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Supermärkte schikanieren Blinde: In was für einem Billigland leben wir?

Schon wieder diskriminiert ein Discounter blinde Kunden – dieses Mal ist es Penny. Das sind keine Einzelfälle mehr, auch wenn häufig dieser Eindruck erweckt werden soll.

Moritz Bißwanger mit Daggy vor dem Augsburger Penny-Markt (Foto: Verein Lichtblicke)

Erst kürzlich deckte ROLLINGPLANET auf, dass in Koblenz der Discounter Netto eine blinde Frau mit ihrem Führhund des Geschäfts verwiesen hatte. Wer hofft, dass es sich dabei um einen Einzelfall handelte, irrt. Ruppig auftretendes Verkaufspersonal und Konzerne, die ihre Mitarbeiter nicht konsequent zum Thema “Wie vermeide ich Diskriminierungen” schulen, gehören offensichtlich zum deutschen Billigland-Alltag.

Neue Fälle belegen dies. Wie ROLLINGPLANET-Recherchen ergaben, schikanierte am vergangenen Mittwoch (1.8.2012) erneut ein Discunter einen blinden Menschen. In einer Penny-Filiale im Augsburger Stadtteil Bärenkeller fühlte sich die Filialleiterin, ähnlich wie im Netto-Fall, berechtigt, einen Kunden mit Führhund vor die Tür zu setzen. Sie forderte laut dem ROLLINGPLANET vorliegenden Protokoll “forsch und unfreundlich” den Kunden Moritz Bißwanger (24) auf, den Markt zu verlassen. Er war gerade dabei, gemeinsam mit einer sehenden Begleitung und seiner Führhündin Daggy in der Filiale einzukaufen.

Immer wieder heißt es mal: “Raus hier!”

Die Augsburger Penny-Filialleiterin geriet jedoch an den Falschen: Bißwanger ist Jurist. Als Vorstandsmitglied im Referat Führhundwesen von “Lichtblicke e.V. – Verein zur Förderung des Blindenführhundwesens“ und Vorstandsmitglied der “European Guide Dogs Federation (EGDF)“ suchte er seinen Worten zufolge den Dialog.

Der Hinweis, dass seine Führhündin als notwendiges Hilfsmittel für die Mobilität anerkannt ist und deshalb auch in einen Supermarkt mitgenommen werden darf, nützte den Angaben zufolge wenig. “In der Absicht, Unsicherheiten der Filialleiterin in Hinblick auf die rechtlichen Gegebenheiten auszuräumen und weitere Nachfragen zu beantworten“, wies Bißwanger darauf hin, dass er Jurist sei. Hierauf reagierte die Dame jedoch “geradezu hysterisch” und beschränkte ihre weiteren Äußerungen auf ein lautes “Raus hier!”. Bißwanger blieb cool: Er setzte seinen Einkauf fort. Anwesende Kunden teilten, wie er sagt, seine Empörung.


Anerkennung: Penny hat unmittelbar nach Erscheinen dieses Berichts reagiert und heute (10. August 2012) auf seiner Webseite für Klarstellung gesorgt und betont, dass Führhunde zugelassen sind. Details folgen in den kommenden Stunden.: Unser Liebling des Tages: Jetzt aber erstmal zu Penny


Ebenfalls ein Penny-Markt ließ vor drei Wochen ein blindes Ehepaar erst gar nicht in die Räumlichkeiten. Anton (56) und Petra (48) Rudolph mit ihrem Führhund wurden gleich am Eingang von einer Angestellten daran gehindert, das Ladenlokal zu betreten. “Ich habe den Geschäftsführer verlangt“, berichtet Anton Rudolph ROLLINGPLANET, “darauf erklärte mir die Dame, dass der Geschäftsführer im Keller und nicht zu sprechen ist. Leider passiert uns so etwas nicht nur in Supermärkten, sondern auch in Cafés und Restaurants.“ Als Rudolph sich einige Tage später bei der bayerischen Zentrale von Penny beschwerte, “hat sich die Geschäftsführerin entschuldigt und mir versichert, dass wir mit unserem Hund bei Penny einkaufen dürfen.“ Versucht haben es die beiden seither noch nicht.

2.400 Filialen – kann man alle Mitarbeiter im Griff haben?

Die Penny-Markt GmbH ist eine Tochter der REWE Deutscher Supermarkt KGaA und die Discounter-Vertriebslinie für Lebensmittel der Kölner Rewe Group. Im harten Konkurrenzkampf der Discounter sind Penny und Lidl im ersten Halbjahr 2012 einem vorgestern veröffentlichten Bericht zufolge stärker gewachsen als Marktführer Aldi. Dennoch soll der Rewe-Discounter 2011, bundesweit mit 2.400 Filialen vertreten, einen Verlust von etwa 140 Millionen Euro verbucht haben. Unternehmensplanungen zufolge soll Penny erst 2015 wieder schwarze Zahlen schreiben – Vorfälle wie die beiden aktuellen werden dabei nicht helfen.

Nicht zum ersten Mal sieht sich Rewe mit Vorwürfen behinderter Menschen konfrontiert. 2010 gab es laut “Der Westen“ (WAZ) Aufregung um ein junges blindes Paar, das mit seiner Führhündin einen Rewe-Markt in Bochum wieder verlassen musste. Damals erklärte Rewe-Sprecherin Anja Delang, die heute in einer anderen Führungsposition im Konzern tätig ist, dass man zu der Entscheidung gekommen sei, Führhunde ab sofort generell zu tolerieren und zwar deutschlandweit.

Bis zu den Mitarbeitern der Rewe-Gruppe und damit der Tochter Penny ist das offensichtlich nicht überall durchgedrungen – aufgrund des neuesten Vorfalls in Augsburg-Bärenkeller will sich der Verein Lichtblicke e.V. deshalb nicht mehr mit Entschuldigungen zufrieden geben. Bei Rewe glaubt man, mit Moritz Bißwanger den Vorgang “bilateral zu dessen Zufriedenheit geklärt“ zu haben. “Penny wird den Vorgang zum Anlass nehmen und im Rahmen seiner internen Regelkommunikation mit den Märkten nochmals für das Thema sensibilisieren“, heißt es in dem ROLLINGPLANET vorliegendem Schriftwechsel. Bißwanger gibt sich indes noch nicht zufrieden und fordert eine Lösung über den jeweiligen Einzelfall hinaus.

Sonderlich hohe Priorität scheint der lästige Vorfall bei Rewe nicht zu haben – kein Wunder: noch war er bis zu dieser Stunde nicht in den Medien angekommen. Und so richtig verstand man das Problemchen zunächst wohl auch nicht. Diesen Schluss jedenfalls legt der vorliegende Schriftverkehr nahe, den Lichtblicke mit dem Unternehmen geführt hat.

Bert Bohla mit Sammy (Foto: Verein Lichtblicke)

Als Lichtblicke-Vorsitzender Bert Bohla (50) nachhakte, erfuhr er, “dass der Einzelfall geklärt ist und zweitens, dass Penny das Thema aus gegebenen Anlass in der Regelkommunikation mit den Märkten anspricht.” Zudem äußert man Unverständnis angesichts der von Lichtblicke e.V. gezeigten Verärgerung. Man sei schließlich bemüht, die Anzahl derartiger Vorfälle zu verringern.

Wie Betroffene reagieren

Verringern? ROLLINGPLANET ist fassungslos. Hier geht es nicht um verringern – sondern darum, Entgleisungen von Mitarbeitern des Konzerns auszuschließen.

Viele Betroffene würden sich schnell mit einer Entschuldigung zufrieden geben, räumt Bohla ein – schließlich wollen auch blinde Menschen einfach ihre Ruhe und nicht ständig streiten. Er will denn deshalb auch nicht mehr bei jedem Einzelfall nachhaken müssen, sondern sieht eine ganz einfache Lösung: “Wir verlangen nicht, dass die Supermärkte Hurra brüllen, wenn wir mit unseren Führhunden ankommen. Ein kleiner Hinweis auf der Webseite, dass man Blinde und ihre Führhunde akzeptiert, würde aber jegliche Diskussionen beenden und zeigen, dass es das Unternehmen ernst meint.“

Immerhin, bei Rewe scheint nun tatsächlich das Nachdenken begonnen zu haben. Wie ROLLINGPLANET erfuhr, prüft das Unternehmen, innerhalb der kommenden Wochen einen Hinweis auf seiner FAQ-Seite zu veröffentlichen, der sowohl Kunden als auch Mitarbeitern klar macht, dass blinde Menschen mit ihren Führhunden genauso willkommen sind wie alle anderen Kunden. Moritz Bißwanger bestätigte ROLLINGPLANET: „Nach anfänglichen Irritationen habe ich das Gefühl, die bemühen sich jetzt redlich.“

In Deutschland gibt es zirka 3.000 blinde Menschen, die einen Führhund haben. Der Verein Lichtblicke (Webseite: http://verein-lichtblicke.de) setzt sich seit Jahren für die Förderung des Blindenführhundwesens und die Aufklärung der breiten Öffentlichkeit ein. Der Verein freut sich über für diese Arbeit dringend erforderliche Spenden.

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7 Kommentare

  1. Moritz Bißwanger9. August 2012 at 10:19Antworten

    Ich möchte an dieser Stelle nochmals betonen, dass sich Penny gestern sehr kooperativ zeigte und sich dieser Artikel ein wenig mit den neuesten Ereignissen überschnitten hat. Nachdem ich gestern eine juristisch eindeutige EMail an den zuständigen Herrn geschickt hatte, klingelte 20 Minuten später das Telefon. Mir gelang es, noch offene Unklarheiten auszuräumen und nochmals deutlich zu machen, worum es uns geht (dies war bei Penny anfangs wohl nicht richtig angekommen). Daraufhin zeigte man sofort große Kooperationsbereitschaft und Verständnis für unser Anliegen. Man wollte sich umgehend daran machen, einen entsprechenden Hinweis für die Website auszuformulieren. In wenigen Tagen soll es dann soweit sein. Ich bin gespannt auf das Ergebnis und freue mich über die sich abzeichnende positive Zusammenarbeit mit Penny.

    • Martin Gruber11. August 2012 at 14:10Antworten

      Ist aber schlimm genug, dass Sie dazu erst die Juristenkeule schwingen mussten. Da bleibt irgendwie ein blöder Beigeschmack – wobei das ja nicht er erste Punkt ist, an dem Discounter unangenehm im Umgeng mit Mitarbeitern und Kunden auffallen. Schade, dass man auf sie angewiesen ist (und damit meine ich auch Rewe, Edeka, Hit, also die “Premium”-Discounter mit größerem Angebot). Hoffentlich hat’s wenigstens Folgen für die Mitarbeiter… denn die haben’s verbockt, nicht die Geschäftsleitung!

  2. anonymous10. August 2012 at 18:33Antworten

    traurig, die Menschen! Nur weil sie “nach Gesetz” handeln, weil Hunde verboten sind…..anstatt mit dem Herzen zu handeln…

  3. Bert Bohla10. August 2012 at 22:30Antworten

    Naja, das “mit dem Herzen handeln” ist bei einer solchen Sache dann doch etwas sehr riskant. Hat ein Mitarbeiter nämlich ein Herz für Hunde und handelt danach, indem er _alle_ Hunde in die Filiale läßt, ist er vermutlich recht plötzlich gar kein Mitarbeiter mehr. Von daher kann ich es gut verstehen, wenn das Personal “nach dem Gesetz handelt”. In diesem Fall ist das Gesetz aber auf “unserer” Seite, also auf der Seite der halter von Rehabilitationshunden, die betreffende Filialleiterin hat mit ihrem versuchten Rauswurf also gerade eben _nicht_ “nach dem Gesetz gehandelt”.

    Die unverzügliche und vor allem vorbildliche Reaktion von Rewe/Penny in Form des verbindlichen Bekenntnisses zur Akzeptanz der Rehabilitationshunde in den Märkten ganz offen in der FAQ auf der Webseite verdient allerdings unbedingte Anerkennung! Danke.

    • Martin Gruber11. August 2012 at 14:14Antworten

      Entschuldige, aber was ist daran vorbildlich, wenn eine Firma erklärt, dass sie sich an hierzulande geltende Gesetze hält? Das ist wohl das Minimum. Oder würdest Du auch eine Meldung wie “AldiLidlReal erklärt: Wir verkaufen nur Ware, die noch nicht abgelaufen oder verdorben ist” auch für vorbildlich halten?
      Die haben gesehen, dass das für sie ein PR-Gau werden könnte und entsprechend gehandelt. Das ist normal, nicht vorbildlich! Schlimm genug, dass sie ihre Mitarbeiter nicht dahingehend schulen und dass erst der Druck über ein solches Blog kommen muss.

      • Bert Bohla14. August 2012 at 02:34Antworten

        Zitat Martin Gruber:

        “Entschuldige, aber was ist daran vorbildlich, wenn eine Firma erklärt, dass sie sich an hierzulande geltende Gesetze hält? Das ist wohl das Minimum.”

        Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn ein explizites Gesetz, das eindeutlich regelt, daß man mit Reha-Hund in einen Supermarkt einzulassen ist, existiert leider nicht, man muß sich die entsprechenden Rechtsgrundlagen erst einmal zusammenklauben. Dazu kommt noch die kaum auszurottende Vorstadtlegende, das Hausrecht[1] als quasi heilige Kuh stünde über allem und könne Diskriminjierungen rechtfertigen. Kaum ein Kunde kennt wirklich seine Rechte und deshalb würde ich diese Reaktion von Penny nun tatsächlich als vorbildlich bezeichnen, denn Penny hilft damit den Haltern von Reha-Hunden ganz entscheidend, ihre Unsicherheiten auszuräumen und setzt damit ein deutliches Signal in die richtige Richtung: nämlich daß der Gedanke der inklusiven Gesellschaft und der Teilhabe irgendwann auch tatsächlich mal in der breiten Allgemeinheit ankommt.

        [1] http://www.ferner-alsdorf.de/2010/09/hausverbot-im-supermarkt/

        Zum Beispiel mit den abgelaufenen Waren: klar ist das unzulässig, dennoch passiert es immer und immer wieder. Das Beispiel hinkt aber insofern, als daß damit nicht aktiv bestimmte Menschengruppen diskriminiert werden.

  4. ulrics11. August 2012 at 13:43Antworten

    Scheint wohl bei Discounter nicht so ganz weit her mit den Grundrechten. Hier werden Blinde diskriminiert, an anderer Stelle die Kunden und Angestellten überwacht oder illegal Taschen durchsucht. Gar nicht zu schweigen, die Maßnahmen um Gewerkschaften zu verhindern.

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