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Exoskelett: Premiere für das ReWalk-System in Deutschland

Nach Ekso Bionics will nun auch ein High-Tech-Anzug des israelischen und querschnittgelähmten Ingenieurs Amit Goffer Rollstuhlfahrer wieder zum Laufen bringen. Demnächst soll es ein Modell speziell für den Gebrauch daheim geben.

Der 40-Jährige Querschnittsgelähmte Radi mit dem Re-Walk-Anzug (Foto: ARGO)

Seit Anfang des Jahres stellt das amerikanische Unternehmen Ekso Bionics seinen Geh-Roboter Ekso in Europa vor (ROLLINGPLANET berichtete: Wie gut ist das Exoskelett von Ekso Bionics?). Nun hat eines weiteres Produkt in Deutschland Premiere gefeiert.

Angestrengt, aber glücklich lächelnd steht Tom Schwietzer vor staunenden Ärzten und Physiotherapeuten. Gerade erst hat sich der 35-jährige Patient im Neurologischen Rehabilitations- und Querschnittgelähmtenzentrum Greifswald des Bundesverbandes Rehabilitation ganz allein aus seinem Rollstuhl erhoben. Zum ersten Mal seinem Motorradunfall vor 18 Jahren wagt Tom wieder einen Gehversuch.

Möglich wird dieses „Wunder“ durch ein sogenanntes Exoselett, erfunden in Israel und nun zum ersten Mal in Deutschland im Test. Tom greift zu einer Sportuhr ähnlichen Fernbedienung an seinem Handgelenk und wechselt den Modus von „Aufstehen“ auf „Gehen“. Plötzlich bewegen sich die seitlich an Hüfte, Knie- und Fußgelenken angesetzten Prothesen und lassen seinen rechten Fuß vor den linken setzen.

Spezialsystem kostet etwa 100.000 Euro

Noch assistieren zwei Physiotherapeutinnen dem auf Krücken gestützten jungen Mann bei seinen ersten Laufversuchen. Doch schon bald werde er sich auch ganz allein mit Unterstützung eines Gleichgewichtssensors fortbewegen können, sagt John Frijters, Europa-Manager der israelischen Firma Argo Medical Technologies in Yokneam, die das sogenannte ReWalk-System nach den USA und Großbritannien nun auch in Deutschland, Österreich und Frankreich einführen will.

Erfunden hat den etwa 100.000 Euro teuren Elektroanzug der israelische Ingenieur Amit Goffer, der seit einem Unfall vor mehreren Jahren selbst Rollstuhlfahrer ist. Mit eigenem Kapital entwickelte der Tüftler einen Prototypen, den er nun über seine 30 Mitarbeiter zählende Firma weltweit vermarktet. Er wolle Gelähmten die Würde zurückgeben, sagte Goffer (siehe Video unten).

Selbstständiges Gehen mit 2,6 Stundenkilometer Spitze

Der Elektroanzug ist etwa 25 Kilogramm schwer und besteht aus mehreren an Gelenken aufgesetzten Antriebsmotoren, zahlreichen Bewegungssensoren und einem Computer zur Steuerung sicherer Bewegungsabläufe. Voraussetzung für seine Nutzung sind bewegliche Hände, Arme und Schultern, ein gesundes Herz-Kreislauf-System und eine ausreichende Knochenfestigkeit.

Die motorisch betriebene Prothese, die sich der Patient binnen fünf Minuten selbst anlegen kann, wird mit einer wiederaufladbaren Batterie betrieben. Der fünf Kilo schwere Akku wird in einem Rucksack auf dem Rücken mitgeführt. Die Energie reiche aus für einen Tag oder etwa drei bis vier Stunden ununterbrochenen Gehens, versichert Frijters.

So einen Gewaltmarsch schafft Tom natürlich noch nicht. Bis sich sein gelähmter Körper an das System gewöhnt hat, sind mindestens 14 Trainingsstunden erforderlich. Dann aber, so zeigten bereits Langzeittests in Israel, könnte ein Querschnittgelähmter mit einem Spitzentempo von 2,6 Stundenkilometern wieder laufen. Sogar Stufensteigen soll wieder möglich werden. Zusätzliche Mobilität gewinnt der Patient dadurch, dass er sich auch ganz allein in ein mit Handbetrieb zu steuerndes Auto setzen und daraus auch wieder aussteigen kann.

Krankenkassen signalisierten erstes Interesse

Erste Gehversuche in der BDH-Klinik Greifswald am Dienstag vergangener Woche (21. August 2012).

Der Ärztliche Direktor des 1998 entstandenen Reha-Zentrums, Thomas Platz, spricht von einer faszinierenden Innovation, die nun in den nächsten Monaten in Greifswald genau getestet werde. Sie könnte Querschnittsgelähmten mit guter Kondition, stabilisierter Wirbelsäule, funktionierendem Gleichgewichtssinn und beweglichen Armen die Rückkehr zu einem weitgehend selbstständigen Leben spürbar erleichtern, sagt der Professor. „Das Exo-Skelett gibt mir richtig kräftig Auftrieb und Motivation“, sagt Tom Schwietzer.

Hersteller Argo bastelt unterdessen schon an einer moderneren Version, speziell für den Gebrauch daheim. Die deutschen Krankenkassen sollen angeblich auch schon Interesse signalisiert haben. Zusagen zu eventuellen finanziellen Beteiligungen machten sie bislang aber noch nicht.

Das derzeit als Trainingsgerät für Kliniken in Europa und den USA verfügbare System wird in zwei Größen für maximal 100 Kilogramm schwere Personen mit Größen bis 1,75 und 1,90 Meter angeboten. In der Entwicklung befindet sich eine fortgeschrittene Version für den privaten Gebrauch daheim, die mit 55.000 Euro etwa halb so teuer sein wird wie der gegenwärtig verfügbare Anzug.

Im September soll das System auf der internationalen Fachmesse Rehacare in Düsseldorf vorgestellt werden.

(Ralph Sommer/dapd)

Video

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