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Wir tischen Ihnen Fakten auf über die Hightech-Prothesen der Paralympics-Elite, über Otto Bock und dessen Konkurrenten Össur. Und erklären, warum die künstlichen Füße ein Prestigesegment wie Formel-1-Wagen sind.

Deutsche Medaillenhoffnung Vanessa Low (Foto: KAWA)

Wenn ab Mittwoch in London wieder um Medaillen gekämpft wird, dann entscheiden nicht nur Kopf und Muskeln über Sieg oder Niederlage. Beim Rollstuhl-Basketball oder -Rugby, beim Sprint und im Weitsprung müssen auch Rollstühle und Prothesen viel aushalten. Damit das Material die Paralympics-Athleten nicht bremst, entwickelt ein Medizintechnik-Hersteller aus dem niedersächsischen Duderstadt die Sportgeräte ständig weiter und hilft vor Ort – rund um die Uhr. Das Unternehmen ist weltweit aufgestellt.

„1988 in Seoul waren wir zum ersten Mal dabei, mit vier Technikern“, erzählt Christin Gunkel, die das Paralympics-Projekt für die Firma Ottobock koordiniert. Zu den Spielen nach London sollen 78 Techniker plus Organisationsteam reisen, neben einer Hauptwerkstatt am Olympischen Dorf gibt es auch mobile Werkstattfahrzeuge. „Notfalls arbeiten die auch mal eine Nacht durch“, sagt Gunkel. Während der Spiele in Peking 2008 seien rund 2000 Reparaturaufträge eingegangen. „Heute wären Spiele ohne Service gar nicht mehr denkbar.“

Wichtig für Teilnehmer aus ärmeren Ländern

Otto Bock betont, man wolle für Chancengleichheit sorgen: „Kein Sportler soll wegen technischer Probleme auf seinen Start verzichten müssen”, so Rüdiger Herzog vom Paralympics-Team des Unternehmens. Vor allem für Teilnehmer aus ärmeren Ländern sei dieses Angebot wichtig. „Die können sich einen derartigen Service normalerweise nicht leisten, sollen aber in London keine Nachteile haben”, betonte er.

“Die Sportler gehen mit dem Material bei Wettkämpfen nicht gerade zimperlich um”. Bei Rollstuhl-Basketball und -Rugby gehe immer einiges zu Bruch”, erklärt Herzog. Dann müssten die Schweißer ran. Für Leichtathleten dagegen komme es auf eine perfekte Feinabstimmung an den Prothesen an, um Bestleistungen zu garantieren.

Sprintprothesen sind inzwischen so weit entwickelt, dass sich um den beidseitig amputierten südafrikanischen 400-Meter-Läufer Oscar Pistorius eine Diskussion über „technisches Doping“ entwickelt hat. Seine Ersatzbeine kommen vom Ottobock-Konkurrenten Össur. Karsten Ley, Unternehmenssprecher in Duderstadt, findet den Begriff Doping unpassend: „Eine Prothese frisst immer Energie durch Reibung und Widerstände.“ Zusätzliche Kraft liefere sie nicht.

Auch Herzog wehrt sich gegen den Vorwurf des Techno-Dopings: “Das ist gemein gegenüber den Sportlern”. Die zulässigen Prothesen und medizinischen Hilfsmittel dürften nur die Kraft umsetzen, die die Athleten selbst aufbringen. Zwar habe es 1988 in Seoul mit den ersten Karbonfeder-Prothesen eine „sprunghafte“ Entwicklung gegeben, sagte Herzog. „Aber auch diese Technik kann niemals besser als ein echtes Bein sein.“

Hier Össur, dort Otto Bock

Össur Kristinsson ist der Mann hinter Pistorius’ Technologie-Beinen. Vor 30 Jahren beendete er seine prothetische Ausbildung in Schweden. Er kehrte in seine Heimat Island zurück und gründete in Reykjavik eine kleine Werkstatt – Össur hf. „Ich als Amputierter habe nie die Lösungen bekommen, mit denen ich zufrieden gewesen wäre”, erklärt Össur Kristinsson die damalige Lage. “Alles, was uns Beinamputierten in dieser Zeit angeboten wurde, waren schwerfällige und altmodische Produkte. Sowohl Orthopädietechniker wie auch Anwender, mich eingeschlossen, empfanden das als eine nur unbefriedigende Lösung für Menschen, die ihr normales Leben weiterleben wollten, ohne sich durch die Prothese behindert zu fühlen.“ Im Vergleich zum Weltmarktführer Otto Bock ist Össur jedoch eher ein kleiner Player.

Als der Orthopädiemechaniker Otto Bock 1919 in Berlin sein Unternehmen gründete, wollte er die Verwundeten des Ersten Weltkriegs kostengünstig mit Prothesen versorgen. Knapp ein Jahrhundert später leitet sein Enkel Hans Georg Näder die Firma mit Standorten auf allen Kontinenten und zählt Sprintweltmeister wie Heinrich Popow zu seinen Kunden. 2004 in Athen und vor vier Jahren in Peking sammelte Popow schon Bronze- und Silbermedaillen, 2011 wurde er Weltmeister im Sprint und im Weitsprung. „Fehlt nur noch mein großer Traum: Gold bei den Paralympics“, sagt der 29-Jährige.

Die Werbe-Hoffnungen ruhen auf Popow

Heinrich Popow (Archivfoto 2008, Peking: dpa)

„Wir sind natürlich sehr stolz, dass die Zusammenarbeit mit den Sportlern immer auch in die Produktentwicklung einfließt, weil die ein sehr gutes Körpergefühl haben“, sagt Paralympics-Koordinatorin Gunkel. Stolz wäre man in Duderstadt wohl auch, wenn Popow in London tatsächlich zu Gold sprintet. Profis wie er laufen auf Carbon-Federn, die in Handarbeit angefertigt werden.

Carbon ist leicht und belastbar. „400 Kilo muss die Feder schon aushalten, wenn ein 100-Kilo-Sprinter richtig loslegt“, sagt Ottobock-Carbon-Experte Maximilian Segl und drückt prüfend auf das Prothesen-Stück in seiner Hand. Nach etwa sechs Läufen muss ein Profisprinter die Feder auswechseln wie ein Tennisspieler den Schläger. Ein weiterer Vorteil des Materials: Carbon bricht bei Überbelastung nicht durch wie Metall, es reißen nur einzelne Fasern. Das schützt vor Unfällen.

Für das Unternehmen sind die Paralympics-Prothesen ein „Prestigesegment“, wie Formel-1-Wagen für große Autohersteller. Etwa 150 Sportprothesen wie die für Popow entstehen in der Werkstatt in Duderstadt pro Jahr – von den „normalen“ Fußprothesen, die gleich
nebenan lagern, werden im gleichen Zeitraum 150.000 verkauft.

(Teresa Dapp/dpa/dapd/RP)


Zum Magazin ROLLINGPLANET PARALYMPICS 2012


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