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Tony Nicklinson darf nicht sterben. Dürfte er es bei uns?

Der Brite lebt seit acht Jahren mit dem Locked-in-Syndrom. Vor dem Obersten Gerichtshof in London hat er für sein Recht auf den Tod gestritten – und verloren. Das geplante Sterbehilfe-Gesetz in Deutschland wird derweil scharf kritisiert.

Tony Nicklinson und seine Ehefrau nach dem Urteil (Screenshot aus dem Video unten)

Der ehemalige Rugby-Spieler und Geschäftsmann Tony Nicklinson (58) erkrankte vor acht Jahren während einer Reise von Dubai nach Griechenland am Locked-in-Syndrom („Eingeschlossensein-“, „Gefangensein-Syndrom“). Es bezeichnet einen Zustand, in dem ein Mensch zwar bei Bewusstsein und geistig wach, jedoch körperlich fast vollständig gelähmt und unfähig ist, sich sprachlich oder durch Bewegungen verständlich zu machen. Deswegen kämpft er seit fast zwei Jahren um das Recht zu sterben.

In einem Interview im Januar erklärte Nicklinson seine juristischen Anstrengungen: „Es gibt eine erhebliche Ungerechtigkeit, die korrigiert werden muss. Natürlich will ich mit meiner Familie und Freunden zusammen sein, aber nicht auf diese Weise.“ (ROLLINGPLANET berichtete: Wie der Locked-in-Man um seinen Tod kämpft).

Nun erfuhr Nicklinson, dass der Oberste Gerichtshof in London entschieden hat, dass ihm kein Arzt oder Angehöriger helfen darf, sein Leben zu beenden. Die Richter lehnten es ab, Nicklinsons Wunsch zu erfüllen und begründeten dies damit, dass die Sterbehilfe durch die Politik geregelt werden müsse. In dem Video unten ist eine bewegende Szene zu sehen, die Nicklinsons Verzweiflung zeigt, nachdem er das Urteil übermittelt bekam.

Ebenso wie in Deutschland und den meisten europäischen Ländern ist in Großbritannien aktive Sterbehilfe verboten. Auch in der Schweiz ist diese zwar untersagt. Die Gesetze erlauben es aber, unheilbar kranken Sterbewilligen Gift anzubieten, das diese dann selbst zu sich nehmen.

Sterbehilfe in Europa

Seit 1982 bietet die Schweizer Organisation Exit todkranken Menschen Sterbehilfe an. Von rund 1500 Anfragen im Jahr würden etwa 450 nach eingehender Prüfung bewilligt, teilt der Verein auf seiner Homepage mit. In rund 250 Fällen komme es tatsächlich zum organisierten Suizid. Während die Schweizer Organisation Dignitas auch Ausländern in der Schweiz Sterbehilfe leistet, hilft Exit nach eigenen Angaben nur Menschen, die in der Schweiz einen Wohnsitz haben. Die querschnittgelähmte Deutsche Bettina Koch reiste mit ihrem Mann 2005 in das Nachbarland, wo Dignitas ihr half: Im Nebenzimmer warteten Kripo und Staatsanwaltschaft, ein Video dokumentierte den Freitod.

Allerdings wird in der Schweiz darüber debattiert, die organisierte Sterbehilfe einzudämmen. Kritiker wenden unter anderem ein, dass vielen Betroffenen auch anders geholfen werden könnte – etwa durch Schmerz- oder Psychotherapie und liebevolle Pflege.

In den Niederlanden ist aktive Sterbehilfe durch das 2002 verabschiedete sogenannte Euthanasie-Gesetz unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt: Sie darf schwerstkranken Patienten gewährt werden, wenn mindestens zwei Ärzte bestätigen, dass deren Zustand hoffnungslos und der Todeswunsch eindeutig ist.

Neues geplantes Sterbehilfe-Gesetz in Deutschland

Die Regierung plant ein neues Sterbehilfe-Gesetz und hat dafür scharfe Kritik geerntet. Insbesondere der Vorschlag, dass Beihilfe zur Selbsttötung weiterhin straffrei bleiben soll, erregt die Gemüter.

Der Vorsitzende der GMK, Andreas Storm (CDU), forderte Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf, das laufende Gesetzgebungsverfahren zu unterbrechen. „Dies ist mein dringender Rat“, sagte der saarländische Gesundheitsminister der Onlineausgabe der „Ärzte Zeitung“ vor zehn Tagen in Berlin. „Ich halte den Gesetzentwurf, so, wie er im Moment vorliegt, nicht für akzeptabel und auch nicht für konsensfähig.“

Zusammen mit dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), schlug Storm stattdessen einen „Runden Tisch“ mit Ärzten, Kirchen und Ministerien vor.

Auch für Ärzte soll es keine Ausnahmen geben

Die Bundesärztekammer warnt vor Schlupflöchern beim geplanten Verbot geschäftsmäßiger Sterbehilfe. Ausnahmen dürfe es nicht geben, auch nicht für Ärzte, sagte Vizepräsident Max Kaplan im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Die Aufgabe des Arztes ist es, Leben zu erhalten, Leiden zu lindern und Sterbenden Beistand zu leisten. Das heißt: Sterbebegleitung und ärztliche Hilfeleistung beim Sterben – und nicht zum Sterben.“

Der Präsident der Bayerischen Landesärztekammer kritisierte, dass nach dem neuen Entwurf aus dem Bundesjustizministerium „nahe stehende Personen“ bei Beihilfe zur Selbsttötung straffrei ausgehen sollen: „Hier bin ich der Meinung, dass der Gesetzgeber zu weit geht.“ Er solle nur so viel regeln wie unbedingt nötig.

Der Gesetzentwurf aus dem FDP-geführten Justizministerium sieht vor, dass auch Ärzte und Pfleger in Ausnahmefällen Sterbehilfe straffrei unterstützen dürfen. Dies soll immer dann der Fall sein, wenn sie dem Patienten seit langem besonders nahe stehen. „Genau diesen Bereich, der sehr stark in den ethischen Bereich geht, muss die Standesorganisation regeln, also für die Ärzte die Ärztekammer im Rahmen ihrer Berufsordnung“, sagte Kaplan.

Palliativmedizin contra Todessehnsucht

Gerade am Ende ihres Lebens hätten Menschen meist gar kein Interesse an Sterbehilfe. „Die Patienten sagen: Ich habe Schmerzen. Ich habe furchtbare Träume. Ich habe Atemnot. Ich habe Angst, ersticken zu müssen. Bitte helfen Sie mir. Und da können wir helfen, wir haben immense palliativmedizinische Fortschritte gemacht“, sagte Kaplan, der selbst Hausarzt ist.

Palliativmedizin ist nach den Definitionen der Weltgesundheitsorganisation und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin „die aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer progredienten (voranschreitenden), weit fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung zu der Zeit, in der die Erkrankung nicht mehr auf eine kurative Behandlung anspricht und die Beherrschung von Schmerzen, anderen Krankheitsbeschwerden, psychologischen, sozialen und spirituellen Problemen höchste Priorität besitzt“.

Der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, kritisierte den umstrittenen Gesetzentwurf als endgültige Abkehr von der Unantastbarkeit menschlichen Lebens und als Preisgabe der Menschenwürde. „Gleich einer Wanderdüne“ sei „ein Eingriff nach dem anderen“ erfolgt, „bis wir nun an einem Punkt angelangt sind, in dem man mit vollem Ernst meint, an einen lebenden, wenn auch kranken Menschen Hand anlegen zu können“, schrieb Meisner unlängst im „Kölner Stadt-Anzeiger“. Stattdessen fordert der 78-Jährige verstärkte Aufklärung über Schmerztherapie, Palliativmedizin und die Arbeit von Hospizen sowie eine intensivierte Sterbebegleitung.

Tony Nicklinson wird das wenig interessieren. Er will Berufung einlegen.

(dpa/RP)

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1 Kommentar

  1. Almuth Weishaupt19. Oktober 2013 at 17:30Antworten

    Das Sterbehilfe-Gesetz gehört dringend geändert.Es kann nicht angehen,daß totkranke Menschen ihre letzte Kraft verwenden müssen,um im nahen Ausland erlöst zu werden.Viele haben leider die Kraft nicht mehr dazu und keine Angehöriege,die ihnen helfen könnten.
    Jedes Tier,was nachweislich leidet,durch Krankheit oder Unfall,wird vom Tierarzt erlöst—-,warum müssen Menschen bis zum Schluß leiden?

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