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“Ein normaler Mensch hätte das nicht überlebt”

Weder Diabetes noch 200 Kilogramm im Nacken können Matthias Steiner klein kriegen. Seine Frau erzählt im Interview, warum es gestern um Leben und Tod ging.

Am Boden: Matthias Steiner nach seinem gestrigen Unfall (Foto: Friso Gentsch/dpa)


Haben Sie eigentlich gewusst, dass Matthias Steiner einer von uns ist? An seinem 18. Geburtstag wurde bei ihm Typ-1-Diabetes diagnostiziert, weswegen er bis heute Diät halten und täglich Insulin spritzen muss. Bei Matthias Steiners gestrigem Auftritt in London hielt die Welt den Atem an. Doch statt um den Olympiasieg ging es diesmal um das Leben des Gewichthebers nach seinem spektakulären Unfall. Ein Interview mit Ehefrau Inge Steiner.

Frau Steiner, Sie saßen im Publikum, als ihrem Mann Matthias eine fast 200 Kilogramm schwere Hantel in den Nacken fiel. Wie haben sie den Moment erlebt?

Es war einfach nur ein Schock. Wir wissen alle, wie empfindlich der Nacken ist. Wenn 196 Kilo in den Nacken gehen, hätte das ein normaler Mensch nicht überlebt. Da muss man schon eine gute Muskulatur haben. Insofern bin ich stolz auf meinen Mann. Trotz alledem.

Wussten Sie sofort, dass es eine ernste Situation ist?

Ich weiß, was so etwas bedeutet. Es gibt einen libanesischen Gewichtheber, dem ist vor 20 Jahren ähnliches passiert. Der sitzt heute im Rollstuhl. Er hat verdammt viel Glück gehabt. Alles andere ist egal. Dass er keine Medaille hat, dass er vier Jahre umsonst trainiert hat, spielt keine Rolle. Hauptsache er ist gesund, das ist was zählt.

Hat Ihr Sohn Felix den Unfall gesehen?

Ja, das hat er. Doch er hat nur gesagt “Papa Aua, aber alles gut”.

Sie haben keine Akkreditierung, konnten also nicht direkt zu Ihrem Mann. Hatten Sie unmittelbar nach dem Vorfall Kontakt mit ihm?

Ich habe mit Matthias telefoniert. Ihm ging es den Umständen entsprechend gut. Da war ich auch beruhigter. Wenn man Angst um seinen Mann hat, ist das kein gutes Gefühl.

Hat er Ihnen Entwarnung gegeben?

Er kann sprechen und gehen. Das war schon einmal Entwarnung genug.

Was war das für ein Gefühl, als Matthias wieder aufstand und die Faust in die Höhe reckte?

Es war das Zeichen “Ja, ich lebe!”. Es war eine Erleichterung. Auch für ihn.

Waren das die schlimmsten Stunden Ihrer Beziehung?

Na klar. Man guckt nicht gerne zu, wenn dem eigenen Mann so etwas passiert. Das ist vorher noch nie passiert. Für Außenstehende ist das vielleicht so nicht erkennbar, aber es war ganz eng. Das hätte auch anders ausgehen können.

Matthias Steiner

Für Gewichtheber Matthias Steiner kam heute Mittag nach einer schlaflosen Nacht und zwei Untersuchungen im Krankenhaus die Entwarnung: Keine Verletzungen an der Wirbelsäule lautete die gute Nachricht der Ärzte für den Olympiasieger von Peking vor vier Jahren. Eine Bandverletzung an der Halswirbelsäule, eine Prellung des Brustbeins und eine Muskelzerrung im Bereich der Brustwirbelsäule lautet die Diagnose.

“Obwohl ich hier gern eine Medaille gewonnen hätte, war es auf jeden Fall richtig, den Wettkampf abzubrechen. Jetzt bin ich erst einmal froh, dass keine bleibenden Schäden zu befürchten sind”, sagte Steiner. Eine Operation ist nach Angaben des deutschen Ärzteteams nicht notwendig. Eine konservative Behandlung wurde bereits in London eingeleitet und soll nach der Rückkehr in Heidelberg fortgesetzt werden.

Bundestrainer Frank Mantek hatte einen technischen Fehler bei seinem Schützling ausgemacht, der versucht hatte, dass Gewicht noch irgendwie zu halten, anstatt es wie üblich hinter dem Kopf abzuwerfen. “Matthias ist eben Matthias”, sagte Mantek, der wie Steiner tieftraurig war: “Für Matthias ist das natürlich kein schöner Abgang, aber er ist Olympiasieger 2008, das kann ihm keiner mehr nehmen.”

Was schon wie ein Hinweis auf ein mögliches Karriereende klingt, will Mantek so nicht verstanden wissen. “Darüber haben wir nie gesprochen. Diese Frage stellt sich in diesem Moment auch nicht”, sagte der Erfolgstrainer. Selbst Steiner hatte vor dem Wettkampf ein Ende seiner Laufbahn ausgeschlossen. “Ich fühle mich nicht so alt, dass ich aufhören müsste”, sagte der 29-Jährige. Da hatte der gebürtige Österreicher allerdings nicht mit so einem Ausgang gerechnet. Womöglich bewertet der Superschwergewichtler die Situation nun neu.

(Thomas Bachmann/dapd) – Kleines Foto: Wikipedia/Iohns. GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2 oder eine späteren Version.

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