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Reisen

Neuer Trend Slumtourismus: Arme Menschen anglotzen und Postkarten schreiben

Das tut nicht weh, man ist schnell wieder weg und hat echte Landeskultur erlebt – die Angebote dafür boomen.

In der Rocinha Favela von Rio de Janeiro, Lateinamerikas größtem Slum mit 120.000 Menschen, gibt es immer mehr geführte Touristentouren. Brasilien startete in den frühen 1990er-Jahren als eines der ersten Schwellenländer mit derartigen Programmen. (Foto: Flickr/Jose Fernandez)

Die Armenviertel von Kapstadt, Rio de Janeiro, Nairobi, Mumbai oder Jakarta werden für Touristen immer interessanter: Der “Slumtourismus” entwickelt sich vom Nischenphänomen zu einem touristischen Mainstreamprodukt und dürfte die jährliche Millionenmarke bald erreichen. Das berichten die Osnabrücker Sozialgeografen Andreas Pott und Malte Steinbrink. “Wie zuvor der Strand oder die Altstadt, wird nun auch der Slum zum universellen Destinationstypus. Sogar einzelne internationale Veranstalter bieten mittlerweile Touren in die Elendsviertel an”, so Steinbrink über den Trend.

Kurztrip in die Armut

Ein Beispiel bietet “Asian Trails” mit einer Halbtags-Führung durch Bankoks Klong-Toey-Slum. Versprochen werden Einblicke in den Alltag der Bewohner, der Besuch von Hilfsprojekten sowie Kontakt mit Kindern in Montessori-Vorschulen, aktive Mithilfe beim Pausenbrot-Servieren inklusive. Das Magazin “Corporaid” berichtet von einer geführten Tour durch die Rocinha Favela von Rio de Jainero. Für umgerechnet 25 Euro passiert man in zwei Stunden ehemals von Drogenbanden kontrollierte Quartiere und verwinkelte Gassen mit Müll sowie auch Souvenirläden und Kulturdarbietungen.

“Soziales Bungee-Jumping“

Die beliebtesten Reiseziele von Slumtouristen (zum Vergrößern anklicken): Rund eine Mio. Slumtouristen gibt es jährlich in den Ländern des globalen Südens, zeigen Schätzugen. Anfang nahm die Entwicklung in den 1990er-Jahren in den Townships Südafrikas und in den Favelas Brasiliens, doch mittlerweile boomen die Angebote auch in Mexiko, Namibia, Argentinien, Ägypten, Indien, Kenia, Indonesien, Jamaica und Thailand.(Copyright: Malte Steinbrink)

Gemeinhin suchen Touristen Alltagsdistanz, die etwas Schönes, Erholsames vermittelt. Nicht so bei Slumtourismus, dessen Destinationen mit Armut, Kriminalität, Dreck oder Drogen assoziiert werden. “Aufs Erste erscheint es deshalb wie eine Art ‘soziales Bungee-Jumping’, als seien Touristen hier von der Angstlust getrieben, die mögliche Höhe des sozialen Falls mit eigenen Augen, Ohren und Nasen ausloten zu wollen, ohne dabei jedoch selbst hart zu landen”, erläutert Steinbrink. Zwar dürfte der Nervenkitzel Teil der Motivation für das kurze Eintauchen in die Armut sein, als Erklärung des Phänomens reiche es jedoch noch nicht.

Slumming-Touren versprechen oft das Erlebnis von “Echtheit” und authentischer Kulturerfahrung, berichten die beiden Sozialforscher. “Erwartungen prägen die Wahrnehmung dabei allerdings genauso wie die Inszenierung durch den Touranbieter. Allzu leicht verallgemeinern Touristen und denken nach dem kurzen Erleben, sie würden nun wissen, was Armut ist”, sagt Pott. Vergleiche vor und nach Besuchen südafrikanischer Townships zeigen, dass negative Assoziationen oft in den Hintergrund treten. “Viele Touren vermitteln das Bild von ‘arm, aber glücklich’.”

Schnell mal sein Gewissen beruhigen

Genau hier sehen die Experten eine Gefahr des Armutstourismus. “Oft verklärt die Touristenbrille statt aufzuklären. Der Blick wird unpolitisch und romantisierend, wenn nicht mehr hinterfragt wird, warum Menschen im Slum leben”, beklagt Pott. Möglich, dass das kulturelle Aufladen ebenso das schlechte Gewissen beruhigen soll wie die Gesten der Hilfeleistung auf den Touren. “Viele Slumtouristen verspüren einen moralisch anrüchigen Beigeschmack. Teil des Umgangs mit diesem dürften auch die Souvenirkäufe oder gelegentlichen Spenden sein: Man will sich vielleicht weismachen, jemandem geholfen zu haben.”

Ob der Slumtourismus einen Beitrag zur Armutsreduzierung leisten kann, ist noch wenig erforscht. Sicher ist jedoch, dass statt den Bewohnern der Slums die externen Tourveranstalter finanziell profitieren, stellt Steinbrink mit Kollegen im soeben erschienenen Buch “Slum Tourism: poverty, power, ethics” fest.

Die Stadtpolitik steht dem Phänomen unterschiedlich gegenüber: Ist sie mancherorts stark abgeneigt, da so der Blick auf städtische Schandflecken fällt, wird diese Tourismusform anderswo durchaus politisch gewollt. “Aktuell fördert zum Beispiel Rio de Janeiro den Favelatourismus, um das Image der Favelas zu verbessern und es in das Samba-gesättigte und Zuckerhut-gesüßte Festivalimage der Gastgeberstadt der WM 2014 und Olympia 2016 zu integrieren”, erklärt Steinbrink.

Folgen dieser Aufwertung sind steigende Wohnungspreise in betroffenen Gebieten und die Verdrängung armer Bevölkerungsschichten in städtische Randlagen. “Touristen werden somit zu Agenten der Gentrifizierung”, sagt Pott.

Globaler Trend

Neu ist das “Slumming”-Phänomen nicht: Schon im viktorianischen London besuchten Angehörige der Oberschicht die armen Stadtviertel im East End. “Unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit ging es damals vor allem um das Erlebnis eines unmoralisch, zügellosen Anderen”, berichtet Steinbrink. Ab 1900 wurden in den USA Migrantenviertel – vor allem die China Towns und Little Italies, jedoch auch New Yorks Harlem – für Touristen als Orte eines vormodernen, ethnischen Gegensatzes zu den modernen Metropolen interessant.

“Wir haben es derzeit mit einer Globalisierung des Slumming zu tun: Heute boomt der Armutstourismus erstmals in Metropolen des globalen Südens, wobei Kapstadt, Johannesburg, Rio und Mumbai Vorreiter sind. Sobald Tourenanbieter den Eintrag in Reiseführer schaffen, geht es los im großen Stil”, schließt Pott.

(pte)

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