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Paralympics: Gold und Weltrekord für Markus Rehm, Silber für Wojtek Czyz

Spektakulärer Doppelerfolg der deutschen Weitspringer. Unser Goldgewinner fragte sich einst: Welches Mädchen will mich noch? Die Antwort lautet Vanessa Low.

V.l.n.r.: Markus Rehm (Gild), Wojtek Czyz (Silber) und der Däne Daniel Jorgensen freuen sich über ihre Medaillen (Foto: dpa)

Markus Rehm bei seinem Weltrekord (Foto: dpa)

Die deutschen Weitspringer haben am ersten Tag der paralympischen Leichtathletik-Wettbewerbe einen spektakulären Doppelerfolg vor 80.000 Zuschauern im Olympiastadion von London gefeiert. Markus Rehm siegte souverän vor Wojtek Czyz und verbesserte dabei seinen eigenen Weltrekord. Trainerin Steffi Nerius hielt es nicht mehr auf ihrem Sitz in der ersten Reihe: “Markus ist mein hoffnungsvollster Athlet”, sagte die ehemalige Weltmeisterin im Speerwurf.

„Es war der perfekte Tag und der perfekte Sprung. Ich hätte nicht im Traum gedacht, dass ich soweit springen würde”, sagte der unterschenkelamputierte Rehm nach seinem enormen Satz über 7,35 Meter. Der Orthopädiemechaniker verbesserte seinen eigenen Weltrekord aus dem Vorjahr gleich um 26 Zentimeter.

Czyz steigerte zwar seine persönliche Bestleistung auf 6,33 Meter, aber sogar nach Zusammenlegung der beiden unterschiedlichen Schadensklassen fehlten dem Goldmedaillengewinner von Athen und Peking noch ganze 110 Punkte zum Sieg. „Ich bin absolut zufrieden, von den Oberschenkelamputierten bin ich immer noch am weitesten gesprungen”, sagte der Kölner. Knapp am Podest vorbei flog Heinrich Popow, der aber erst in seiner Königsdisziplin über die 100 Meter als Favorit gilt.

“Welches Mädchen will mich noch?“

Wer ist der Mann, der heute Gold holte? Seine Karriere als Weitspringer startet mit einem missglückten Sprung. Markus Rehm, ein Wakeboarder aus Leidenschaft, verpasst auf dem Main eine Welle, er lässt die Leine los, stürzt, wird von einem Boot übersehen, das rechte Bein gerät in die Schiffsschraube. Noch drei Tage im Krankenhaus versuchen die Ärzte das Bein zu retten, doch dann muss ihm der Unterschenkel wegen einer Blutvergiftung amputiert werden.

Für den damals Vierzehnjährigen ein Schock. „Mein erster Gedanke war: ,Welches Mädchen will mich noch?‘ Klar musste ich mit der neuen Situation erst zurechtkommen, aber ich habe eine tolle Familie, die mir sehr geholfen hat”, sagt Rehm im Gespräch mit dapd. Freunde bringen ihm in die Klinik schon Wakeboard-Videos mit. Er will sich von der Behinderung nicht behindern lassen.

Nur ein Jahr später wird Markus Rehm Zweiter bei den Deutschen Jugendmeisterschaften. Mit wasserfester Prothese. Den ersten Überschlag schafft er sogar erst nach seinem Unfall. Eher zufällig macht er 2008 bei einem Leichtathletik-Probetraining mit und wird als Weitspringer in Leverkusen entdeckt. Unter Erfolgstrainerin Steffi Nerius springt er schnell rekordverdächtige Weiten. Im letzten Jahr gelingt ihm als erster Leichtathlet mit Amputation ein Satz über sieben Meter.

Rehm baut sein Glück und seine Prothesen selbst

Markus Rehm und Vanessa Low (Foto: dpa)

„Klar will ich vorn mitmischen, am liebsten mit Bestleistung“, sagt Rehm. Freundin Vanessa Low gehört auch zur jungen Garde der deutschen Mannschaft und tritt in zwei Tagen im Olympiastadion im Weitsprung an. Beide starten in London auch noch mit guten Chancen im Sprint. „Für unsere Beziehung ist es nicht wichtig, dass wir beide behindert sind, sondern dass wir beide Sportler sind und deswegen den gleichen Lebensstil haben“, sagt Low, die nach einem Zugunglück als Fünfzehnjährige beide Unterschenkel verlor.

Profitieren können beide von Rehms Beruf. Der Orthopädietechniker baut seine Prothesen selbst. “Da kann ich stundenlang dran herumbasteln und schauen, wo ich noch ein paar Gramm einsparen kann”, erzählt der Meister seines Fachs. Wenn Freundin Vanessa Materialprobleme hat, hilft der Experte sofort. Kurz vor den Paralympics hatte seine Prothese einen Riss und musste sogar noch ausgetauscht werden. Den rechten unnützen Spike-Schuh tauscht er übrigens mit einem Vereinskollegen – der ist auf der anderen Seite amputiert und hat dieselbe Größe

Von seinem Job ist Markus Rehm halbtags freigestellt, um sich im Top Team so professionell wie möglich auf diese Spiele vorzubereiten. Die jüngste Aufstockung der Prämien für Gold in London wertet Rehm als „Schritt in die richtige Richtung und tolles Zeichen“. Anders als sein Konkurrent Wojtcek Czyz, der die Annäherung an die Summen der nichtbehinderten Sportler kritisierte (“Das können sie sich sparen”), sagt er ähnlich wie Popow: „Da wir aber noch nicht eine derartige Leistungsdichte haben, finde ich es auch absolut in Ordnung, dass die Prämien nicht auf die gleiche Stufe gesetzt werden, wie bei Olympischen Spielen.“ Für Rehm gilt die Devise: Erst Gold, dann Geld.

(dapd/dpa)


Rehm sensationell deutscher Weitsprung-Meister


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