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Transplantationen: Wann darf/soll/muss es schneller gehen, als es die Warteliste vorsieht?

Immer häufiger erhalten todkranke Patienten die dringend benötigten Spenderorgane über Sonderwege. Ein Kieler Experte hält dies in bestimmten Fällen für gerechtfertigt.

Prof. Thomas Becker (Foto: Universitätsklinikum Schleswig-Holstein)

Organtransplantationen im sogenannten beschleunigten Verfahren sind nach Ansicht des Kieler Chirurgen Prof. Thomas Becker oft medizinisch zwingend und zugleich ethisch gerechtfertigt. „Dabei werden strenge medizinische und gesetzliche Kriterien befolgt“, sagte der Direktor der Klinik für Allgemeine und Thoraxchirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Wenn zum Beispiel eine Leber zur Verfügung stehe, die für einen Patienten mit dem höchsten Punktwert auf der Eurotransplant Warteliste medizinisch nicht geeignet sei, habe der Arzt die Pflicht, dieses Organ zurückzugeben, damit es einem anderen Patienten, der über Eurotransplant festgelegt wird, eingepflanzt werden kann.

Die Ausnahme wird zur Regel

Der auf Lebertransplantation spezialisierte Mediziner sieht manches aber auch kritisch: „Wir transplantieren nur noch ein Drittel der Patienten über den eigentlichen Punktwert, während viele Patienten über Sonderregeln ein neues Organ bekommen“, sagte Becker. „Und es kann ja eigentlich nicht Ziel eines Systems sein, die Ausnahme zur Regel zu machen.“

Inzwischen habe es aber auch schon Änderungen gegeben. „Aber es ist auch wirklich nicht einfach, bei begrenzten Ressourcen Bedürfnisse des Einzelnen und der Patientengemeinschaft im Sinne der besten Ergebnisqualität gut in Einklang zu bringen“, umschreibt Becker das Drama.

Das Problem sei, dass die geringe Zahl der Spenderorgane mit der enormen Zunahme der benötigten Organe nicht mithalten könne, so Becker. Vor diesem Hintergrund sei der Anteil der Transplantationen, die im beschleunigten Verfahren vorgenommen werden, stark gestiegen. Dies geschehe aber keinesfalls an offiziellen Wartelisten vorbei. „Jeder Patient ist auf der Liste und bei Eurotransplant registriert», sagte Becker. „Es gibt aber medizinische und ethische Bedingungen, bei denen ein Organ für einen bestimmten Patienten nicht geeignet ist.“

Insgesamt 131 Organe – 67 Nieren, 11 Herzen, 35 Lebern, 12 Lungen und 6 Bauchspeicheldrüsen – haben Ärzte in Kiel und Lübeck im vergangenen Jahr verpflanzt. Das geht aus dem Jahresbericht der Deutschen Stiftung Organtransplantation hervor.

Immer mehr ältere Spender mit kritischeren Organen

Normalerweise wird ein Organ über ein bestimmtes System an einen Patienten mit der höchsten Punktzahl vergeben. „Unter bestimmten Umständen, bei fehlender Qualität eines Spenderorgans, dürfen wir aber diesen hochkritisch kranken Patienten dieses Organ aus medizinischen Gründen nicht einpflanzen, weil die Überlebenswahrscheinlichkeit sehr gering ist“, erläuterte Becker.

Die Zunahme der beschleunigten Verfahren liege zum einen daran, dass es immer mehr ältere Spender mit kritischeren Organen gibt. Seit einigen Jahren gebe es zudem ein System mit Kriterien, die eine gerechtere Organverteilung ermöglichen und besonders kritisch Kranke bevorzugen sollen. „Aber in diese Patienten kritische Organe einzupflanzen, ergibt medizinisch häufig eine katastrophale Situation.“

Das beschleunigte Verfahren gilt laut Becker besonders auch für Organe, die gewisse Makel aufweisen, etwa weil das Spenderorgan alt oder verfettet ist oder einer bestimmten Infektion ausgesetzt war. Wenn solche Organe dann zur Verfügung stehen, müssten sie besonders schnell transplantiert werden. „Das ist auch medizinisch absolut sinnvoll und ethisch gerechtfertigt.“ Nur über die stärkere Einbeziehung dieser sogenannten kritischen Organe sei es überhaupt erreicht worden, die Zahl der Transplantationen insgesamt zu erhöhen.

Ärztekammer fordert sachlichere Diskussion

Für die Ärztekammer Schleswig-Holstein sagte Geschäftsführer Carsten Leffmann, wenn ein Organ zu verfallen drohe, sollten auch schnelle und unkonventionelle Wege gegangen werden, es noch zu nutzen. Leffmann warb um einen Vertrauensvorschuss für die Ärzte, die in großem Stress schnelle Entscheidungen treffen müssten. Die Debatte sollte sachlich geführt werden. Die Bereitschaft der Menschen, Organe zu spenden und damit die Transplantationsmedizin dürften nicht darunter leiden, dass es möglicherweise einzelne „schwarze Schafe“ gebe, sagte Leffmann.

Die Flexibilität für ein Transplantationszentrum, auf andere Patienten zu wechseln als es die Punktetabelle ausweist, birgt auch aus Sicht Beckers die Gefahr, weniger transparent und objektiv zu sein. Aber die Umsetzung werde anhand von Vergleichsdaten auch kontrolliert. „Es muss ein medizinisch begründbarer Beleg dafür da sein, auf andere Patienten auszuweichen.“ Ethisch-moralisch diskutieren könne man über das Verfahren aber durchaus. „In erster Linie ist jeder Arzt für sein Handeln selbst verantwortlich“, sagte Becker. „Aber wir brauchen sicherlich auch eine sachliche Bewertung und Kontrollmechanismen, um Schwachstellen oder gar Manipulationen aufzudecken.“

(dpa/lno)

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