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Nach 50 Jahren: Grünenthal sagt sorry

Zynisch oder aufrichtig? Der frühere Conterganhersteller hat sich erstmals bei den Opfern des Arzneimittelskandals entschuldigt und ein Denkmal finanziert.

Die umstrittene Contergan-Skulptur des Aachener Künstler Bonifatius Stirnberg (Foto: dpa)

Erstmals in seiner Firmengeschichte hat sich der Pharmakonzern Grünenthal bei den weltweit rund 10.000 Opfern der Contergan-Katastrophe entschuldigt. Bei der Einweihungsfeier für ein Denkmal im Eingangsbereich des Kulturzentrums Frankenheim sagte der Grünenthal-Geschäftsführer Harald Stock heute in Stolberg bei Aachen, es sei bedauerlich, dass Grünenthal nicht früher auf die Opfer zugegangen sei.

„Darüber hinaus bitten wir um Entschuldigung, dass wir 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen, von Mensch zu Mensch, gefunden haben. Stattdessen haben wir geschwiegen.“ Grünenthal hatte zwar schon mehrfach sein Bedauern über die „Tragödie“ zum Ausdruck gebracht, sich aber noch nie explizit entschuldigt.

Der Bundesverband Contergangeschädigter ist der Enthüllung des Denkmals demonstrativ fern geblieben. Es sei ein Unding, dass das Denkmal vom früheren Conterganhersteller Grünenthal bezahlt worden sei, sagte Verbandssprecherin Ilonka Stebritz. „Wir sehen das als zynische PR-Maßnahme von Grünenthal.“ Betroffene planen, vor dem Grünenthal-Firmensitz in Stolberg als lebende Denkmäler zu posieren.

Grünenthal zahlt 16.000 Euro – aber keine höhere Entschädigung

Initiator Johannes Igel ist selbst betroffen (Foto: WDR)

Das eingeweihte Denkmal ist das erste weltweit für die Opfer des Schlafmittels Contergan. Es handelt sich um eine 60 Zentimeter große Bronzeskulptur, die ein sitzendes Mädchen ohne Arme und mit missgebildeten Füßen zeigt sowie eine Box und einen leeren Stuhl.

Initiator Johannes Igel verteidigte seine Idee: „Ich wollte eine Brücke bauen zwischen dem Verursacher und den Geschädigten“. Der Gedanke sei ihm nach dem 2007 ausgestrahlten ARD-Zweiteiler „Contergan“ und bei einem Besuch des Holocaust-Denkmals in Berlin gekommen. Da habe er sich gesagt, dass es auch ein Denkmal für die vielen contergangeschädigten Kinder geben müsse, die kurz nach der Geburt gestorben seien.

Igel ist selbst contergangeschädigt. Der 50-jährige Verwaltungsangestellte aus dem Hunsrück wandte sich vor drei Jahren an die Stadt Stolberg. Im Laufe der Gespräche entwickelte sich aus der Idee einer Gedenktafel ein kleines Denkmal. Den Auftrag dafür erhielt der Aachener Künstler Bonifatius Stirnberg. Die Stadt Stolberg als insolvente Kommune stellte die Bedingung, dass ein Sponsor gefunden wird. Igel sprach Grünenthal an. Tatsächlich übernahm das Unternehmen die Kosten (16.000 Euro). Für Johannes Igel ist dieser Schritt eine Art Brückenbau: “Es ist ein Weg, um den Stillstand in den Gesprächen der vergangenen Jahrzehnte zwischen den Geschädigten und Grünenthal aufzubrechen.”

„Das Geld für die Skulptur tut dem milliardenschweren Unternehmen sicherlich nicht weh“, meint hingegen Ilonka Stebritz, deren Verband seit Jahren erfolglos mit der Pharmafirma um mehr finanzielle Hilfe verhandelt, die auch aufgrund der massiven Spätfolgen des Medikaments erforderlich sind.

(RP/dpa/dapd)

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