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Nach dem Tod von Tony Nicklinson: Der Kampf geht weiter

Seine Tränen und sein verzweifelter Blick rührten Großbritannien – die Diskussion um Sterbehilfe geht weiter.

Tony Nicklinson vor einer Woche (Foto: Emma Hallett/PA Wire/dpa)

Wie fühlt es sich wohl an, im eigenen Körper gefangen zu sein? Der Kopf arbeitet wie immer, man sieht und hört die Welt um sich herum, kann sich aber nicht bewegen oder gar antworten? Tony Nicklinson beschrieb das so: „Ich bin lebendig in einem Alptraum gefangen. Ich brauche für alles jemand anderen.“ Es sei „Folter“, und er wolle manchmal vor Frustration schreien, sagte er einst – am Ende aber kamen nur noch Tränen.

Der 58 Jahre alte Brite litt nach einem Schlaganfall am Locked-In-Syndrom und war vom Hals abwärts gelähmt. Bis kurz vor seinem heutigem Tod kämpfte er für das Recht auf Sterbehilfe. Erst vergangene Woche hatte ein Gericht ihm das versagt. Sein verzweifelter Blick nach der Urteilsverkündung rührte das ganze Land.

Rechtslage teilweise unklar

Die Rechtslage zur Sterbehilfe ist in Großbritannien wie in vielen anderen Ländern – auch Deutschland – nicht vollständig geklärt. Zwar darf jeder eine weitere Behandlung ablehnen – auch, wenn das den sicheren Tod bedeutet. Für Ärzte sei es jedoch „normalerweise illegal“, wie es in einer offiziellen Erklärung für Patienten heißt, eine Behandlung durchzuführen, die den Tod herbeiführt oder beschleunigt. In den vergangenen Jahren gab es vereinzelte Ausnahmen, doch der Fall Nicklinson ging dem Gericht zu weit. Wegen seiner Lähmung hätte dieser sich das Gift nicht selber geben können. Ein Arzt oder Angehöriger hätte das übernehmen müssen und sich damit des Mordes schuldig machen können.

„Eine Entscheidung, diese Forderungen zu erlauben, würde Folgen haben, die weit über diesen Fall hinausreichen“, hatte der Richter erklärt. Ob und wie das Gesetz zur Sterbehilfe geändert werde, und welche Schutzmaßnahmen dabei festgelegt werden müssten, sei Sache des Parlaments. Anti-Sterbehilfe-Organisationen und die Ärztegewerkschaft British Medical Association (BMA) hatten das Urteil begrüßt. Es sei nicht im „besten Interesse der Gesellschaft“, wenn Ärzte legal das Leben ihrer Patienten beenden könnten, hatte es von der BMA geheißen.

Der Kampf geht weiter

Unterstützer Nicklinsons und Befürworter der Sterbehilfe kündigten am Mittwoch bereits an, den Kampf des Verstorbenen fortzusetzen. Trotz aller Diskussionen der vergangenen Jahre sei das britische Parlament offenbar entschlossen, das Thema nicht anzupacken und die Fragen zu lösen, beklagte Juraprofessorin Penney Lewis, Expertin für Medizinrecht und Ethik am King’s College in London. „Einer der Gründe dafür ist mit Sicherheit, dass es so ein kontroverses Thema ist. Wenn man ein Parlamentarier im Unterhaus ist, muss man über die nächste Wahl nachdenken, und zu so einem kontroversen Thema eine Position zu beziehen, kann einige Wählerstimmen kosten.“

Nicklinson habe das Urteil das Herz gebrochen, der Kampfgeist sei aus ihm entwichen, sagte seine Ehefrau. Er habe ungeheure Angst vor der Zukunft gehabt, denn Ärzte hätten ihm vorausgesagt, dass er durchaus noch 20 Jahre oder länger leben könnte. Am Ende brachte eine Lungenentzündung die erhoffte Erlösung, auch hatte Nicklinson seit einigen Tagen das Essen verweigert.

Recht auf selbstbestimmtes Sterben

„Es kann einfach nicht sein, dass mir im Großbritannien des 21. Jahrhunderts das Recht verweigert wird, mir mein eigenes Leben zu nehmen, nur, weil ich körperlich eingeschränkt bin“, hatte Nicklinson in einer umfangreichen Stellungnahme zum Prozess im Juni erklärt. Er kommunizierte mit Hilfe eines Computers, über den sein Augenzwinkern in Worte gefasst wurde. „Wir sind alle Individuen und jeder Mensch verdient eine individuelle Lösung für seine jeweils eigenen Umstände. Eine Lösung für alle mit besserer und mehr Versorgung, die die Sterbehilfe-Gegner befürworten, ist eindeutig keine Antwort. Wir brauchen die Möglichkeit, Hilfe beim Sterben zu bekommen.“

(dpa)


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