworden, dass Pistorius in der 4×400-Meter-Staffel (9./10.8.2012) an jeder Position laufen darf. Im Gegensatz zu anderen Wettbewerben haben die Olympia-Entscheider keine Befürchtung, dass der Südafriker mit seinen Prothesen andere Läufer verletzen könnte, wenn er nicht als Erster startet (ROLLINGPLANET berichtete).

(Peter Stracke/Andreas Schirmer/dapd/dpa)


Alle Nachrichten zu Oscar Pistorius


Print Friendly

Stichworte

Diesen Artikel mit anderen teilen

Über Rollingplanet

Wir sind seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, und in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, seit Januar 2012 online, ist Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein inklusives, von Menschen mit und ohne Behinderung ehrenamtlich irealisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Wenn Sie noch mehr ROLLINGPLANET wollen, empfehlen wir Ihnen unseren Newsletter (hier kostenlos registrieren) mit zusätzlichen Gewinnspielen und anderen Extras.

Was ist Ihre Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

ny7

Das sind wir

ROLLINGPLANET ist Deutschlands führendes Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung, Senioren und Freunde. Tagesaktuell, unabhängig, kritisch. Und geil aufs Leben.

ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, ehrenamtlich realisiert von Menschen mit und ohne Behinderung. Seit 1. Januar 2012. Weitere Infos: Über uns

Tipp

Tipp-PfeilWenn Sie sich weiter unten auf dieser Seite befinden und wieder schnell nach oben kommen wollen: Einfach auf das schwarze Kästchen mit dem Pfeil – rechts unten am Bildschirm – klicken.
  • A A A


  • Abzocke und Schläge: Blinde beklagen schlechte Hundeausbildung

    • Abzocke und Schläge: Blinde beklagen schlechte Hundeausbildung

    Wie Sie vermeiden, Blinde in Lebensgefahr zu bringen

    • Wie Sie vermeiden, Blinde in Lebensgefahr zu bringen

    Was steckt hinter dem Trend “Sick Selfies”?

    • „Sick Selfies“: Jetzt gehört nicht mal mehr Mitleid allein uns Behinderten

    Alleine auf eine Party gehen ist doof

    ziemlich-beste-begleiter-bigteaser
    Werbebanner der Firma Rehability
    Druck

    Neueste Parkplatzschweine

    • Polizei auf Behindertenparkplatz: Ist das bayerische Inklusion?
    • Falschparker/in: WI-AQ 8615
    • Falschparker/in: COE-G 614
    • Falschparker/in: BOR-ZV 583
    • Falschparker/in: BOR-XA 319
    • Falschparker/in: AH-PA 153
    • Falschparker/in: COE-KR 698
    • Falschparker/in: COE-JK 40

    Barrierefreie Hotels

    • Erstes Embrace-Hotel in der Schweiz
    • Verein „Ohne Barrieren“ eröffnet Hotel Sportforum in Rostock
    • Hotel am Kurpark (Bad Herrenalb)
    • Refugium am See (Teupitz)
    • Hotel Hanseatic Rügen & Villen (Ostseebad Göhren)
    • „So wie Du“ und nicht so wie die meisten Hotels
    • Alling: Lichtblick Hotel