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“Behindertensport rückt in die Mitte der Gesellschaft”

Interview mit DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher über die wachsende Bedeutung der Paralympics, deutsche Hoffnungen und fehlende Finanzierung.

Liebt die große Bühne: Friedhelm Julius Beucher (ganz rechts) mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Thomas Bach (Mitte), Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, 2010 mit den Medaillengewinnern der Olympischen und Paralympischen Winterspiele von Vancouver und Whistler (Foto: Axel Schmidt/ddp)

Friedhelm Julius Beucher (66) war von 1990 bis 2012 für die SPD Mitglied des Deutschen Bundestages. Er war Rektor der Montanusschule in Burscheid. Im Juli 2006 wurde er für sein politisches und soziales Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im Juni 2009 wurde Beucher zum Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) e.V. gewählt. Vorher war er der Kuratoriumsvorsitzende des DBS gewesen.

Von den diesjährigen Paralympics werden mehr als 8.000 Journalisten aus aller Welt berichten, ARD und ZDF 65 Stunden live aus London senden – mehr als doppelt so viel wie 2008 in Peking. Ein Erfolg auf ganzer Linie?

Ich erlebe die ständig steigende Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und freue mich darüber. Aber wenn man herumfragt, hört man immer wieder: ,Die könnten noch viel mehr zeigen.‘ Das ist für uns ein Zeichen, dass in der Berichterstattung noch viel Luft nach oben ist.

Was soll die Öffentlichkeit denn so am Behindertensport faszinieren?

Es ist der Respekt vor den unglaublichen Leistungen der Athleten. Da läuft ein Heinrich Popow (Silbermedaillengewinner von Peking über 100 Meter, Anm. d. Red.) auf Prothesen die 100 Meter in 12,64 Sekunden – wie schnell waren Sie damals mit zwei Beinen bei den Bundesjugendspielen?

Deutlich langsamer.

Genau. Sobald die Menschen am Fernseher sehen, was unsere Sportler leisten, rückt die Behinderung aus dem Blick. Aus Mitleid wird Respekt, und genau da wollen wir hin.

Wenn man sich die rasant steigenden Mitgliederzahlen des DBS anschaut, scheint das wohl auch zu funktionieren.

Rasant steigend? Sie explodieren geradezu! Allein in den vergangenen drei Jahren haben wir 150.000 Mitglieder dazugewonnen. Das sind in der Masse keine Leistungssportler, sondern Menschen, die unser niederschwelliges Angebot nutzen: Reha-Angebote, Mobilität im Alter und Prävention. Wir wachsen mit dem demografischen Wandel.

Also hat der Leistungssport gar keinen so großen Einfluss auf die Mitgliederzahlen?

Doch! Die Leistungssportler sind die Leuchttürme des DBS. Wer sieht, wozu unsere Athleten mit ihrer Behinderungen fähig sind, versteht viel besser, was auch für den Einzelnen möglich ist. Behindertensport rückt in die Mitte der Gesellschaft, das ist eine großartige Entwicklung.

Akzeptanz und Respekt sind die eine Seite der Medaille, die Finanzierung eine andere. Ist die Unterstützung in dem Bereich ähnlich schnell gewachsen wie die öffentliche Wahrnehmung?

Mit der Wahrnehmung steigt auch das Interesse der Sponsoren, das ist ganz natürlich. Im großen Vergleich sind das allerdings immer noch Kleckerbeträge. Wenn Deutschland in Zukunft auch weiterhin zur Weltspitze gehören möchte, müssen unsere Athleten in der Lage sein, unbeeinträchtigt von finanziellen Sorgen ihrem Sport nachgehen zu können.

Was stellen Sie sich da konkret vor?

Es gibt sicher viele Wege, mehr Unterstützung von Unternehmen wäre einer davon. Es wäre doch für beide Seiten ein Gewinn, wenn Firmen die bei ihnen angestellten Athleten für einen gewissen Zeitraum freistellen würden – der Erfolg der Sportler würde ja auf den Arbeitgeber abstrahlen. Einige Unternehmen haben diese Ansätze bereits, aber vor allem im öffentlichen Sektor besteht noch Nachholbedarf.

Wie das?

Zehn Athleten aus unserem paralympischen Team sind im öffentlichen Dienst angestellt und für ihren Sport freigestellt, beim DOSB sind es mehr als 700. Aber auch wir haben mehr als nur zehn Topathleten. Es muss sich nicht nur im Bereich des Sponsorings noch einiges bewegen.

Die Weichen für die Zukunft müssen also noch gestellt werden – was erwarten Sie sich von diesen Spielen?

Wir fahren nicht nach London, um hinterherzulaufen. Alle sind für Spitzenplätze gut. Die Ergebnisse der letzten Jahre machen Hoffnung, dass wir besser als in Peking (14 Gold-, insgesamt 59 Medaillen, Anm. d. Red.) abschneiden können, konkrete Zielvorgaben gibt es bei uns allerdings nicht. Eines möchte ich vorneweg betonen: Die internationale Leistungsdichte ist im Behindertensport mittlerweile enorm eng, allein die Qualifikation für die Spiele ist schon etwas Besonderes. Alles, was darauf folgt, ist eine Riesenleistung.

(Die Fragen stellte Julian Vetten/dapd)

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