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Vater der Paralympischen Spiele: Das war der legendäre Sir Ludwig Guttmann

Wer war der Arzt, den seine Patienten zärtlich Poppa riefen, und der vor dem Nazi-Terror flüchten musste? Warum lieben und bewundern ihn so viele als Halbgott?

Sir Ludwig Guttmann hatte den Spitznamen “Poppa”

Es gibt hierzulande nicht mehr viele Rollstuhlfahrer, die Sir Ludwig Guttmann noch selbst erlebt haben. Manfred Sauer (65), in der Querschnittszene schon lange selbst eine Legende, gehört zu ihnen.

Für den Tetraplegiker aus Lobbach, der mit Urinalen reich geworden ist (300 Mitarbeiter) ist Guttmann immer noch ein Halbgott – Sauer war 1963 einer der ersten deutschen Patienten, die in Guttmanns Klinik behandelt wurden. Der damals 19-Jährige befand sich auf einem Sprachkurs in England, als er sich bei einem Sprung in die Themse seinen Halswirbel brach. Er wurde zur Behandlung nach Stoke Mandeville gebracht. Der spätere Unternehmer erinnert sich: „Als mein Vater kurz nach meinem Unfall deprimiert das erste Gespräch mit Dr. Guttmann hatte, machte der ihm mit folgender Aussage Mut: Ich mache Ihren Sohn zum Steuerzahler!“

Wie verliefen die Begegnungen? „In Gesprächen mit ihm konzentrierte ich mich ganz besonders, jovial konnte ich nicht mit ihm sprechen. Er war eine Lichtgestalt, und man war total befangen“, erzählt Manfred Sauer ROLLINGPLANET. „Betroffene durften nicht in Selbstmitleid versinken, sondern mussten hart an sich arbeiten.“

Was viele heute nicht mehr wissen: Eine Querschnittlähmung bedeutete vor 50 Jahren oft noch das Todesurteil – oder eine schier unerträgliche Rehabilitation. „Vier Jahre lang lag ich in der Klink“, erinnert sich ROLLINGPLANET-User Rupert Renner an seinen Kletterunfall 1962. Er hatte nicht das Glück, einem Ludwig Guttmann begegnet zu sein – der revolutionierte die Behandlungsmethoden, die bis heute die Medizin prägen.

Vor den Nazis geflüchtet

Manfred Sauer ist nur einer von vielen, die der deutsche Neurochirurg Sir Ludwig Guttmann nachhaltig beeindruckt hat. Papst Johannes XXIII. nannte ihn einst den „De Coubertin für die Gelähmten“. Guttmann gilt als Begründer der Paralympics, ein Sport-Pionier wie es der Franzose Pierre de Coubertin als Vater der modernen Olympischen Spiele war.

1939 vor den Nazis geflüchtet, machte der jüdische Arzt Guttmann im englischen Stoke Mandeville Hospital Sport zur Reha-Therapie für Querschnittsgelähmte – damals einmalig. 1948 richtete er die „Stoke Mandeville Games“ aus: 16 versehrte Kriegsveteranen traten im Bogenschießen und anderem Rollstuhl-Sport gegeneinander an. Guttmann sagte in seiner Rede: „Vielleicht gibt es eines Tages Olympische Spiele für Behinderte.“

Eva Löffler begrüßte vergangene Woche den deutsche Chef de Mission, Karl Quade.(Foto: Andreas Joneck)

Eva Löffler (auf Englisch: Loeffler) war damals als freiwillige Helferin dabei. Sie ist Guttmanns Tochter, inzwischen auch schon 79 Jahre alt und für die London-Spiele zur Bürgermeisterin des paralympischen Dorfes ernannt worden (ROLLINGPLANET berichtete: Deutsche Mannschaft offiziell im Paralympischen Dorf begrüßt): „1948 war ich noch ein Teenager und hab’ mich als Volunteer gemeldet. Ich hatte kleine Aufgaben wie Pfeile aus dem Ziel ziehen und Tischtennisbälle aufsammeln. Und ich habe Bier ausgeschenkt. Es war alles eine große Party“, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa.

“Sehr autoritär, aber voller Menschlichkeit“

Ihren Vater, der 1966 von der Queen zum Ritter geschlagen wurde und 1980 im Alter von 80 Jahren starb, charakterisiert sie so: „Er war sehr autoritär, aber er war voller Menschlichkeit.“ Ähnliches berichtet Dot Tussler (53), seit 30 Jahren Physiotherapeutin der ältesten Spezialstation für Rückenmarksverletzungen der Welt. „Er wusste alles, was hier passierte. Er wusste sogar jedes Ergebnis jedes Patienten beim Bogenschießen“, erzählte Tussler.

Im typisch englischen dunkelrot-braunen Eingangsbereich des „National Spinal Injuries Centre“ rechts neben der Glasschiebetür hängt ein Porträt Guttmanns in schwarz-weiß – als überwache er noch sein Vermächtnis.

Noch heute steht Sport dort auf jedem Reha-Plan. Einen Steinwurf entfernt sind das Guttmann Sports Centre und das Stoke Mandeville Stadium – ein imposanter Komplex mit behindertengerechten Pools, Tennisplätzen, Fitness-Geräten, Laufbahnen und vielem mehr. 1969 von Elizabeth II. eröffnet, wurde die Anlage 2003 in dem Örtchen nördlich von London für umgerechnet 13 Millionen Euro neugebaut.

20- Ex-Patienten nehmen bei den Paralympics teil

Auch in London sind nun 20 Ex-Patienten aus Stoke Mandeville dabei. Darunter der Rollstuhltennis-Superstar Peter Norfolk. Der 51-Jährige wurde als Flaggenträger der Briten auserwählt und peilt sein drittes Gold an. Die Klinik organisiert parallel eigene kleine Spiele, Public-Viewing und Ausflüge zu den Paralympics.

Eine Paralympics-Siegerin ist auch zu Besuch. Wilma Anic (68), die 1988 in Seoul Bogen-Team-Gold holte und ihre Medaille dieser Tage stolz aus ihrer Handtasche zückt. Die Tochter eines schottischen Profigolfers kam erst zwei Jahre nach ihrem Autounfall nach Stoke Mandeville, aber nicht als Patientin. Sie sagt stolz: „Ich war die erste Physiotherapeutin der Welt, die selbst im Rollstuhl sitzt.“

Einst bedeutete die Diagnose Querschnittslähmung: zum Sterben verdammt, maximal noch zwei Lebensjahre. Guttmann wollte sich damit nicht abfinden und erzählte bei einer Konferenz 1962: „Ein Patient sagte mir: „Ich warte darauf, dass der Allmächtige mich holt.“ Ich sagte ihm: „Während du wartest, kannst du ja noch etwas arbeiten.“ „Poppa“, so sein Spitzname, wollte sie zu Steuerzahlern machen – so wie er auch bei Manfred Sauer Wort gehalten hatte.

“Ich hoffe, er sieht von oben alles“

Sir Ludwig Guttmann (3.7.1899-18.3.1980) (Foto: Universal Pictorial Press Photo)

Guttmanns „Games“ waren immer internationaler geworden waren. Und 1960 in Rom fanden schließlich die ersten offiziellen Paralympics statt. Das Jüdische Museum in London widmet Guttmann zurzeit eine Schau. Die BBC würdigte ihn mit dem Filmporträt „The Best of Men“.

In Deutschland wird der Ludwig-Guttmann-Preis der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie e.V. für hervorragende wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der umfassenden Rehabilitation Querschnittgelähmter und der damit verbundenen Forschung verliehen.

Guttmann, in Oberschlesien geboren und in Hamburg und Breslau als einer der führenden deutschen Neurochirurgen tätig, erhielt unter den Nazis ein Arbeitsverbot. Verwandte von ihm verschwanden in Auschwitz. Das Land, das ihn aufnahm, wollte er stolz machen.

„Das war eine Sache, die ihn so hart arbeiten ließ“, sagt seine Tochter Eva, die während der Flucht sechs war. „Er war auf eine Art Hitlers Geschenk an dieses Land und wollte unbedingt ein guter britischer Bürger sein.“ Mit Blick auf die London-Spiele der Superlative sagt Loeffler: „Ich hoffe, dass er das von da oben alles sieht.“

Auf einen Blick

Wichtigste Stationen von Sir Ludwig Guttmann als Neurochirurg: Beginn seiner Karriere in Breslau, 1928 zum Chef-Neurochirurg in Hamburg ernannt, Rückkehr nach Breslau, wo er 1930 Professor wurde, 1933 von den Nazis entlassen, ab 1933 im Jüdischen Krankenhaus Breslaus tätig, nach seiner Flucht nach England (1939) wurde er 1944 Gründungsdirektor der Spezialklinik für Rückenmarksgeschädigte in Stoke Mandeville (Ruhestand 1966).

Engagement im Behindertensport: 1948 richtete er die ersten «Stoke Mandeville Games» aus, 1960 begründete er das Nationale Britische Sport-Komitee für Behinderte, Initiator der britischen Rollstuhlsport-Stiftung WheelPower.

Privates: Er war seit 1927 verheiratet mit seiner Studienliebe Else Samuel. Das Paar hatte zwei Kinder: den 1929 geborenen Sohn Dennis und die 1933 geborene Tochter Eva.

(Inga Radel/dpa/RP)


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