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Wie fahren behinderte Menschen Autos?

Gas geben mit der Hand, Blinken mit dem Kopf und Lenken mit dem kleinen Finger – in Spezialautos für Menschen mit Behinderung ist das möglich. Fahrhilfen sorgen dafür, dass auch Querschnittsgelähmte mit einem eigenen Wagen fahren können. Welche Zuschüsse für einen Umbau oder Neukauf gibt es?

Kadomo Commander mit Multidrehknopf (Foto: Kadomo)

Autofahrer mit Querschnittslähmung oder einer anderen Behinderung kennen die meisten Fakten des folgenden Berichts längst. Wir veröffentlichen ihn trotzdem, weil wir immer wieder Menschen erleben, die uns ganz erstaunt fragen: Du kannst Auto fahren? Da ROLLINGPLANET auch von vielen nichtbehinderten Zweibeinern gelesen wird, gibt es hier nun für sie (und Neulinge im Rollstuhl) Aufklärung.

Thomas Krämer arbeitet als Fachinformatiker und spult mit seinem VW Multivan T5 im Jahr bis zu 40.000 Kilometer ab. Dabei ist der 31-Jährige aus der Nähe von Koblenz seit 1998 ein „Tetra“. Der Begriff geht auf die Tetraplegie zurück, eine Form der Querschnittslähmung, die alle vier Gliedmaßen betrifft. Trotz des Handicaps machte Krämer 1998 den Führerschein und ist seit 2004 mit einem eigenen Auto unterwegs.

Damit er Auto fahren kann, war ein umfangreicher Umbau des T5 erforderlich. „Arme und Hände kann ich eingeschränkt nutzen, ich kann aber beispielsweise beim Lenken nicht so viel Kraft aufbringen“, sagt Krämer. Daher mussten in seinen Kleinbus neben einer Hebebühne für den Rollstuhl auch ein Handgas- und Handbremssystem, eine zusätzliche Lenkunterstützung sowie ein Fahrersitz auf Schienen eingebaut werden, der den Rollstuhl im Fond erreichbar macht.

Außerdem befinden sich in der Kopfstütze Schalter für Blinker, Hupe und Scheibenwischer. „Das ist ein zusätzlicher Sicherheitsaspekt, denn mit dem Kopf kann ich den Blinker meist schneller und leichter bedienen als mit der Hand“, erklärt er.

Firmen haben sich auf den Umbau spezialisiert

Fast 60.000 Euro hat der Umbau des T5 gekostet. Die Arbeiten hat das Unternehmen Kadomo übernommen – eine der Firmen in Deutschland, die auf die individuelle Ausstattung behindertengerechter Fahrzeug spezialisiert ist (andere bekannte Unternehmen sind beispielsweise Zawatzky und Paravan). Menschen, die etwa ein Bein verloren haben, können dort das Gaspedal von rechts auf links umlegen lassen. „Früher wurde dafür das Gestänge umgebaut, heute wird das elektronisch mit einem Schalter gelöst, so dass auch andere Personen mit dem Auto fahren können“, erklärt Udo Späker von Kadomo, der schon Sportwagen wie einen Porsche mit Fahr- und Bedienhilfen ausgestattet hat.

Grundsätzlich sei so gut wie alles machbar. „Die meisten Umbauten betreffen aber das Gaspedal, die Handschaltung oder einen Drehsitz“, sagt Späker. Der T5 von Tobias Krämer sei deutlich aufwendiger gewesen, die Individualisierung habe insgesamt gut drei Wochen gedauert. Kostenträger in diesem Fall war die Berufsgenossenschaft, da Krämer 1998 bei einem Verkehrsunfall auf dem Arbeitsweg gelähmt wurde.

Zuschüsse für Umbau oder Neukauf

Gemäß der Kraftfahrzeug-Hilfeverordnung (Kfz-HV) hat ein Berufstätiger mit Handicap ein Recht auf Mobilität. Um Zuschüsse für den Umbau oder Neukauf eines Fahrzeugs zu erhalten, muss ein sozialabgabenpflichtiges Arbeitsverhältnis bestehen. Wer weniger als 15 Berufsjahre hinter sich hat, wendet sich an die Arbeitsagentur. Oberhalb dieser Grenze ist die Rentenversicherung der richtige Ansprechpartner. Unabhängig von einem Arbeitsverhältnis kann die Kfz-Steuerbefreiung je nach Art der Behinderung bis zu 100 Prozent genutzt werden.

„Es ist eine häufige Fehlinformation, dass grundsätzlich 9.500 Euro beim Fahrzeugkauf dazugezahlt werden“, stellt Achim Walter Neunzling vom Bund behinderter Auto-Besitzer (BbAB) fest. Die Höhe der Zuzahlung hänge zunächst vom Einkommen ab. Wenn allerdings die Wohnung nur rund sieben Kilometer oder weniger vom Arbeitsplatz entfernt ist, gilt ein Fahrdienst als günstiger.

„Grundsätzlich wird es aber immer schwieriger, Zuschüsse zu erhalten. Viele Betroffene sind außerdem mit den bürokratischen Anforderungen überfordert“, sagt Neunzling, der mit dem BbAB Ratsuchenden hilft sowie den Kontakt zu Autoindustrie und Spezialumrüstern hält.

VW, Audi und Mercedes sind Vorreiter

Das Angebot an Mobilitätslösungen für Behinderte sei dagegen insgesamt deutlich besser geworden. Nahezu alle größeren Autobauer bieten inzwischen Handicap-Fahrzeuge ab Werk an. Zu den Vorreitern zählen Volkswagen, Audi und Mercedes.

„Volkswagen entwickelt bereits seit 1950 Fahrhilfen. Damals ging es vor allem darum, Kriegsversehrten die Möglichkeit zu geben, Auto zu fahren», erläutert Christina Peternek von VW. Aktuell biete der
Wolfsburger Hersteller 17 unterschiedliche Fahrhilfen an, die besonders häufig in die Modelle Golf Plus, Tiguan und Passat eingebaut würden. Kunden müssten für solche Sonderfahrzeuge allerdings bis zu sechs Wochen längere Lieferfristen in Kauf nehmen.

Umrüster sind da in der Regel schneller: Nach eigenen Angaben benötigt Kadomo für den Einbau eines Handbediengeräts für Gas und Bremse in einen VW Golf Plus drei Tage. Die verwendeten Teile seien identisch mit der VW-Fahrhilfe ab Werk. Hierzulande sind mittlerweile mehr als 60 Firmen auf die Ausstattung behindertengerechter Fahrzeuge spezialisiert. Viele bauen nicht nur Autos um, sondern sind ihrer Kundschaft zum Beispiel auch bei der Beantragung von Zuschüssen behilflich.

(Claudius Lüder/dpa)

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