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Streit um Paralympics-Prämien: Popow und Schmidt widersprechen Motzki Czyz

Von den 150 Aktiven im deutschen Paralympics-Aufgebot werden aktuell 118 von der Sporthilfe gefördert. Deren Gesamtförderung für 2012 beläuft sich bislang auf 2,63 Millionen Euro.

Leichtathlet Heinrich Popow aus Leverkusen am 4. August 2012 bei der Einkleidung der deutschen Paralympics-Athleten in Mainz (Foto: Arne Dedert, dpa/lrs)

Nur die Hälfte oder ein Plus von zwei Drittel? Auf die Frage, ob die deutschen Behindertensportler mit der Erhöhung der Sporthilfe-Prämien um 66 Prozent für die Medaillengewinner bei den am Mittwoch beginnenden Paralympischen Spielen ihre Wünsche erfüllt sähen, gab Friedhelm Julius Beucher eine in die Zukunft gerichtete Antwort. „Top-Leistungen verlangen Top-Wertschätzung. Das ist ein erfreulicher und wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, kommentierte der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) gestern in Frankfurt am Main die weitere Annäherung der Paralmpics-Prämien an die Olympia-Boni.

Mit Beschluss vom Montag zahlt die Deutsche Sporthilfe für einen Sieg bei Spielen der Gehandicapten in London 7.500 Euro Prämie (ROLLINGPLANET berichtete: Paralympics-Prämien: 7.500 statt 4.500 Euro für Gold. Czyz meckert: “Das können sie sich sparen”). Das ist die Hälfte der Summe, die ein Olympiasieger erhalten hat, aber 3.000 Euro mehr, als 2008 gezahlt worden waren. In Peking hatten sich die Paralympics-Sieger mit 4.500 Euro begnügen müssen. Olympia-Gold war auch vor vier Jahren 15.000 Euro wert. Für Silber gibt es bei den Paralympics jetzt 5.000 Euro (zuletzt 3.000), für Bronze 3.000 Euro (1.500).

Fußball-Liga zeigt sich großzügig

Beucher bestätigte, dass die Prämienerhöhung vor allem dank zusätzlicher Gelder der Deutschen Fußball-Liga und der Bundesliga-Stiftung möglich sei. „Diese Entwicklung ist enorm. Daher will ich vor allem Danke sagen, insbesondere Herrn Gaugler von der Bundesliga-Stiftung, der das durch die Bereitstellung erklecklicher zusätzlicher Mittel möglich gemacht hat“, meinte Beucher.

„Der Fußball ist in einer öffentlich sehr bevorzugten Position. Deswegen haben wir uns entschieden, zu helfen“, sagte Kurt Gaugler, der Geschäftsführer der Bundesliga-Stiftung. „Der Fußball sollte sich nicht vom anderen Sport abgrenzen, sondern gemeinsam mit ihm gehen.“

Rainer Schmidt bei den 13. Paralympischen Spielen in Peking 2008 (Foto: dpa)

Obwohl die DBS-Forderung nach einem Betrag von 60 bis 70 Prozent der Olympia-Prämien nicht realisiert wurde, zeigte sich der siebenmalige Paralympics-Teilnehmer im Tischtennis, Rainer Schmidt (der heute übrigens auch als Kabarettist auftritt), ebenfalls zufrieden: „Es muss nicht der gleiche Betrag sein. Die deutliche Steigerung kommt bei vielen Sportlern gut an. Wenn bei 20 Leuten sich einer beschwert und 19 dankbar sind, ist das eine gute Quote.“ Außerdem sagte Schmidt: „Wir dürfen nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Es muss gar nicht der gleiche Betrag sein, wichtig ist, dass sich überhaupt etwas bewegt“.

Czyz: “Das können sie sich sparen“

Wojtek Czyz (Archivfoto von 2009: Deutsche Sporthochschule Köln)

Noch am Vortag hatten sich mit Ilke Wyludda und Wojtek Czyz zwei prominente Sportler mit Handicap über die ungleiche Behandlung beschwert. „Ich verstehe diese Kritik, sehe die deutliche Erhöhung der Prämien aber als großen Schritt”, so Schmidt.

Er reagierte damit insbesondere auf die Kritik des viermaligen Paralympics-Siegers Wojtek Czyz am zwischen Sporthilfe und DBS ausgehandelten Kompromiss. „Das können sie sich sparen, so lange es nicht 15.000 Euro sind. Eine Erhöhung ist keine Anerkennung für unsere Leistungen. Da hätten sie das Geld besser gespart und woanders eingesetzt“, hatte der nach einem Fußball-Unfall am Oberschenkel amputierte Leichtathlet der „Bild“-Zeitung gesagt.

Lob für DSB-Präsident Julius Beucher

Sprinter Heinrich Popow kam zu einer anderen Bewertung. „Ich finde es super, dass die Prämiensätze angeglichen werden. Das ist auch ein Erfolg des neuen Präsidenten Friedhelm Julius Beucher. Aber für mich ist auch wichtig, zuerst in London meine Leistung zu bringen und Gold zu holen. Für mich steht das Geld nicht im Vordergrund“, sagte der Peking-Silbermedaillengewinner der dapd. Ganz so, wie die deutsche Goldhoffnung glaubt, ist Beucher allerdings nicht: Er trat sein Amt im Juni 2009 an (siehe ROLLINGPLANET-Interview: ““Behindertensport rückt in die Mitte der Gesellschaft”). Auf seiner Facebook-Seite wiederholte und betonte Popow: „Ich bin in London, um Gold zu holen, nicht um über Geld zu reden.“

Michael Ilgner, der Vorsitzende des Vorstands der Deutschen Sporthilfe, verwies auf die signifikant ausgebaute Gesamtförderung der Paralympics-Athleten aus Mitteln der Sporthilfe und des DBS seit Sydney 2000. Die Prämien – vor zwölf Jahren gab es für einen Paralympics-Sieg nur 1.350 Euro, während Olympia-Gold bereits 15.000 Euro wert war – machten nur einen Teil der Unterstützung aus. Nach Angaben der Sporthilfe liege die durchschnittliche Förderung der Behindertensportler über jener von Olympia-Teilnehmern. Wichtig sei, “nicht auf singuläre Maximalprämien zu schauen, sondern eine kontinuierliche, nachhaltige Förderung zu garantieren, gerade bei der Verbindung von Spitzensport und Ausbildung oder Beruf.”

Kritik von der Antidiskriminierungsstelle

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, stärkte indes den Kritikern den Rücken. Viele Sportler seien zurecht darüber erbost, dass sie im Vergleich zu ihren nichtbehinderten Olympia-Kolleginnen und Kollegen weiterhin deutlich niedrigere Prämien erhalten. „Hier entsteht der Eindruck, Sportlerinnen und Sportler mit Behinderungen verdienten weniger Anerkennung. Das halte ich für sehr bedenklich“, wurde Lüders in einer Mitteilung zitiert. Die nun verkündete Aufstockung der Prämien begrüßte Lüders ausdrücklich.

Von den 150 Aktiven im deutschen Paralympics-Aufgebot werden aktuell 118 von der Sporthilfe gefördert. Deren Gesamtförderung für 2012 beläuft sich bislang auf 2,63 Millionen Euro. Der geschätzte Betrag, der dazu noch für die Medaillenprämien in London fällig werden dürfte, liegt im mittleren sechsstelligen Bereich.

( Reinhard Sogl/Michaela Widder/dapd/dpa)


Zum Magazin ROLLINGPLANET PARALYMPICS 2012


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