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Dennis Zittlau hat Recht: Die Zeit ist viel kurz

Der rappende Rollstuhlfahrer Sittin’ Bull stellt seinen neuen Song vor. Von Jean-Charles Fays

Dennis Zittlau (aus dem Video, siehe auch ganz unten)

Die Augen unter der Designer-Brille werden feucht, als Dennis Zittlau sich an sein altes Leben erinnert: Er ist Skateboarder, Leichtathlet und lässt kaum eine Party aus. Dann stürzt er acht Meter tief von dem ungesicherten Bereich einer Dachterrasse. Nach vier Wochen im Wachkoma spürt er von der Hüfte abwärts nichts mehr. Im Krankenhaus schenkt ihm eine Freundin ein Buch mit weißen Blättern im DIN-A5-Format. Erst schreibt er sich den Frust von der Seele, dann dichtet er und kombiniert die Verse mit Melodien zu einem Sprechgesang. Über den Rap findet er eine neue Identität und benennt sich fortan nach einem Indianerhäuptling: Sittin’ Bull.

Acht Jahre ist das alte Leben nun her. Noch immer sind sie Motivation für seine Lieder. Wenn er im Refrain seines aktuellen Songs “Zeit” rappt: “Bist du mal vorbei, sieht man ein, dass du so wichtig bist”, denkt er an die Zeit vor seinem Unfall. “In den 20 Jahren, die ich nicht im Rollstuhl saß, hätte ich Fallschirm- und Bungee-Springen können”, sagt der 28-Jährige gedankenverloren am Schreibtisch seiner Wohnung im westfälischen Lüdinghausen. Doch dann schließt er die Augen und blickt wieder nach vorn und denkt an die guten Seiten: “Seit dem Unfall habe ich mich anders fokussiert und mache nicht mehr soviel Party.”

Zittlau will zeigen, dass behindert sein ganz normal ist

Eigentlich wollte Dennis Zittlau am 1. Juli vor einer halben Million Menschen in der Hauptstadt auftreten, auf der Fanmeile, mit dem EM-Song “Wenn der Ball rollt!”. (ROLLINGPLANET berichtete: Rollstuhlfahrer Dennis Zittlau ist “Sittin’ Bull”: Lüdinghauser rappen für die Nationalmannschaft.) Aber die deutsche Nationalmannschaft der Fußballer hat da nicht ganz mitgemacht – als Nicht-Europameister ist sie zurückgekehrt, und die ganz große Party fiel aus.

Aber Zittlau hat bereits die nächsten Pläne. Der Schicksalsschlag öffnete ihm die Augen. “Danach weißt du sehr schnell, wer dein Freund ist”, sagt er. Einige, die er früher Freunde nannte, hätten nach dem Unfall nicht mehr mit ihm gesprochen. “Das ist wie bei Sitting Bull. Auch der Indianerhäuptling wurde von den bösen Indianern verraten”, erklärt Zittlau, wieso er sich nach einer zehnmonatigen Rehabilitation im Frühjahr 2005 den Künstlernamen gab.

Ähnlich wie “Sitting Bull” als Freiheitskämpfer für die Sioux-Indianer sein Leben ließ, will auch Zittlau mit seinen Texten etwas bewegen. Er will zeigen, dass behindert sein ganz normal ist. “Die Zeiten sind vorbei, dass man sich dafür schämen muss”, sagt der Finanzbeamte, der nur einen Steinwurf von seinem Arbeitsplatz bei der Stadt entfernt alleine in einer barrierefreien Wohnung in Lüdinghausen wohnt.

Deshalb war er besonders stolz, dass er 2009 als einziger querschnittsgelähmter Musiker vor 5.000 Menschen beim “Stand Up Festival” in Pforzheim eingeladen wurde. Neben ihm sangen die deutsche Girlgroup Monrose oder eines seiner Idole, der Rapper Massiv. Die Einnahmen des Benefiz-Festivals kamen Querschnittsgelähmten im In- und Ausland zu.

“Musik ist die Sprache meiner Seele”

Bislang bezeichnet Sittin’ Bull das Pforzheimer Festival noch immer als seinen Karriere-Höhepunkt. Doch erst in diesem Jahr begann Zittlau sich zu professionalisieren. Mit seinem aktuellen Video “Zeit” hat er dieses Jahr schon sein fünftes Video gedreht. Auch die Außendarstellung und sein Marketing hat er verbessert. Er trägt Rapper-Shirts und in Anlehnung an seinen Künstlernamen eine Baseballkappe mit einem Bullen. “Eigentlich ist es ja ein Cap der Basketballer von Chicago Bulls, aber egal”, räumt er grinsend ein. “Gerade wenn du auftrittst, ist Stil wichtig.”

Wenn er zwei Mal pro Monat im südwestfälischen Raum auftritt, trägt er immer die Sonnenbrille einer bestimmten Designer-Marke. Nur auf die szenetypischen knietiefen Baggy Pants verzichtet er. Zu derb soll es ohnehin nicht sein. “Ich mache betont keinen Gangsta-Rap, sondern eher poppigeren Rap”, sagt er. Damit will er sich auch beim Radio-Gesangswettbewerb “Sing a Song” durchsetzen. Eigens dafür hat er sein Lied “Zeit” geschrieben. Wenn er gewinnt, darf er einmal mit “Der Graf” von der Popgruppe “Unheilig” auftreten. “Das wäre der Oberbrenner”, freut sich Zittlau.

Wenn es nicht klappt, ist das aber auch nicht schlimm. “Musik ist die Sprache meiner Seele”, sagt er mit glänzenden Augen. “Mit ihr habe ich diesen Schicksalsschlag bewältigt. Deshalb rappe ich in erster Linie auch für mich selbst.” Wenn im Oktober dann noch möglichst viele Menschen auf seine Website surfen und sich dort kostenlos sein erstes Album downloaden, umso besser. Es zeige nur, dass sie Interesse an seiner Geschichte hätten. Das Album benennt er nach seiner neuen Identität: “Sittin’ Bull – Der Häuptling”.

(dapd)

Video

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